Die Gefahr der Leichtfertigkeit
Jens Biskys „Die Entscheidung“ beschreibt die Geschichte der späten Weimarer Republik als Mahnung für die Gegenwart
Von Detlev Mares
Die abenteuerliche Entwicklung der Technik mit ihren Triumphen und Katastrophen, Lärm und Sensation des Sportrekordes, Überschätzung und wilde Überbezahlung der Massen anziehenden Stars, Box-Meetings mit Millionen-Honoraren vor Schaumengen in Riesenzahl; dies und dergleichen bestimmt das Bild der Zeit zusammen mit dem Niedergang, dem Abhandenkommen von sittigenden und strengen Begriffen wie Kultur, Geist, Kunst, Idee. […] Alles scheint möglich, scheint erlaubt gegen den Menschenanstand, und […] so erscheint die lehrweise abgeschaffte Freiheit nun wieder in zeitgemäßer Gestalt als Verwilderung, Verhöhnung einer als ausgedient verschrienen humanitären Autorität, als Losbändigkeit der Instinkte, Emanzipation der Roheit, Diktatur der Gewalt.1
So sprach Thomas Mann im Oktober 1930 in seinem „Appell an die Vernunft“ in Berlin vor einem Publikum, in dem rechtsradikale und von Goebbels organisierte Störer die Aussagen des Redners zu beglaubigen schienen. In jedem Fall machten sie den Einsatz der Polizei zur Sicherung der Redefreiheit des Schriftstellers erforderlich, was die Republikfeinde höhnisch als antidemokratisches Agieren eines todgeweihten Systems verunglimpften.
Die Spätzeit der Weimarer Republik war voll von solchen Paradoxien und Widersprüchen – antiparlamentarische Kräfte prägten die Diskussionskultur der Parlamente, die SPD stützte die antisozialdemokratische Regierung Heinrich Brünings und sie verhalf 1932 sogar Paul von Hindenburg zur Wiederwahl als Reichspräsident. Jens Bisky beschreibt Thomas Manns Auftritt im Kontext einer Zeit, in der überkommene Vorstellungen von Bürgerlichkeit fraglich geworden waren. Krieg, Inflation und Massengesellschaft hatten bisherige kulturelle Verbindlichkeiten unterhöhlt, an ihre Stelle waren bürgerliche Selbstzweifel angesichts pausenloser Angriffe auf angeblich veraltete Humanitätsideale getreten. Gerade vielen Jüngeren schien eine Umwertung der Werte, wie der Leitkonzepte von Freiheit und Humanität, unausweichlich. Republikanische Politik, die auf dem sorgfältigen Abwägen und Ausgleichen von politischen Interessen und Entscheidungen beruhen sollte, tat sich schwer mit dem „Kult des Unbürgerlichen“, der „Vernunft, Mäßigung, Ausgleich“ als Grundlagen republikanischen Agierens unterlief: „‚Bürgerlich‘ wurde zum Schimpfwort wie ‚vernünftig‘ oder ‚gemäßigt‘“.
An eindringlichen Beispielen aus Kultur und Gesellschaft schildert Bisky die fiebrige Atmosphäre, die Dauererregung, die schon vielen Zeitgenossen als Kennzeichen der späten 1920er Jahre erschien. Bei den Rufen nach neuen Ideen und Problemlösungen war der bloße Anschein von Dynamik häufig wichtiger als die angestrebte Zielvision, große Gesten zählten oft mehr als Inhalte, die hinter der Mobilisierungseuphorie unbestimmt, verwaschen, geradezu irrelevant erscheinen konnten.
Augenfällig unter den Belastungen der Zeit war die Wirtschaftskrise, deren durch Deflations- und Schutzzollpolitik verschlimmerte Folgen für die deutsche Bevölkerung Bisky nicht herunterspielt. Dennoch macht er deutlich: Nicht die wirtschaftliche Lage, sondern die Politik zerstörte die Republik, wenngleich befördert durch Wirtschaftsbosse, die sich dem Sozialstaatsversprechen nicht verpflichtet fühlten und „mit großer Selbstverständlichkeit autoritäre Lösungen“ befürworteten. Das Scheitern Weimars war also keine zwangsläufige Entwicklung, aber doch folgerichtig angesichts der organisierten Gegenbewegung von „Nationalisten, alten Eliten und faschistischen Kampfbünden“ gegen Rationalismus und Moderne sowie deren Ausprägungen in Republik und Parlamentarismus.
