Eurofuturismus
Jasmin Schreibers Nahzukunftsroman „Endling“ endet bedauerlicherweise selbst
Von Rolf Löchel
Schenkt man dem Titel eines Filmes der feministischen Regisseurin Helke Sander Glauben, ist Liebe der Beginn aller Schrecken. Andere sprechen den Ursprung allen Unheils hingegen der (Klein-)Familie zu. Max Horkheimer machte in ihr gar die „Keimzelle des Faschismus“ aus.
Wie dem auch sei, unbestritten dürfte jedenfalls die Existenz denkbar dysfunktionaler Familien sein. Und genau einer solchen gehören die vier Protagonistinnen in Jasmin Schreibers Nahzukunftsroman Endling an.
Da wäre zunächst einmal die in der Mitte ihres Lebenswegs stehende Ich-Erzählerin Zoe, eine promivierte Entomologin, die an einer Münchner Universität tätig ist und dort unter anderem Promotionsarbeiten betreut, vor allem aber das immer stärker Fahrt aufnehmende Artensterben „verwalte[t] und sortier[t]“. Denn schließlich muss das ja „für die Nachwelt festgehalten werden“. Sodann Hanna, ihre fast zwei Jahrzehnte jüngere Schwester, die sich somit im besten Teenage-Rebellion-Alter befindet und ihren Protest auslebt, indem sie Anstalten macht, sich zur Alkoholikerin zu entwickeln, womit sie in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten droht, die sich als Dritte im Bunde zu Beginn des Romans in eine Entzugsklinik verabschiedet. Vervollständigt wird das nicht eben glücklich zu nennende vierblättrige Familien-Kleeblatt durch die Tante von Zoe und Hanna, einer überaus renommierten und noch schrulligeren Wissenschaftlerin, die „an der Spitze der deutschen Biodiversitätsforschung“ steht und eine Phobie vor Keimen aller Art hat. Diese ist jedoch durchaus nicht ganz unbegründet, haben seit Corona doch etliche Pandemien das Erdenrund heimgesucht. Dass sie ihre Wohnung schon seit Jahren nicht mehr verlassen hat und andere Familienangehörige nur im Schutzanzug und mit Desinfektionsspray in der Hand empfängt, scheint ihren Nichten dann allerdings doch recht übertrieben. Trotz dieser selbstgewählten Isolation ist sie nach wie vor als Wissenschaftlerin an der Frankfurter Universität tätig, denn sie ist „ein echtes Workhorse“. Männer spielen in der von Frauenfiguren getragenen Handlung keine sonderlich bedeutende Rolle, abgesehen vielleicht von dem homosexuellen Nachbarn der Familie, den Zoe schon von Kindesbeinen an kennt.
Das außergewöhnliche Geschehen des Romans spielt sich Anfang der 2040er Jahre ab, genauer gesagt 2041, „sieben Jahre nach dem Beginn des großen Baumsterbens“. Denkbar dystopische Zustände also, in denen die Heldinnen leben. Die eigentliche Dystopie aber ist, dass rechts und links die Spezis sterben wie die Fliegen, während es ausgerechnet die Menschheit immer noch gibt, die doch für das alles verantwortlich ist.
Mit neuen, gar bahnbrechenden technische Erfindungen wartet die nahe Zukunft des Romans nicht auf, dafür aber mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die allerdings keineswegs zum Besseren sind. In Deutschland herrscht eine Rechtsaußenregierung, die sowohl Abtreibungen wie auch Verhütungsmittel „komplett verboten“ hat. Das heißt, verheiratete Frauen können sich die Pille schon verschreiben lassen. Allerdings nur, wenn der Ehemann damit einverstanden ist. Auch werden Forschungen zu Frauen betreffenden Themen sehr erschwert, weshalb Sophie, die beste Freundin von Zoes Tante, ins Ausland geflüchtet ist. Denn sie ist Matriarchatsforscherin. Zunächst waren ihr die Forschungsgelder gestrichen worden und bald darauf wurde ihr Fach ganz verboten. Nicht alle Länder sind so reaktionär und misogyn wie Deutschland. In Italien geht es etwa liberaler zu, seit in den 2020er Jahren die dortige faschistische Regierung gewaltsam gestürzt wurde. Immerhin regt sich auch in Deutschland ein wenig Widerstand. Denn es existiert ein – natürlich illegales – feministisches Netzwerk, das Frauen hilft, etwa indem sie ihnen die Anschriften der wenigen noch verbliebenen Menschen vermitteln, die es wagen, Abtreibungen durchzuführen.
