Die Königin von Wien reist nach Iowa

Stefanie Sargnagels autofiktionaler Reisebericht ist vor allem die Geschichte einer Freundschaft

Von Christina DittmerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christina Dittmer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Weißkopfadler segelt an uns vorbei. Obwohl der Himmel wolkenlos ist und die Sonne strahlt, scheint alles irgendwie erstickt. Vielleicht sind das die Pestizide. […] Alles in Amerika ist mir unheimlich, wie die Butter. Christiane hat die Butter einen ganzen Tag draußen vergessen, aber sie wurde nicht weich.

Einen Namen gemacht hat sich die österreichische Autorin und Cartoonistin Stefanie Sargnagel insbesondere durch ihre gleichermaßen grantigen wie auch humorvollen Kurztexte, die sie zunächst auf Facebook veröffentlichte. Zuletzt erschien ihr autofiktionaler Coming-of-Age-Roman Dicht (2020), in dem Sargnagel von ihrer Schulzeit im Wiener Bezirk Währing berichtet. Für ihren Roman Iowa tritt die „Königin von Wien“, wie sie sich selbst bezeichnet, aus ihrem gewohnten Umfeld heraus. 2022 war sie Gastdozentin am Grinnell College, einer kleinen Elite-Uni im ländlichen Iowa, um den Deutsch-Studierenden einen Einblick in Kreatives Schreiben zu geben. Auf dem ersten Teil ihrer Reise wird sie von Christiane Rösinger begleitet, Musikerin, Autorin und Journalistin, die am Grinell College ein Konzert geben soll. Beide sind bereits gemeinsam auf Tour gewesen, als „Legends of Entertainment“. Nun also Iowa. Die Erwartungen sind hoch: „Wir werden zusammen im Maisfeld stehen, Slipknot hören, einander zunicken und dann mit Waffen auf rostige Bohnendosen schießen.“

Grinnell ist eine Kleinstadt im ländlichen Iowa mit 8.000 Einwohner:innen, Tendenz sinkend. Niemand geht dort zu Fuß irgendwohin, vermutlich auch eine Sicherheitsmaßnahme, denn die Straßen sind übersät von überfahrenen Tieren. Zur Stammkneipe der beiden Künstlerinnen wird schnell die Rabbit’s Tavern; Juke Box, Dartscheibe, Waffenverbotsschild an der Tür. Man bestellt ein Getränk und legt seine Kreditkarte für den Rest des Abends auf den Tresen. Die Welt der Kneipe stellt einen Kontrast dar zum Leben und den intellektuellen Gesprächen auf dem Campus. Stefanie Sargnagel weiß es in ihren Schilderungen, skurrile Charaktere gekonnt in Szene zu setzen, wie die beiden Kneipen-Stammgäste Homer (der sich seinen Namen tätowiert hat) und Loki (der eigentlich Luke heißt). Neben all diesen Episoden streut die Autorin immer wieder Gedanken über sich selbst ein und lässt mitunter tief blicken in ihre Überlegungen zu ihrem eigenen (Künstlerinnen-)Leben.

Ein kleines Highlight sind Christiane Rösingers sporadisch eingestreute Fußnoten, die nicht an Kritik und Richtigstellungen sparen, wenn Stefanie Sargnagel ihrer Meinung nach altersdiskriminierende Kommentare von sich gibt oder einfach nur, um ihre Ehre zu retten, wenn sie klarstellt, dass die Pflanzen in ihrer Wohnung nicht verwahrlost sind, sondern einfach nur nicht so „instagramable“.

Die USA, die die beiden Frauen bereisen, wirken auf Sargnagel fiktional, beinahe kulissenhaft, so wie es wohl vielen USA-Besucher:innen geht, die mit amerikanischen Serien aufgewachsen sind. Mit leichtem europäischen Spott beschreibt sie die amerikanischen Verhältnisse. Im Seitentakt werden schonungslos eine Reihe Klischees über die (ländlichen) USA bestätigt, darunter (zu) süßes und fettiges Essen, US-Flaggen in Vorgärten, übergewichtige Cafégäste, ausgeprägte Religiosität, mit Waffen und erlegten Tieren posierende Männer, Dackelrennen, transzendentale Meditation und gigantische Einkaufskomplexe, in denen es unter anderem Waffen, Camouflage-Strampelanzüge und besonders männliche Seife („BIG ASS BRICK OF SOAP“) gibt. Das ist einerseits sehr witzig, andererseits bleibt einem schnell das Lachen im Halse stecken, denn es zeigt auch die Abgründe einer Gesellschaft, in der Donald Trump Präsident werden konnte. Ein als Highlight des Aufenthaltes geplanter Trip nach Los Angeles und San Francisco senkt die sonst so heitere Stimmung ins Bodenlose: Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit, Elend.

Doch die Erlebnisse in den USA sind eigentlich fast mehr Hintergrund für die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen unterschiedlichen Alters. Christiane Rösinger ist 25 Jahre älter als Stefanie Sargnagel und für diese ein Vorbild, sei es in der Kunst, als auch im Leben:

Dass man Christianes Genie nicht ausreichend würdigt, beleidigt mich persönlich. Genug kulturelles Kapital der Indie-Kultur trägt sie als beste Songwriterin Deutschlands und zentrale Figur des Berliner Szenelebens auf ihren Schultern, und trotzdem wird sie weniger gewürdigt als verblichene Männer derselben Generation.

Stefanies und Christianes Zusammenleben, ihre gegenseitigen Sticheleien und ihr tiefer Respekt füreinander stehen im Mittelpunkt des ersten Teils des Buches. Nach ihrer Abreise ist die Autorin erst alleine in Iowa, dann kommt zum Abschluss ihre Mutter zu Besuch.

Der zweite Roman der Bestsellerautorin ist mindestens genauso gut, wie der Vorgänger Dicht. Die Mischung aus Humor und ernsten Tönen ist ebenso gelungen, wie die Kombination aus Reisebericht und Selbstreflexion. Eine leichte Lektüre, die mit gekonntem Sprachwitz überzeugt, an vielen Stellen aber auch nachdenklich macht.

Titelbild

Stefanie Sargnagel: Iowa. Ein Ausflug nach Amerika.
Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2023.
304 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783498003401

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