Neben republikfeindlichen Biedermännern profilierte sich in besonderem Maße die NSDAP durch Gewalt, Einschüchterung und Terror. Dagegen taten sich die Unterstützer der Republik schwer. So war die Sozialdemokratie immer wieder zu Kompromissen gezwungen, die sie zwischen alle Stühle geraten ließen. Dies galt für die Tolerierung Brünings, der der SPD seinerseits kaum entgegenkam, doch den makaberen Höhepunkt sozialdemokratischer Selbstverleugnung bildete die Unterstützung für die Wiederwahl Hindenburgs – der Versuch, auf diese Weise Adolf Hitler von der Macht fernzuhalten, bestätigte einen Präsidenten im Amt, der dem NS-„Führer“ die Macht schließlich übertragen würde. Dennoch zeigt das Beispiel der SPD für Bisky, dass in der Weimarer Republik keineswegs Demokraten fehlten; diesen aber fehlte eine erfolgversprechende Strategie gegen die mobilisierten Kräfte der Rechten. Oft blieb nur „empörte Ratlosigkeit“.
Der Titelbegriff „Entscheidung“ entstammt dem politischen Vokabular der Zeit. Christian Graf von Krockow zeigte bereits 1958 in einer Studie mit demselben Titel, wie sich in den Weimarer Jahren bei Ernst Jünger, Carl Schmitt und Martin Heidegger Begriffe wie „Kampf“, „Entschlossenheit“ und eben „Entscheidung“ verselbständigten und den Bezug zu den politischen und gesellschaftlichen Realitäten, auf die sie zu reagieren vorgaben, verloren.2 Sie waren Ausdruck einer Denkhaltung, die eine Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und die Notwendigkeit einer radikalen Umgestaltung proklamierte. Den fehlenden Weltbezug dieses Denkens konnte sich der Nationalsozialismus mit seiner aggressiven Rhetorik von Erneuerung und entschlossenem Handeln zunutze machen.
Jünger, Schmitt und Heidegger – die dem Nationalsozialismus in unterschiedlichem Maße verfielen – treten auch bei Bisky auf, stehen allerdings keineswegs im Zentrum der Darstellung. Vielmehr durchzieht der Begriff der „Entscheidung“ über solche Beispiele denkerischer Verirrung hinaus das Werk als allgemeiner Topos der politischen Rhetorik der Zeit, der das Denken in Extremen als Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Verunsicherung und als unmittelbare Basis rücksichtslosen politischen Handelns erkennbar werden lässt. Während Krockow die Theorie des Dezisionismus entzaubern wollte, bietet Bisky ein breites Panorama der Verwerfungen in Politik und Gesellschaft der späten Weimarer Zeit.
Insbesondere mit dem Scheitern der Brüning-Regierung, die zwar der Rechtsstaat, nicht aber der Parlamentarismus noch einigermaßen unbeschadet überstanden hatte, „begann sich der Würgegriff um die Republik zu schließen“. Goebbels rief Anfang 1932 das „Jahr der Entscheidung“ aus, in dem die Machtfrage geklärt werde; die Juli-Wahl 1932 inszenierten die Nationalsozialisten entsprechend als Entscheidung über die Republik. Doch der Topos war in Politik und Publizistik weit verbreitet, wenngleich anders als bei den Nationalsozialisten oft mit Sorge unterlegt. Dies galt beispielsweise für Äußerungen von Otto Braun oder Walter Dirks, der 1932 als „Jahr der Gefahr“ wahrnahm.
