Videocall aus Japan

Der britische YouTuber Chris Broad erzählt in „Abroad in Japan“ von seinem Leben, seinen Erlebnissen und von Kuriositäten in dem fernöstlichen Land

Von Thomas MerklingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Merklinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In vergangenen Zeiten waren gedruckte Reiseberichte ein beliebtes Genre, um in fremde, exotische Welten einzutauchen und zu erfahren, wie es am anderen Ende der Welt aussehen mag. In der globalisierten Netzwelt ist die Buchform inzwischen jedoch eher ein sekundäres Phänomen. Es tritt auf, wenn die sozialen Medienformate wie Podcasts oder Videokanäle bereits eine Followerschaft generiert haben, hilft andererseits aber auch, Bekanntheit bei jenen zu erlangen, die sich noch an klassischen Medien orientieren.

Für das Sehnsuchtsland Japan hat der Engländer Chris Broad vor zwölf Jahren begonnen, kleinere Videos über sein dortiges Leben auf YouTube hochzuladen. Aus dem nur nebenbei gepflegten Kanal, der seine Erfahrungen in dem neuen Land festgehalten hat, ist eine professionelle Vollzeitbeschäftigung geworden. Mit dem Eigennamen und Content zusammenziehenden Wortspiel ‚Abroad in Japan‘ ist ein Markenname für seine Internetaktivität entstanden, der folglich auch groß zwischen Name und Titel schwankend auf dem Cover seines Reise- und Erinnerungsbuches Abroad in Japan. Ten Years in the Land of the Rising Sun auftaucht. 2023 in Großbritannien erschienen, liegt das Buch nun in der Übersetzung von Jörn Pinnow als Abroad in Japan. Meine Abenteuer im Land der aufgehenden Sonne auch auf Deutsch vor.

Broad ist im Sommer 2012 als ALT (Assistant Language Teacher) nach Japan gekommen und an einer High School in Sakata, einer mittelgroßen Küstenstadt in der nordöstlichen Präfektur Yamagata, eingesetzt worden. Das internationale Austauschprogramm der japanischen Regierung, JET (Japan Exchange and Teaching Programme), holt seit 1987 junge Menschen nach ihrem Universitätsabschluss an japanische Schulen, um Fremdsprachenkenntnisse, aber auch den internationalen Kulturaustausch auf lokaler Ebene zu fördern. Vor allem englischsprachige Länder sind beliebt. Neben dem ehemaligen britischen Finanz- und Außenminister Jeremy Hunt ist der aus Kent stammende Chris Broad einer der bekanntesten Teilnehmer des Fremdsprachenassistenzprogramms. Nach zwei Jahren an der Schule ist er im Land geblieben und verdient sein Geld nun mit Filmarbeiten, Podcasts und seinem Videokanal Abroad in Japan. Mittlerweile ist er mit der kanadischen YouTuberin Sharla Hinskens liiert, mit der er in Tokio lebt.

In 30 kurzweiligen Kapiteln, die vom Januar 2012 – dem Bewerbungsgespräch für das JET-Programm – bis zum März 2022 reichen, rekapituliert Broad seine persönlichen Erfahrungen in Japan und bietet Einblick in kulturelle Eigenarten des Landes. Entlang der monatlich geordneten zehn Jahre seines Lebens in Fernost verwebt er Autobiographisches mit Landeskundlichem, so dass das Memoir eines über das Leben in Japan berichtenden YouTubers entsteht, worin er über sein Leben in Japan berichtet. Der Stil ist konventionell, weist aber einen britischen Hang zu Selbstironie und den Blick für das Komische auf. Broad bezeichnet sich mehrmals als ‚sarkastischen Briten‘, was durchaus in einem gewissen Kontrast zur kollektivistisch gestrickten Gesellschaftsstruktur seines Gastlandes steht.

Von Schuluniformen abgesehen sind japanische und englische Schulen kaum vergleichbar, auch wenn das Schulläuten den Glockenschlag von Big Ben kopiert. Im Klassenzimmer ist vor allem darauf zu achten, dass niemand beschämt wird, und es sind alle angehalten, sich gegenseitig zu unterstützen. Das funktioniert, solange niemand zu sehr aus der Reihe tanzt. Wie im Supermarkt und Restaurant, wo man beim Eintreten von allen Mitarbeitenden mit einem kollektiven ‚Irasshaimase!‘ begrüßt wird, wendet sich auch das Kollegium in geschlossener Begrüßung dem Neuankömmling zu. Manchmal direkt aus dem Schlaf, denn es kann durchaus sein, dass einzelne Lehrerinnen oder Lehrer ihren Tisch für ein Nickerchen nutzen, was – im Gegensatz zur deutschen Beamtenschaft – als Ausweis ihrer harten Arbeit angesehen wird.

Die ersten 19 Kapitel zeichnen die Freundschaften, Erlebnisse und Eigentümlichkeiten des japanischen Alltags aus der Perspektive des Neuankömmlings im JET-Programm nach. Broad lebt sich in der japanischen Provinz ein und berichtet von seinen Schulerfahrungen. Die Englischkenntnisse der Lehrkräfte sind gemischt. Einige halten ihre gute Sprachkompetenz geheim, um nicht unterrichten zu müssen. Bei anderen fällt die Vorstellung des jungen assistant teachers folgendermaßen aus: „Gut! Jetzt! Hier. Das ist ein Chris-sensei!“ Dass es unterschiedliche Typen von Lehrkräften gibt, ist keine Überraschung. Bei dem jährlichen bōnenkai – einem bacchanalischen Jahresausklang – wird die ungeschönte Vielfalt des Kollegium offenbar. In einem alkoholinduzierten Anfall von Wahrhaftigkeit zeigt man seine wahren Gefühle, um das vergangene Jahr hinter sich zu lassen und neu anzufangen. Das nächste Jahr beginnt dann als sei nichts gewesen: What happens at enkai, stays at enkai.

