Heiterkeit und schlimme Erfahrungen
Mit Eberhard Hilschers „Rendezvous der Träumer, Narren und Verliebten“ ist ein vielseitiger und trotz bitterer Momente amüsanter Sammelband erschienen
Von Martin Lowsky
Der Schriftsteller Eberhard Hilscher (1927–2005) hat seine Hauptschaffensjahre in der DDR verbracht. Er ist der Autor von Essays, Romanen und Biografien, unter anderem über Gerhart Hauptmann und Thomas Mann. Mit letzterem war er als junger Germanist im Briefwechsel. Der jetzt erschienene Band mit 15 Kurzerzählungen ist ein kleiner Längsschnitt durch sein Schaffen. Einer der Texte, die Satire Hottibaals Verewigung, wurde zum 40-jährigen Jubiläum der DDR geschrieben, wo, so lesen wir, die „Einheitsmeinung“ herrscht und Knüppelhiebe „wie Beifallsklatschen“ klingen. Und dort natürlich nicht veröffentlicht.
Trotzdem strahlen die meisten Texte eine Heiterkeit oder zumindest eine gutgelaunte Gelassenheit aus. Ein Tag – ein Leben berichtet die fantastische Reise eines Ehepaares im Handumdrehen durch die Welt; zu einem Astronomen, einem sprechenden Seeadler und bunten Jahrmarktsbuden, bis den beiden die Erkenntnis kommt, es gebe „nichts Reizvolleres als faulenzen und vögeln“. Intellektualität und Liebeslust spielen hier ineinander, ähnlich wie in der Satire Trunkener Schmock über einen Germanistenkongress. Da gibt es geistreiche Referate zu alter Liebeslyrik, das gesellige Zusammensein bei alkoholgesteuerten Wutanfällen von dummen rechtsextremen Akademikern und schließlich einen Liedvortrag (in „Schalkhaftigkeit, Andacht und Zartsinn“), der den Abendfrieden herbeizaubert.
Ein Höhepunkt des Bandes ist zweifellos Passage, Zafra und Courage (1961 geschrieben und 1989 überarbeitet). Anita und ihr Mann, der Marineoffizier, besteigen in Wismar das Schiff in Richtung Kuba, wo soeben bürgerliche Rebellen eingedrungen sind. Nach den harten Kämpfen und der ebenso harten Erntearbeit nehmen die beiden Zuckerrohr mit – für eine kubafreundliche zahlungswillige Fabrik an der Havel, wo der Chef namens Theodor Storm gerade mit „Reparaturbrigaden“ verhandelt und es schließlich fertigbringt, herrlich weißen Zucker zu produzieren. Ein absurdes Geschehen mit viel Parodie auf die literarische Schule des sozialistischen Realismus! Zur Absurdität gehört auch, dass in der maroden Fabrik die Losung „Modernisierung und Solidarisierung“ ausgegeben wird – oder ist das schlicht damalige Realität?
Am tiefsinnigsten in diesem Band ist – ich wage das aufdringliche Urteil – die Kurzerzählung Dichter im Visier. Der Dichter und Ich-Erzähler Riedel und ein anderer Dichter namens Linus Horand leiden unter der DDR-Zensur und erörtern ihre Schaffensideale; der eine will „aktuelle Zeitbezüge“ und das Dokumentieren, der andere schwärmt von der „poésie pure“ und dem Erproben von „abnormen Ausdrucksformen“. Als der Staat samt seinen flächendeckenden „Verbrechen“ untergeht, läuft die Diskussion zwischen Riedel und Horand im vereinigten geschäftstüchtigen Deutschland weiter – ja noch vehementer angesichts der „Wiederkehr einstiger Intoleranz mit anderen Vorzeichen“. Auf 23 Seiten zeichnet Hilscher hier ein inhaltsreiches, komprimiertes und sorgfältig akzentuiertes Bild von deutscher Kultur der letzten siebzig Jahre. Einmal heißt es: „Wir sind, waren und bleiben das unfolgsame Volk und ließen (beinahe leninistisch) den Stasi-Staat ‚absterben‘.“ (Man erinnert sich: Lenin träumte vom „Absterben“ des Staates unter kommunistischer Regie.) In versteckter Weise sind in dieser Erzählung Berühmte wie Christa Wolf, Peter Huchel, Wolf Biermann, Erich Loest und andere präsent, und obendrein sind die beiden Hauptpersonen Eigenporträts Hilschers in seiner Zerrissenheit. Das kluge Nachwort dieses Bandes von Volker Oesterreich deutet einiges von diesen Hintergründen an.
Nochmals zu der erwähnten Kuba-Erzählung: Das erste und das letzte Wort hat da die Frau; der Text beginnt so: „Als Mädchen hat sie gern heiß gebadet, Fußball und Piratenfrau gespielt und sich mit Jungs gekloppt.“ Da steigt man doch gern in die Lektüre ein!
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