Berühmt und umstritten unterwegs
150 Jahre Thomas Mann – Kurt Oesterle schildert in „Es lebe die Republik!“ den Diskurs des großen Literaten mit den Strömungen des 20. Jahrhunderts
Von Christa Hagmeyer
Aus Anlass seines 150. Geburtstages wird Thomas Mann von dem Tübinger Autor Kurt Oesterle – nein, nicht (nur) vorgestellt. Auf den gut hundert Seiten des vom Gans Verlag veröffentlichten Bändchens kann das Monumentalwerk dieses großen Literaten auch mitnichten adäquat bedacht werden. Anstatt einer reinen Vorstellung zeigt Oesterle auf, was man von einem bleibenden Werk oder vielmehr von seinem Schöpfer erwarten kann – und das übertrifft den narrativen Niederschlag von Thomas Manns großenteils bekannten Hauptwerken.
Seine Romane enthielten zusätzlich zu Zeitgemälde, Sozialgeschichte und dem Kräftemessen der Protagonisten lernwürdige Impulse. Es sei auch nicht getan mit dem Genuss von Sprachästhetik und Komposition, dies deutet Oesterle schon im Buchtitel an. Gewiss, da sind auch die Essays, Thomas Manns Briefe und Tagebücher, die für Oesterle eine unerschöpfliche Quelle darstellen und seine Einschätzung von Manns geistiger Positionierung untermauern. Der Fundus sind für Oesterle nicht zuletzt die sozialen Verbindungen Thomas Manns: Quer über Epochen und Länder hinweg verweist ein Personenverzeichnis auf eine Verknüpfung mit über 70 Namen von Literaten, Künstlern, Philosophen, Psychologen oder Politikern.
Thomas Mann – ein Spross aus Lübecks Oberschicht – wird bestimmt von seinem Naturell, wird geprägt von seiner Zeit, seinem gesellschaftlichen Umfeld und der politischen Großwetterlage, die bis zum eigenen Schreibtisch wirkt. Oesterle beginnt seine Analyse mit der überraschenden Rede, die Mann im Jahr 1922 in der Alten Philharmonie Berlin hielt. Mit den Buddenbrooks war er zu dem Zeitpunkt bereits berühmt geworden und versuchte, sich mit den Betrachtungen eines Unpolitischen gesellschaftspolitisch zu sortieren.
Doch was bedeutet eine „unpolitische“ Weltsicht für Thomas Mann? Seine Generation hängt zwischen den Welten. Die Mehrheit hatte den Ersten Weltkrieg für notwendig, gar für heilsam gehalten – nun war „der Krieg für die Deutschen“ verloren. Die monarchistische, militaristische Begeisterung wurde brüchig, der deutsche Name brachte in der Welt keine Achtung mehr ein. England und Frankreich hatten ja nur die Zivilisation verteidigt und imperiale Ziele verfolgt. Deutschland hatte seine Rolle anders definiert: Nicht nur das Land, sondern der Stellenwert der deutschen Kultur sollte verteidigt werden. Nun schienen Scham und Schmerz den alten Stolz abzulösen, und radikale Stimmen verschiedener Geistesrichtungen standen auf. Duckt sich der aufstrebende Literat nun weg, um trotzig zu bewahren, was er als Kultur definiert? Welche Lehre sieht Oesterle in dieser Station, die Thomas Mann verkörpern könnte?
Mann, inzwischen 47 Jahre alt, wagt 1922 einen Sprung hinaus aus Tradition und konfusem Meinungsstreit. Mit vollem Risiko positioniert er sich in seiner Berliner Rede. Dafür wird er auch prompt von den einen als Verräter gesehen, die andern trauen seinen Ideen keine Lösungsansätze für das innenpolitische Desaster zu. Wenn „unpolitisch“ Freiheit von Gruppenzwang bedeutet, Mut zu eigenem Urteil, die Stimme erheben, einen eigenen Weg wählen und diesen auch zu gehen versuchen – dann ließe sich das an dieser Stelle von Thomas Mann schon einmal abstrakt übernehmen. Was er um 1920 gedanklich entwickelt hatte und ob dies noch unausgegoren war, ob es als Folie auch in unsere Zeit übertragbar wäre, kann zunächst zurückstehen. Es zählt das Ich, das fragen und erkennen will, das aus der Geschichte Schlüsse zieht, das nicht aufgibt. Das fiel den damaligen „Übergangsmenschen“ nicht leicht. Und fällt uns dieses Bild nicht in unseren Tagen spitz vor die Füße? Oesterle schält für die Gegenwart heraus: Thomas Mann verteidigt die Kultur als unabdingbaren Nährboden für den Pragmatismus.