Die deutschen Lande der Frauenfeindschaft zu verlassen, ist ebenfalls nicht mehr so einfach wie ehedem. Will man in ein Nachbarland reisen, muss man an der Grenze lange Wartezeiten in Kauf nehmen, denn die EU ist längst Geschichte. Außerdem müssen etliche Papiere vorgezeigt werden, von denen der Impfpass das wichtigste ist.
Die Handlung beginnt aber mitten in Deutschland, nämlich in Frankfurt, wo Zoe ihre Familie nach langen Jahren der Abwesenheit erstmals wieder besucht. Denn sie muss sich um Schwester und Tante kümmern, da ihr Vater schon lange tot ist und ihre Mutter sich in einer Entzugsklinik kurieren lassen will, was einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte.
Als Sophie, die beste Freundin der Tante, sich ganz entgegen ihren Gepflogenheiten plötzlich nicht mehr meldet, beginnt die Tante, sich allergrößte Sorgen um sie zu machen. Allen Ängsten zum Trotz nimmt sie sich vor, mit ihren beiden Nichten nach Italien aufzubrechen und dort nach Sophie zu suchen. Denn sie wird in den Dolomiten vermutet, wo es dem Vernehmen nach ein Dorf geben soll, das nur von Frauen bewohnt wird. Tatsächlich brechen die drei Frauen gemeinsam mit HP 14 auf, der letzten noch lebenden Weinbergschnecke, die von Zoes Tante gepflegt und gehegt wird. Sie erreichen zwar ihr Ziel, Sophie aber finden sie nicht vor. Denn die ist inzwischen weitergereist. Wie es heißt, in eine von Gott und aller Welt verlassene Gegend irgendwo im tiefen Norden Schwedens. Es gilt also, sich nach dem Dolomitenabenteuer mit Frau und Schnecke erneut auf ein „komplette[s] Himmelfahrtskommando“ zu begeben, das, soviel sei verraten, nicht alle überleben werden.
All dies ist mit großem Humor geschrieben und derart plaudernd erzählt, dass man sich fühlt, als säße man der Erzählerin bei einem Glas Rotwein in einem bequemen Sessel gegenüber. Zudem tut der Roman einiges für die (biologische) Bildung der Lesenden. Wer weiß schon so genau, wie Insekten atmen und wieso Libellen noch vor einigen Millionen Jahren sehr viel größer werden konnten als heutzutage. Die Erweiterung des entomologischen Horizonts ihres Publikums gelingt der Autorin, ganz ohne längere Passagen in den Text einzubinden, die eher in ein Sachbuch als einen unterhaltsamen Roman passen würden, wie dies etwa Frank Schätzing in Der Schwarm ein ums andere Mal unterlaufen ist. Dafür brilliert Schreibers Roman gegen Ende hin mit Parallelen zum literarischen Afrofuturismus. Denn ebenso wie etliche Werke dieses Genres verbindet er eine in der Zukunft angesiedelte Handlung mit regionalen Mythen des Kontinents. Dass das Ganze noch mit einem gehörigen Schuss Hopepunk durchmischt ist, macht das Lesevergnügen nur umso größer. Gelegentlich baut die Autorin am Ende eines Kapitels auch einmal einen Cliffhanger ein. Das wäre aber gar nicht nötig, um die Lesenden bei der Stange zu halten. Die Geschichte ist einfach zu interessant und zu gut geschrieben, als dass man das Buch vor der Lektüre der letzten Seite gerne aus der Hand legen würde, und sei es auch nur, um sich schnell mal einen Snack aus dem Kühlschrank zu holen.
Das einzige, was vielleicht zu monieren sein mag, ist, dass sich die Reisenden selbst dann noch gegen die mehr als augenfälligen „Anomalien“ blind stellen, wenn auch dem letzten Lesenden schon längst klar sein dürfte, dass da irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Auf die Frage, wie die Anomalien zu erklären sind, gibt es verschiedene Antworten: „eine religiöse und eine kulturelle“ etwa, aber auch „eine naturwissenschaftliche Antwort, eine biologische, ein philosophische“. Hier allerdings soll die Frage, was es mit ihnen auf sich hat, unbeantwortet bleiben.
|
||















