Mutterschaft in schwierigen Zeiten

Vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit porträtiert Anke Feuchter eine junge Frau, die mit folgenreichen Entscheidungen konfrontiert wird

Von Michael FasselRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Fassel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Amalie im September 1946 in Baden-Baden die Sonne des Spätsommers unter einem Baum im Kurpark genießt, begegnet sie dem jovialen Franzosen Julien. Mit diesem zunächst harmlos wirkenden Zusammentreffen nimmt Amalies Leben eine folgenreiche Wendung. In Aus Liebe zu Roman entwirft die Schriftstellerin Anke Feuchter vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit und Trümmerlandschaft in Deutschland eine Frauenfigur, die mal mehr, mal weniger überzeugend gezeichnet ist.

Ausgangspunkt des Romans ist Amalies prekäre Lebenssituation: Ihre kleine Tochter Nadja hat sie einer Pflegefamilie auf einem Bauernhof anvertraut, um sich als junge Frau versorgen zu können. Ihr Mann Alfred – wie seine Eltern ein Verehrer des Nationalsozialismus – gilt seit dem Zweiten Weltkrieg als vermisst. Zu Beginn des Romans trifft sie auf den jungen Franzosen Julien aus der Militärregierung, der ihr einen Job in einem Café vermittelt.

Als Amalie wieder Geld verdient, beschließt sie, ihre Tochter Nadja wieder zu sich holen. Das Kind fremdelt zunächst. Allmählich finden die beiden zueinander, die kleine Nadja fasst zusehends neues Vertrauen. Amalie verändert sich darüber hinaus beruflich, kann, da sie des Französischen mächtig ist, bei der Besatzungsmacht arbeiten. Sie verliebt sich in Julien und die beiden treffen sich so oft wie möglich. Er verheimlicht ihr allerdings, dass er verheiratet ist, und beendet abrupt ihr Verhältnis, als er nach Paris geht.

Aus ihrer romantischen Beziehung geht im Herbst 1947 Amalies Sohn Roman hervor. Getrieben von Verlust- und Bindungsängsten entscheidet sie sich dafür, ihren Sohn Roman in eine Pflegefamilie zu bringen. Gerade weil sie Roman liebt, gibt sie ihn ab, da sie weiß, dass sie zwei Kinder nicht werde versorgen können. Mit Nadja zieht sie nach Mannheim zu ihrer Cousine Margarethe. Als alleinerziehende Frau kann sie die Verantwortung für zwei Kinder nicht aufbringen. Obgleich sie Hilfe von Margarethe und deren Mann Karl erhält, bleibt ihr Leben unstet. Sie stellt sich jedoch selbstbewusst neuen Herausforderungen. Die Entscheidung, dass sie ihren Sohn abgegeben hat, bleibt als Wunde präsent und so ist offensichtlich, dass sie sich jahrelang fragt, wo er mittlerweile lebt, wie er sich entwickelt hat, wie es ihm geht. Ihre Fragen bleiben nicht unbeantwortet.

Mit Amalie wird eine starke Frauenfigur in Szene gesetzt, was dem Roman durchaus einen emanzipativen Charakter verleiht. Die Handlung erstreckt sich bis ins Jahr 1964, sodass die Entwicklung Amalies nachvollziehbar ist. Gleichwohl fällt Amalie ihre keineswegs folgenlosen Entscheidungen auffallend schnell, vor allem, als sie Roman in eine Pflegefamilie gibt. Gerade diesem für die Romanhandlung so wichtigen Entscheidungsprozess mangelt es an psychologischer Tiefe, die wiederum in anderen Situationen sehr überzeugend geschildert ist, etwa, wenn sich Amalie für kurze Zeit als Prostituierte verdingt, um sich aus ihrer finanziellen Notlage zu befreien. Auch die Interaktionen zwischen Amalie und der zunächst im Kleinkindalter eingeführten, später heranwachsenden Nadja sind sehr behutsam-liebevoll geschildert, sodass die Darstellung der von vornherein gestörten Mutter-Tochter-Beziehung zu den Stärken des Romans gehört.

Anke Feuchter setzt Metaphern und andere literarische Stilmittel sehr sparsam ein, sodass die Sprache mit hauptsächlich einfachen Hauptsätzen wenig Abwechslung bietet. Der Erzählton wirkt ausgesprochen nüchtern, aber keinesfalls distanziert. Die Dialoge hingegen überzeugen nicht, da sie sich in zu vielen Begrüßungs- und Höflichkeitsfloskeln und Plattitüden erschöpfen. In der Figurenrede wird überdies vieles bis ins kleinste Detail auserzählt und erklärt, sodass wenig Spielraum für Mehrdeutigkeiten innerhalb der Kommunikation bleibt.

Aus Liebe zu Roman verarbeitet große Themen wie Trauer, Verlust und die Probleme junger Mütter in der Nachkriegszeit, die auch in den 1950er Jahren und darüber hinaus in bestimmten Kreisen noch immer von Verehrern des Nationalsozialismus geprägt ist. Insbesondere diese Szenen transportieren Divergenzen des gesellschaftspolitischen Geistes.

Die Solidarität unter den weiblichen Protagonistinnen bietet hoffnungsvolle Perspektiven in schwierigen Zeiten. Hervorzuheben ist, dass mit Amalie eine starke Frau porträtiert wird, die insofern in der Charakterzeichnung überzeugt, als sie auch Schwäche zeigen darf und Entscheidungen trifft, die nicht ihrer eigenen Moralvorstellung entsprechen und gesellschaftlich – insbesondere Anfang der 1950er Jahre – verachtet worden sind. Die personale Erzählinstanz weicht nicht von Amalies Seite und bleibt von der ersten Seite an die Identifikationsfigur.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Anke Feuchter: Aus Liebe zu Roman.
Edition Contra-Bass, Hamburg 2024.
298 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783943446753

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