Es folgt Der Zauberberg, ein Bildungsroman, und bald der Nobelpreis, denn die literarische Sprache Manns ist es, was öffentlich zählt. Politisch hat er sich offenbar doch noch nicht ganz von ererbten Wertungen abgenabelt und ist – trotz eigener familiärer Betroffenheit – gar antijüdisch eingestellt. Er braucht noch eine die Geschichte rechtfertigende Brücke: Der Krieg sei notwendig gewesen, um der Demokratie den Weg zu ebnen. Eine Deutung ohne Empathie, die auch Gewalt nicht verurteilt, wenn sie nur von der genehmen Seite ausgeübt wird, wie von den Freicorps. Oesterle verschweigt nicht, dass Thomas Mann hier weniger als ethischer Überflieger erscheint. Trotzdem will Mann die Situation im Blick behalten, er schreibt und redet, er will Dichtung des Gefühls und Bilder des Lebens bewahren als Gegenkraft gegen die Verwahrlosung der Sprache. Freiheit – kann sie grenzenlos sein? Und das Recht, gibt es das Recht, nicht zu denken? Muss es das Recht geben, gegen den Strom schwimmen zu dürfen? Beinhaltet die freie Meinungsäußerung auch Beleidigungen, Unwahrheiten, Albernheit? Unpolitisch sein bedeutet für ihn, dass die Menschheit zählt, der einzelne Mensch, nicht völkisches Denken und Nationalismus oder imperiale Interessen. Wem dienen Ideen? Thomas Mann will die Jugend gewinnen für Demokratie, die er ‚Humanität‘ nennt. Nach seinen Vorstellungen übt eine Republik keine Macht aus, sie verleiht und sichert den Bürgern Rechte und wird dafür geliebt. Dafür redet und schreibt er. Und das scheint auch Oesterles Motivation für sein Buch zu sein: Zu erzählen von einem Werk, das zeitlos geworden ist, weil sein Schöpfer seine gesellschaftliche Verantwortung mit Nachdruck hineinlegte.
Mann schreibt unentwegt, er ist als Redner gefragt. Aber nicht mehr lange. Die junge Generation, die das Kriegstrauma nicht überwinden und nicht Fuß fassen kann, irrt zwischen Extremen, zelebriert Hass auf den deutschen Staat, der in den Zwanzigern Inflation, Arbeitslosigkeit und Not nicht meistern kann. Aus den brodelnden Lagern geht der Nationalismus siegreich hervor. Und Mann ist längst im Visier. Eine Vortragsreise führt ihn in die Schweiz, gerade rechtzeitig, ehe Hitlers Schergen ihn nach der Machtergreifung fassen können.
Später emigriert er mit seiner Familie in die USA und schreibt und redet auch dort: „Achtung Europa“ (Essay 1935). Auch nach dem Krieg, als er wieder in der Schweiz lebt, nützt Mann seine Bekanntheit als Autor und wird „zum gewichtigen Fürsprecher der Demokratie”, wie Oesterles Untertitel es formuliert. Ist er nicht enttäuscht, nicht bitter geworden?
Nach dem Zweiten Weltkrieg will Thomas Mann nicht in Deutschland leben und kehrt stattdessen in die Schweiz zurück, besucht aber alljährlich deutsche Städte in West und Ost. Oesterle schreibt dazu: „Noch in der größten inneren wie äußeren Entfernung spürte er, dass seine Bande dorthin ‚unzerreißbar‘ waren: Vaterland, Muttersprache, Elterngrab.“ In seinen Briefen spricht der Autor unverschlüsselt, schonungslos gegen sich und andere. Oesterle erzählt, wie sich sein Jubilar zwischen viele Stühle setzt, Opfer gezielt gestreuter Missdeutungen wird. Und wie er dem Anwerben im Nachkriegsdeutschland misstraut und nicht „missbraucht werden will“ für eine Tünche, die ihn als „guten Deutschen“ der deutschen Schuld gegenüberstellen möchte und so wahre Einsicht verwässern würde. Da wird der Weltbürger gar zum „Nestbeschmutzer“ und im Zuge einer DDR-Reise zum „naiven, unkritischen Kommunistenfreund erklärt“. Oesterle entnimmt jedoch einem Brief Manns an den Politiker Ulbricht, dass „dessen Terrorjustiz [] den Sozialismus auf das Niveau des Faschismus“ herabsetze.
Die deutsche Gesellschaft, insbesondere die Rezeptionsgeschichte, verfährt in der Nachkriegszeit wenig wohlwollend mit Thomas Mann und tut ihn stilistisch als Gestrigen ab: „zu auktorial, zu allwissend, zu antiquiert und diese Altherren-Ironie erst, diese blutleere Artistik“. Europa indes feiert ihn, und Oesterle zählt sie auf, all die Orden, die Mann in den Nachbarländern verliehen werden, während bei Ehrungen in Deutschland teilweise die Honoratioren fernbleiben oder den Beifall verweigern.
Um es auf den Punkt zu bringen: Vor 1968 wurde Thomas Mann abgelehnt, weil er zu deutschlandkritisch gewesen ist und die deutsche Geschichte bis zurück zur Reformation in Zweifel zog und nicht nur ein paar Jahrzehnte vor Hitler; nach 1968, weil er zu bürgerlich, zu stilvoll, zu konservativ und zu westlich-zivilisiert (sprich: amerikanisch) war – und auch nicht annähernd so kapitalismus- und demokratiekritisch wie etwa der vom Zeitgeist vergötterte Brecht ….
Es folgt noch ein Hinweis auf eine Umfrage von Reich-Ranicki in der FAZ im Jahr 1975: „Dutzende von Schriftstellern erklärten, niemand sei ihnen gleichgültiger als der (Verfasser) des ‚Zauberbergs‘. Aber sie beteuerten es mit vor Wut und wohl auch vor Neid bebender Stimme.“
„Was wir heute von ihm lernen können“, verspricht Oesterle im Titel, von diesem Jubilar mit Ecken und Kanten, von diesem Kind seiner Zeit, von diesem Epochenzeugen, von einem Menschen, der wie jedermann seiner fragmentarischen Erkenntnis unterliegt: Sich einzubringen trotz Widrigkeiten. Die Gesellschaft ist zufällig und zeitlich, die Gemeinschaft bleibt notwendig, um die Kultur des Menschseins zu bewahren.
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