Zwischen Urangrund und Regenbogen, Schächten und Wellness
„Verschlissenes Idyll“ von Marit Heuss ist eine echte Entdeckung
Von Armin König
Was für ein lyrisches Debüt im Moll! Nature Writing trifft auf Industriekultur, Grün auf unterirdische Gifte, auf schwarzes Wasser. Marit Heuß legt mit Verschlissenes Idyll einen Gedichtband vor, der ebenso klug wie melancholisch ist, ebenso präzise wie schonungslos. Es ist eine Lyrik der Schichten – geologisch, historisch, poetologisch –, in der Natur, Industriekultur und Körperwahrnehmung ineinander übergehen. Was an der Oberfläche als vermeintliche Landschaftsidylle erscheint, offenbart sich in der Tiefe als kontaminierte Vergangenheit. Wir erlesen melancholisches Wissen um Zerstörung, als Spätfolge industrieller Prozesse. Naturidylle erscheint nur vorgetäuscht. Der Boden, der künstlich geschüttet, birgt alte Lasten. Schwermütig und präzise setzt Marit Heuß ihre Worte und Bilder, erbarmungslos offen. Melancholie trifft Wissen und Erkenntnis, dass etwas Bedrohliches im Untergrund lauert, derweil nichts ahnende Badende sich treiben lassen über „Gebirgen aus Uran“. Gegenwart trifft Erz- und Kohle-Vergangenheit, radioaktive Erbschaften, zersiedelte Horizonte.
„Heizer fachen die Düsen an“, auch wenn es nicht die Heizer der aufgelassenen Schwer-Industrie sind, sondern die Kurbad-Nachfolger der Bergbaufolgelandschaft:
wir binden den Badegästen Grubenlampen
an die Stirnen, schicken sie in Schächte,
die neu geschichteten Erdteile zu durchglühen,
schenken übermäßig Radonwasser ein,
dass ihre Venen aufleuchten,
ein „verschlissenes Idyll“, wie es im Titel heißt. Wehe, wenn einer die Wahrheit kennt an einen „Gloomy Sunday“,
da wir in Beucha stranden am Porphyrbruch
voll dunklen Wassers, Wolken darin wie Kissen,
Steinwände darin und unwirsche Erde, auf dem Steilhang
die Kirche, ihr andauerndes Aufrecken, in der Ferne
das aus Duroplast gemachte Haus eines Konzerns.
Die Lyrik von Heuß steht in der Tradition eine kritischen Nature Writing. Das explizit Neue ist die brillante Verbindung mit Industrierelikten. Keiner könnte besser die doppelbödige Hinterlassenschaft der Industriekombinate im Osten beschreiben, die es ja auch im Westen in den Revieren gab – und ihre verlogene Idyllisierung und Pseudo-Romantisierung,
und wenn dir so ist,
denk an den Schnee, der
Sachsens Straßen wie
eine Zarin bleich stehen lässt.
Landschaft als Speicher von Geschichte, Körper als Sensor für das Unsichtbare, Sprache als geologischer Schichtblick.
Aber es war ja für manche auch schön hier, „Hinter den sieben Bergen“: „Die Tante zeigte mir noch den Regenbogen, der Sonntagnachmittag überm Vogtland erschien, sein Neigungswinkel und wie er durchsichtig war“. Aber so ganz idyllisch war dieses Sommer-Sonntagsbild mit Regenbogen dann doch nicht. Das lyrische Ich, daneben die 90-jährigen Tante,
über Erdbeertörtchen gebeugt, tupfte mit einer Papierserviette
Meine Mundwinkel ab und weinte nahtlos ins Tischtuch,
Bis es nasser wurde und mehr von mir in sich hatte als ich selbst.
Traurig, diese Idylle. Das taugt nicht für touristische Sentimentalitäten.
Nicht nur im Vogtland, nicht nur in Sachsen macht Marit Heuß ihre Beobachtungen. Hinter den sieben Bergen liegen auch andere Schein-Paradiese. Portugal zum Beispiel. Oder das Wallis. Trastevere im Rom. Die Via Giulia. Heuß zitiert im zentralen Kapitel „Verschlissenes Idyll“ Rilke, der wohl einer der inspirierenden Dichter für die Autorin wurde. Die beschreibt den fantastischen Palácio invisível, inspiriert von Rudolf Borchardt (Villa) in einem beeindruckenden Langgedicht, bringt die Soror Marjana ins Spiel. Doch für Idylle ist auch hier kein Platz, wenn das lyrische Ich erzählt,
müßig in Hast, den Wellen, der Wallung hingegeben, Körper schwer
von Mänteln, Jacken, so verlottert Ödnis, einzelne an Strand
gespülte Stiefel, Fischreiher, vom Wind zerfleddert, starre Augen
hoch zum Himmel, Joghurtmüll, daraus schillern farbig Muscheln, Steine,
ich tauche meine Füße, Silberreif um meine Fußgelenke, im Ohr ein Rauschen.
Das ist schlicht überwältigend, zuweilen auch beklemmend, inspiriert von Jürgen Becker, dem das erste Motto des edlen Bandes gehört, Emily Dickinson, Hans Erich Nossack, Rainer Maria Rilke. Den beiden letzten Langgedichten werden Motti von August Wilhelm Schlegel und Jean Jacques Rousseau vorangestellt, auf die auch im Text verschlüsselt Bezug genommen wird. Wer genau liest, findet selbstverständlich auch Hinweise auf Franz Kafka bei der Handke- und Kafka-Expertin und -Vorleserin Marit Heuß. So schließen sich Kreise. In den Lang- und Kurzgedichten tauchen auch blitzlichtartig Paul Fleming, Volker Sisal, John Lennon, Wolfgang Mattheuer, Friederike Mayröcker, Sarah Kirsch und Rudolf Borchardt auf. Das ist exzellent durchkomponiert. Es bleibt kein Postkarten-Idyll, sondern eine vergängliche, ausgebeutete Erde, die ihre Narben nicht mit Blumen verdecken kann. „Gegend, Gestalt, Geschichte“ schrieb Jan Kuhlbrodt über sein Nachwort.
Marit Heuß gelingt mit ihrem Debüt ein lyrisches Vermessungswerk des Anthropozäns – zärtlich, entlarvend, melancholisch und von großer sprachlicher Kraft. Gegenwartsbeschreibung trifft hier auf historische Tiefenschärfe. Und hinter der Melancholie lauert große Erkenntnis. Eine echte Entdeckung.
Erschienen ist der auch haptisch und grafisch edle Lyrikband der promovierten Germanistin Marit Heuß im Leipziger Verlag Poetenladen.
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