Weiblicher Trickster auf Long Island

Odyssee durch die Hamptons: In Emma Clines Roman „Die Einladung“ hinterlässt ein verstoßenes Callgirl auf seiner verzweifelten Suche zurück ins Paradies nichts als verbrannte Erde

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Alex hat es geschafft. Und zwar gerade noch rechtzeitig, muss man sagen. Denn jobtechnisch gesehen lief es bei dem New Yorker Callgirl zuletzt alles andere als gut. Woran die tablettenabhängige junge Frau letztlich selbst schuld ist. Schließlich hinterlässt die Hauptfigur von Emma Clines Roman Die Einladung überall nur verbrannte Erde: Alex hat Stammkunden beklaut, in einschlägigen Hotels Rechnungen nicht bezahlt, ihre Mitbewohner betrogen. Zuletzt hat sie den Drogenvorrat eines Dealers mitgehen lassen, der sie seitdem auf ihrem Handy mit Hassnachrichten und Drohungen bombardiert.

In dieser Lage trifft es sich gut, dass Alex Simon kennenlernt und zum Glück auch gleich richtig einschätzt. Denn der reiche Kunsthändler ist ein „Zivilist“, wie es im Roman ironisch heißt, soll heißen, er ist kein Mann, der sich sexuelle Dienstleistungen kaufen würde. Aber ein normales Mädchen, das nach dem College nicht weiß, wie es weitergeht, durchaus. Also lässt sich die mit einem Mal etwas schüchtern wirkende Alex von dem Fünfzigjährigen einladen, auf seinem Anwesen auf Long Island den Sommer zu verbringen.

Eine Win-Win-Situation, könnte man sagen, die für Alex dazu noch die Aussicht auf ein dauerhaftes Arrangement verheißt:

Vor ihr hatte es andere gegeben, das wusste Alex, andere junge Frauen mit Weekendern und hoffnungsvollen, gepflegten Körpern, andere Frauen, die um zehn Uhr morgens in die Küche schlenderten, um Kaffee zu trinken, den jemand anderes für sie zubereitet hatte, die sich den Baumwollslip aus der Poritze zupften und nach Simon umsahen. Dünne Mädchen in Tops, die Joghurt im Stehen aßen. Aber Alex hatte sie überdauert, war in ein anderes, permanenteres Gefilde gewechselt.

Letzteres erweist sich natürlich als Illusion – ein Fehltritt auf einer Party genügt, um aus dem Paradies verstoßen zu werden. Für immer oder nur vorübergehend? Alex redet sich ein, Simons Ärger würde bald verraucht sein; sie müsse nur irgendwie die Woche bis zu Simons anstehender Party überstehen, bei der sie dann triumphal zurückkehren könnte. Bis dahin irrt Clines Protagonistin durch die Hamptons, faktisch obdachlos und nur mit einer Handtasche voller gestohlenem Krimskrams.

Long Island war schon zur Zeit von F. Scott Fitzgeralds Großem Gatsby das Habitat der Schönen und Reichen, ein Ort von Luxus und Täuschung; unlängst machte der Ort Schlagzeilen, weil nach jahrelanger Suche ein mutmaßlicher Serienkiller gefasst wurde, der seine Opfer, überwiegend Prostituierte wie Emma Clines Protagonistin, am Strand vergraben hatte. Dieses Schicksal bleibt Alex immerhin erspart; Clines Heldin schwindelt sich dagegen als weiblicher Trickster auf jeder Station ihrer Reise irgendwie durch bzw. weiter.

Alex checkte ihre Mails – von Simon kein Wort. Warum auch. Na ja, die Uhr. Sie hatte Simons Uhr eingesteckt. Böse, dachte sie, wirklich böse, aber in diesem Moment fühlte es sich nicht böse an. Nur lustig, auf eine irgendwie entrückte Art. Wäre er sauer deswegen? Sie würde ihm die Uhr zur Party zurückbringen. Es war ihm wahrscheinlich nicht mal aufgefallen.

Junge Frauen in Schwierigkeiten, das ist Emma Clines Lieblingspersonal, und zwar seit sie 2016 für ihren Debütroman The Girls gefeiert wurde. Mit der zwischen Scharfsicht und Selbsttäuschung pendelnden Alex hat die 34-jährige Autorin ihren wohl bislang faszinierendsten Charakter geschaffen. Denn geradezu gnadenlos durchschaut die junge Frau aus prekären Verhältnissen die Gesellschaft auf Long Island, die gleichermaßen skandalös reich wie vollkommen hohl ist. Und in der Frauen, wie Alex erkennt, nur die Rolle von „gesellschaftlichen Ausstellungsstücken“ zukommt, von „häuslichen Totems“. Umso irritierender daher, wie erfolgreich sich das Escortgirl fortwährend belügt, wenn es um ihr eigenes Treiben und seine Konsequenzen geht.

Zum Glück ist die Autorin zu klug, um für Alexʼ Amoralität eine allzu leichte Erklärung anzubieten. „Warum bist du so?“, wird ihre Protagonistin einmal von einem allzu naiven Angestellten gefragt, den Alex aus einer Laune heraus in eine fatale Lage gebracht hat:

Und er fragte wirklich. Erwartete irgendeine Erklärung, irgendeine logische Gleichung – x war ihr passiert, irgendetwas Schlimmes, deshalb war y ihr Leben, und das leuchtete natürlich ein. Aber wie sollte Alex erklären, dass es keinen Grund gab, dass ihr nie etwas Schlimmes widerfahren war. Es war alles ganz normal gewesen.

So verfolgt man Alexʼ Odyssee mit atemloser Spannung, selbst dann noch, als sie einen Heranwachsenden mit psychischen Problemen ausnutzt, mit schlimmen Folgen. Und dann ist da ja auch noch die traumähnliche Atmosphäre, durch die dieser Roman besticht, und nicht zuletzt Emma Clines gewohnt geschliffener Stil.

Titelbild

Emma Cline: Die Einladung.
Aus dem Englischen von Monika Baark.
Carl Hanser Verlag, München 2023.
320 Seiten , 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783446277571

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