Zwei Kleinode

Mit den Publikationen von „An meinen unbekannten Leser“ und „Zwei Soldaten“ erneuert der Verlag „das vergessene buch“ seine Verdienste um Maria Lazar

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über ein halbes Jahrhundert lang war die österreichische Schriftstellerin Maria Lazar so gut wie völlig vergessen. Dass sich das in den letzten Jahren gründlich geändert hat, ist dem kleinen aber hochaktiven (und auch ansonsten sehr verdienstvollen) Verlag das vergessene buch zu verdanken, der sich ihr und ihren Werken seit 2014 angenommen hat. Inzwischen hat der Verlag ein halbes Dutzend ihrer Bücher neu oder erstmals aufgelegt. Zu letzteren zählt der unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verfasste Prosatext Zwei Soldaten, der aus einander abwechselnden inneren Monologen der beiden titelstiftenden Protagonisten besteht, ohne dass sie je von einer Erzählerzählinstanz unterbrochen würden.

Der englische Bomberpilot Johnny Smith und der deutsche „SS-Sturmmann“ Hans Schmitt, werden durch ihre Allerweltsamen als typische Vertreter ihrer Länder ausgewiesen. Beide liegen schwerstverletzt und durstgeplagt dicht nebeneinander im offenbar nordafrikanischen Wüstensand. Einander sehen können sie sich zwar nicht – sei es, weil es Nacht ist oder sie erblindet sind –, doch hören sie den jeweils anderen stöhnen, schreien und teils brabbelnd reden, ja sogar singen. Miteinander zu kommunizieren ist ihnen jedoch nicht möglich, da ein jeder die ihm fremde Sprache des anderen nicht versteht.

Zwar deutet die Namensgleichheit beider auf Gemeinsamkeiten hin, diese beschränken sich allerdings darauf, dass sie beide als sterbende Soldaten im Wüstensand liegen. Tatsächlich aber könnten sie, ihre Gesinnung, ihre Ideale, ihre persönlichen Wünsche und überhaupt ihre ganze Haltung zum Leben und zur Welt kaum unterschiedlicher sein. Die Autorin macht das nicht nur deutlich, indem sie jedem von ihnen eine eigene Stimme mit unterschiedlichem Vokabular und unterschiedlicher Sprech- beziehungsweise Denkweise verleiht, sondern auch, indem sie die inneren Monologe beider parallelisiert. So wünscht sich der sterbende Engländer, seine Geliebte noch einmal küssen zu können; der Deutsche will die seine hingegen noch einmal „besitzen“. Stirbt der Deutsche für seinen Führer und weil der „Heimatraum“ der deutschen „Herrenmenschen“ „zu klein“ sei und „Deutschland groß werden“ müsse, so der Engländer, „damit am sanften Fluss zuhause die Kinder spielen können“. Auch stellt sich Smith vor, dass seine Mutter nach Erhalt der Todesnachricht ihres Sohnes in die Küche geht, um still zu weinen, während Schmitt der seinen die Tränen versagt, da sie stolz darauf sei, dass ihr Sohn für den Führer gestorben ist. „Mutter weint nicht“, sondern befindet sich „in stolzer Trauer“, so wie es Schwarz auf Weiß in der Todesanzeige stehen wird.

Überhaupt wiederholt der Deutsche ein ums andere Mal die nationalsozialistischen Phrasen und Parolen, an die er sich klammert und an denen er sich aufzurichten versucht. Als Ideale hält er „Verlässlichkeit, Ertüchtigung und stramme Haltung“ hoch. „Auf das Wissen kommt es [hingegen] nicht mehr an“ und „im Volksinteresse hört die Freundschaft auf“. Dennoch plagen ihn angesichts der von ihm begangenen Kriegsverbrechen ganz offenbar Gewissensbisse, die er jedoch von sich zu weisen versucht. So wiederholt er sich immer wieder, er habe auf „Befehl des Führers“ nur seine „Soldatenpflicht“ erfüllt und überhaupt müsse „aufgeräumt [werden] mit diesem Untermenschenpack“, worunter er zuforderst „Juden und Polen“ versteht. Er sei allerdings „nur mit dabei“ gewesen und „keiner, dem so was Freude macht, so glaubt mir doch, ich führe nur aus, was mir befohlen war, mit ehernem Gehorsam, unerschrocken“. So verbindet er die Zurückweisung seiner Schuld mit seine Verbrechen scheinbar rechtfertigenden Naziphrasen, um schließlich in der völligen Leugnung zu gipfeln: „ich habe nichts getan, ich weiß von nichts und was ich tat, das habe ich vergessen.“ Im Stakkato denkend sieht er sich dabei ungebrochen als „prächtige[n] Junge[n], Rasse, Bauernblut, erkoren und erlesen, um zu herrschen, ein Führertyp, ein Mann, ein Held“. Sterbend phantasiert er sich Hitler als Gott, um sogleich selbst mit ihm zu verschmelzen: „Heil Schmittler!“

So kommt es nicht, wie sich vielleicht vor der Lektüre vermuten ließe, zur Aussöhnung der beiden sterbenden Feinde. Vielmehr scheitert sie weit realistischer nicht erst an der Unmöglichkeit miteinander zu kommunizieren, sondern schon an der ungebrochenen ideologischen Verblendung des Deutschen, der den Engländer zuletzt erschießen will, sich jedoch – sehr symbolträchtig – selbst trifft.