Jenseits der Schule bietet auch das Leben in Sakata Erzählenswertes. Broad berichtet von neuen Freundschaften, dem Essen, Wohnen und Einkaufen sowie allgemeinen Merkwürdigkeiten. In seinem ersten Video etwa hält er die übergroße hentai-Werbung für einen Frisörsalon fest – offenbar stört sich niemand an der barbusigen Nackten im Manga-Stil. Erst als der Tennō durch die Stadt reist, wird sie verdeckt. Als Dauersammelleidenschaft erweist sich die inhaltsleere Verwendung englischer Wörter, um Produkte zu benennen: Ein isotonisches Getränk heißt ‚Pocari Sweat‘, ein Kinderbekleidungsgeschäft ‚Starvations‘. Von einem Schulkollegen wird er in eine Hostess-Bar mitgenommen. An anderer Stelle beschreibt er einen Arztbesuch und die damit einhergehenden kulturellen Gepflogenheiten. Er bereist das Land und besteigt den Fuji. In Kyōto begegnet er einer Taiwanerin, mit der er eine Odyssee durch Love-Hotels erlebt.

Der YouTube-Kanal Abroad in Japan hat bereits erste Erfolge, so dass sich Chris Broad nach zwei Jahren an der High School in Sakata dazu entschließt, das Video-Business zu forcieren und nach Sendai zu ziehen. Hier findet er einen Job, der darin besteht, die sechs Präfekturen umfassende Region Tōhoku bei Touristen bekannter zu machen. Er dreht nun einerseits Promotion-Clips über den Norden der Hauptinsel Honshū, aber auch kleinere Dokumentarfilme über Japan. Daneben bedient er weiterhin seine YouTube-Follower. Er berichtet über Kuriositäten, wie das enorm gute und enorm kostspielige Obst in Yamamoto oder die kultisch verehrte Stationskatze des Bahnhofs von Tama, um die herum ein Nippeszoo mit Katzenzug, Katzenwein und anderem Merchandise entstanden ist.

Eines Morgens wacht Broad von der nationalen Katastrophenwarnung seines Handys auf, weil Nordkorea eine Rakete Richtung Japan abgefeuert hat. Das von ihm habituell gepostete Video geht viral, weil es weltweit das einzige zu diesem Ereignis ist und in Nachrichtensendungen gezeigt wird. In der Folge wird er selbst für Interviews angefragt und seine Bekanntheit steigt so sehr, dass er in eine Fernsehsendung zum Wort des Jahres 2017 eingeladen wird. Nominiert ist auch „Yūchūbā“ (YouTuber), der Begriff wird aber nicht von Broad repräsentiert – er steht für das durch ihn auch international bekannt gewordene Warnsystem „J-arāto“ (J-Alarm).

Als beruflicher YouTuber geht es auch um die Realität der Videoplattform. Dazu gehört mit Bezug zu seinem Themengebiet Japan die bemerkenswerte Erfahrung, in den Kommentarspalten mit dem ‚Last Samurai-Syndrom‘ konfrontiert zu sein. Gemeint ist in Anspielung auf den Hollywood-Film Last Samurai das Phänomen, dass sich nicht-japanische Menschen in den sozialen Medien dazu berufen fühlen, Japan beschützen zu müssen. Offenbar hat Broad häufiger in diese Richtung gehende Posts erhalten – ob es nun um übel schmeckende fermentierte Bienen geht oder darum, Einheimischen englischsprachige Schimpfwörter beizubringen. Die japanophile Sehnsucht nach dem zu bewahrenden echten Japan ist allerdings nur die Kehrseite der Touristenströme, durch die es verdrängt wird.

Am sinnfälligsten wird das in Kyōto, wo sich der Wunsch nach einem touristenlosen Blick auf die historische Schönheit der Stadt während der Pandemie erfüllt. Wie es dafür aber Broads vermittelnder Darstellung bedarf, zeigt sich auch die exotische Strahlkraft Japans in authentischer Alltäglichkeit nur in der medialen Repräsentation. In seinen Videoclips hat man mitunter den Eindruck, hier erzähle jemand in einem aufwändiger gestalteten Videocall einem Familienmitglied vom Leben in dem fernen Land. Was man über das Autofahren, Namensstempel und die Stromanbieter erfährt, fügt sich dabei zu einem Bild Japans jenseits der Touristenführer. Mit rhetorischer Nahbarkeit und Offenheit zeigt sich in seiner autobiographischen Landeskunde auch der von der Fremde erzählende Chris Broad und bietet einen gut lesbaren, unterhaltsamen Einblick in den Alltag Japans und die Eigentümlichkeiten der japanischen Kultur.

Titelbild

Chris Broad: Abroad in Japan. Meine Abenteuer im Land der aufgehenden Sonne.
Aus dem Englischen von Jörn Pinnow.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025.
352 Seiten, 18 EUR.
ISBN-13: 9783462008869

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