Viele Beobachter erwarteten allerdings den Entscheidungskampf in einem Bürgerkrieg zwischen den extremen Kräften von Rechts und Links; die zugespitzte Alternative schien zu lauten: NSDAP oder KPD. Doch auch wenn sich „Entschlossenheitsstil“ und „Kult der Rücksichtslosigkeit“ bei beiden Parteien kaum unterschieden, betont Bisky, dass die vielfach erwartete Entscheidung zwischen beiden Seiten faktisch niemals anstand. Anders als die KPD, die wegen der Sozialfaschismusthese keine Zusammenarbeit mit der SPD einging, kreisten die Kräfte auf der politischen Rechten zwar misstrauisch lauernd, aber gegen die Republik kooperierend umeinander; hier fand die eigentliche Auseinandersetzung um das Schicksal der Republik statt. Wie Bisky herausstellt, wollte Papen Hitler nicht in erster Linie „zähmen“, sondern gegen die Republik in Stellung bringen, nicht immer im taktischen, aber im ideologischen Einklang mit Kräften im Reichspräsidentenpalais, in der Reichswehr und im Reichstag. Diese reaktionären Eliten teilten das Bestreben der Nationalsozialisten um eine breite Mobilisierung der Nation gegen die Republik; der Nationalsozialismus sollte ihnen dazu die Massenbasis organisieren. Bisky unterstreicht Papens Schielen auf die NSDAP bei der Durchführung des „Preußenschlags“ vom 20. Juli 1932, nach dem die Republik nicht mehr zu retten gewesen sei (und den bereits Konrad Adenauer rückblickend als Entscheidung über deren Schicksal bezeichnete). Dass sich Papen und seine Gehilfen letztlich nur als Steigbügelhalter der Nationalsozialisten erweisen sollten, ändert nichts am vorangegangenen, gemeinsamen Kampf gegen die Republik: „Hitler ermöglichte Papen, der wiederum ihm den Weg bereitete“ und der „der erfolgreichste antirepublikanische Politiker neben Hitler war“.
Es waren somit die konkreten Entscheidungen klar auszumachender Akteure, die zum Dritten Reich führten, ermöglicht durch die „zeittypische Erwartung, die eine, alles umwälzende Entscheidung stünde unmittelbar bevor“. Eine bittere Ironie bestand dabei darin, dass der oft gescholtene Weimarer Staat eigentlich nicht so schwach war wie sein Ruf, sondern das Regieren mit Notverordnungen zu einer Gewöhnung an die Dominanz der Exekutive führte, auf der die Nationalsozialisten bei der Errichtung ihres verbrecherischen Regimes aufbauen konnten.
Bisky hat ein historisches Buch geschrieben. Er warnt im Schlusskapitel vor der schlichten Parallelisierung der Erfahrungen von später Weimarer Republik und Gegenwart, zudem vor der Gleichsetzung heutiger Rechtspopulisten mit den historischen Akteuren der Zwischenkriegszeit: „Wer da nur auf Wiederkehr schaut, verpasst die Unterschiede, auf die es ankommt.“ Nichtsdestotrotz finden viele seiner Formulierungen einen suggestiven Resonanzboden in aktuellen, teils internationalen Entwicklungen. Bisky beschreibt ein Parlament, in dem Abgeordnete anderer Parteien immer weniger als Kollegen wahrgenommen wurden und „Verfahrenskniffe“ an die Stelle politischer Strategie traten. Mit Bezug auf die NSDAP fällt der Begriff des „gärigen Haufens“, diese Partei wiederum schmähte Repräsentanten staatlicher Organe als „bezahlte Vertreter eines absterbenden Systems“. Störaktionen nicht nur im Parlament, sondern bei Vorlesungen, Theateraufführungen, Kinovorstellungen gefährdeten oder zerstörten die „Geschäftsgrundlage der Öffentlichkeit“. Und das „Stakkato“ an Maßnahmen, mit denen die neu installierte Hitler-Regierung Zweifler und erklärte Feinde in atemlosem Aktivismus vor sich hertrieb, dürfte eine nicht nur in historischen Kontexten erkennbare Machttaktik sein.
Biskys Geschichte der späten Weimarer Republik demonstriert plastisch die Gefährdungen einer politischen Kultur, in der nicht mehr der Wettstreit um die Durchsetzung politischer Ziele innerhalb der parlamentarischen Republik dominiert, sondern „das System“ selbst grundsätzlich in Frage steht und eine Homogenisierungssehnsucht an die Stelle der Pluralitätsakzeptanz tritt. Die Entscheidungsträger im Januar 1933 waren unfähig, „die Nation, in deren Namen sie handelten, als eine in sich vielfältige, von Interessengegensätzen geprägte zu begreifen“. Auch die historische Darstellung mündet daher in eine Mahnung an die
Gegenwart: „Es ist politisch leichtfertig, nicht mit dem Schlimmsten zu rechnen“. Brachialer drückte sich im Jahr 1932 der junge Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher aus – er bescheinigte dem Nationalsozialismus, ihm sei „die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen“.
Anmerkungen
1 Thomas Mann: Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft, in: Thomas Mann: Essays. Band 2: Politische Reden und Schriften. Ausgewählt, eingeleitet und erläutert von Hermann Kurzke, Frankfurt am Main 1977, S. 109-125, hier: S. 116.
2 Christian Graf von Krockow: Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger, Stuttgart 1958 (Neudruck Frankfurt 1990).
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