Dem Herausgeber Albert C. Eibl ist zuzustimmen, wenn er in dem kleinen Prosawerk Zwei Soldaten „eine meisterliche Parabel rund um Schuld, Unschuld und ideologische Verführung“ erkennt. Dass Lazars Text eine „Antikriegsnovelle mit dramatisch reduzierter Handlung“ sei, urteilt allerdings etwas zu undifferenziert. Denn der Text unterscheidet deutlich zwischen dem Angriffskrieg der ideologisch verblendeten Deutschen und dem aufgezwungenen Verteidigungskrieg der Engländer.

In einem zweiten nahezu zeitgleich mit Zwei Soldaten erschienenen Bändchen offeriert Herausgeber und Verleger Eibl dem Publikum sämtliche (erhaltene) Gedichte und bislang unveröffentlichte Fotografien Lazars. Eröffnet werden die insgesamt nicht mehr als zehn lyrischen Werke von dem titelstiftenden Gedicht An meinen unbekannten Leser, das sich als Vorwort für den gesamten Band lesen lässt, aber doch sehr viel mehr ist. Denn Lazar entwickelt in ihm eine ganz persönliche Nähe zu dem ihr „unbekannten Leser“, den sie nicht kennt und nie kennen lernen wird, von dem sie sich jedoch vorstellt er werde „in fernen verregneten Tagen“ ihr Buch zur Hand nehmen, es lesen und ihr so zum „Kamerad“ werden, der „den Satz, den wir beide am meisten lieben […] beinah […] selber geschrieben hätte“. Nun erwecken ihr nachgeborene Unbekannte diesen Satz und mit ihm alle anderen durch ihre Lektüre zu neuem Leben, so dass auch das Lyrische Ich „nicht umsonst auf Erden gewesen“ ist.

Schon dieses erste Werk schlägt den melancholischen Ton fast aller Gedichte an, der allerdings nie traurig und schon gar nicht resigniert wird. Selbst dann nicht, wenn das Lyrische Ich einmal „ein wildes Weh, ein Grauen nicht zu nennen durchschüttelt“. Denn wenn sein „Staub schon längst verweht“ sein wird, steht vielleicht ein andrer Mensch eben an dem gleichen „Fleck“, der gerade so fühlt. Auch hier, in dem Gedicht Wienerwald klingt das Motiv des an den unbekannten Leser gerichteten Werks an.

Ein wenig dunkel nimmt sich hingegen das rückwärtsgewandte Gedicht Nach Abwärts aus, in dem „was kaum geboren, um Vernichtung fleht“, während in einem anderen an den Mauern eines titelstiftenden Klostergartens „dunkle Nonnen“ „gleich Schatten einer längst vergangnen Trauer“ „vorüber gleiten“ und in einem wieder anderen der Sommer als „breit und trächtig/ tatenlos und sinnlos mächtig“ besungen wird.

Ein, zwei Gedichte sind dezidiert politisch. So die in Lazars letzten Monaten verfasste Emigrantenkorrespondenz. In ihm sind die Zeit- und die persönliche Geschichte des Lyrischen Ichs eng verwoben, wie dies eben bei allen EmigrantInnen der Fall ist. Ist das Lyrische Ich in den ersten Zeilen fast froh, nun in die weite Welt zu ziehen, zeigt sich im Laufe der Zeit die zwischen ihm und dem Adressanten entwickelnde Entfremdung. Doch bleiben die beiden SchicksalsgenossInnen stets im gemeinsamen „Wir“ vereint, wohingegen die trennenden Worte „Ich“ und „Du“ in keiner Zeile fallen.

In Die schöne Stadt beklagt das Lyrische Ich „die Toten, die man mir ermordet hat“. Die einst in Wien lebenden Toten, sind ihr also noch ein zweites Mal gestorben, getötet von der ehedem als „wunderschön“ empfundenen „große[n] Vaterstadt, die ihre Toten selbst ermordet hat“.

Im letzten der Gedichte Februar 1948 verabschiedet sich Lazar von dem unbekannten Leser und dem Leben:

Dem souveränen Lebenstrieb
zulieb
werd ich nicht gern
nun auch noch subaltern.
[…]
Gegeben ist mir doch, dass ich entscheide
wie lang ich leide.
Noch steh ich für mich selber ein,
noch kann ich für mich selber sagen: nein!

Die an Morbus Cushing erkrankte Autorin „wollte sterben, wie sie gelebt hatte: Kompromisslos, frei und unabhängig“, kommentiert Eibl im Nachwort. Es ist ihr gelungen. Am 30. März des Jahres schied Maria Lazar von eigener Hand aus dem Leben.

Titelbild

Maria Lazar: Zwei Soldaten. Eine Novelle.
Das vergessene Buch – DVB Verlag, Wien 2023.
112 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783903244283

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Maria Lazar: An meinen unbekannten Leser. Gedichte & Photographien.
Das vergessene Buch – DVB Verlag, Wien 2023.
80 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783903244306

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