Man braucht einen Bruder, um Bruder sein zu können

Willi Achtens Roman „Die Einmaligkeit des Lebens“ verbindet die tragisch endende Geschichte zweier Brüder mit der des Untergangs einer Landschaft

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Natur und Erwachsenwerden, Heimat und Heimatverlust, Familienbande und Vergänglichkeit – auch in seinem neuen Roman Die Einmaligkeit des Lebens bleibt der1958 in Mönchengladbach geborene Willi Achten seinen bisherigen Themen treu. Der heute mit seiner Familie im niederländischen Vaals lebende Romancier und Lyriker debütierte 1994 mit dem Gedichtband Das Privileg von Pfeffer & Salz. Seitdem erschienen zwei weitere Lyriksammlungen und sieben Romane.

In Die Einmaligkeit des Lebens erzählt er auf zwei Zeitebenen – die einzelnen Buchabschnitte sind mit den Jahreszahlen 2017 und 1988 überschrieben – eine Brudergeschichte. Vinzenz Brougen, der Ältere, und Simon, sein jüngerer Bruder, aus dessen Perspektive Leserinnen und Leser das Geschehen wahrnehmen, wachsen gemeinsam in einem kleinen niederrheinischen Ort unweit eines raumgreifenden Braunkohlereviers auf.

Bereits in den späten 1980er Jahren ist klar: Auch das Örtchen Kirschrath wird – wie viele andere Dörfer in der unmittelbaren Umgebung vor ihm – früher oder später von dem immer näher kommenden riesigen schwarzen Loch, in dem die Bagger ihre Arbeit verrichten, verschlungen werden. Kirschrath-Neu heißt der Ort, in den die Bewohner schließlich nach der Jahrtausendwende umgesiedelt werden sollen. Für Simon, dem der Autor viel von sich selbst mitgegeben hat, steht fest, dass er den Ort, in dem er groß wurde und an dem seine Erinnerungen, ja sein ganzes bisheriges Leben hängen, nicht so einfach verlassen kann. Der Mann, der das Obstanbauunternehmen seiner Eltern inzwischen führt, stellt sich deshalb stur, wenn ihm Vertreter des Tagebaukonzerns die Umsiedlung schmackhaft zu machen versuchen. Denn für ihn steht fest: „Was legal ist, muss nicht legitim sein.“

In Kirschrath haben die Brüder Simon und Vinzenz Brougen ihre Kindheit und Jugend verbracht. Ihre enge Verbindung zueinander – Vinzenz ist ein Jahr älter als Simon, als er das letzte Schuljahr wiederholen muss, verbringen die Jungen einen Abschnitt ihrer Schulzeit sogar in derselben Klasse – schloss nicht zuletzt auch eine enge Verbundenheit mit ihrer Heimat ein. Man war integriert in die zahlenmäßig überschaubare Dorfgemeinschaft, spielte erfolgreich in der Fußballmannschaft des Ortes und versuchte, eine gute Figur zu machen, wenn die große Borussia aus Mönchengladbach ihre Talentsucher in die Dörfer schickte. Man half den Eltern im Obstbau und verliebte sich sogar in dasselbe Mädchen, Martha, die Tochter des örtlichen Bestatters, was die Atmosphäre zwischen den Brüdern aber nur kurzzeitig ein wenig durcheinandergeraten ließ.

Als Simon bei einer Schulexkursion in ein nahe gelegenes Kloster plötzlich der Judaskopf aus einem jahrhundertealten geschnitzten Altar vor die Füße rollt, weil er mit der Figur des biblischen Verräters wohl ein bisschen zu intensiv in Kontakt kam, hilft ihm Vinzenz mit einer Begabung, die er in dieser Situation zum ersten Mal einsetzt. Später macht er das Restaurieren sogar zu seinem Beruf und bereist als international renommierter Experte die halbe Welt. Als ihn schließlich ein Auftrag zurück zu dem Kunstwerk ruft, mit dem alles einmal begann – in einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatten die Jungen versucht, den abgefallenen Judaskopf wieder so anzukleben, dass niemand den Schaden bemerken würde, was natürlich letzten Endes schiefging –, ist er bereits unheilbar an einem Gehirntumor erkrankt.

Zwischen Erinnerungen an die Zeit des gemeinsamen Erwachsenwerdens zweier Brüder, die nichts auseinanderzubringen vermochte, und einer Gegenwart, in dem der eine Bruder ohnmächtig zusehen muss, wie der andere langsam Abschied nimmt von allem, was ihnen von Anfang an lieb und teuer war, hat Willi Achten seinen berührenden Roman angesiedelt. Als Vinzenz, seinen Tod vor Augen, sich schließlich mit einem flehenden „Hilf mir. Rette mich!“ an den Bruder wendet, dem er selbst so oft geholfen hat, ist es für eine wirkliche Rettung freilich längst zu spät. Simon kann nur noch versuchen, dem Älteren das Sterben leichter zu machen. Und das tut er auch mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.

Behutsam, aber ohne etwas zu verschweigen, mit einer Sprache, die Landschaften auf poetische Weise lebendig werden lässt und melancholisch über das Verschwinden von über lange Zeiträume gewachsener, den in und mit ihr lebenden Menschen von alters her vertrauter Natur zu klagen versteht, hat Willi Achten einen Roman geschrieben, in dem sich Persönliches mit Gesellschaftlichem, Inneres mit Äußerem verschränken. Denn genauso wie der Tagebau immer näher an die unmittelbare Heimat der Brougens heranrückt, um sie eines nicht mehr allzu fernen Tages zu verschlingen, arbeitet sich auch der Tod immer näher an einen der Brüder heran.

Allein was am Ende bleibt, ist nicht das Nichts. Denn sowohl gegen das „Nagen [der Bagger] am Land“ wie gegen jenes (des Todes) am Leben eines Menschen bringt Achtens Roman die Erinnerung in Stellung. Als bewahrende Kraft des Gewesenen, als Energie, mit der sich alles wiederfinden lässt, was einst war. In Vinzenz‘ Gedanken ist es für immer aufbewahrt. Auch das in der Realität Verschwundene hat hier noch seinen Platz. Im Gedächtnis existieren sie weiter, „der Fluss, […] die Seen, […] in der Ferne unser Hof und die Baumreihen, der Flughafen und der Sportplatz.“ Und sie stellen weit mehr dar als nur Orte, die inzwischen verschwunden sind oder in Kürze verschwinden werden: „Sie waren unser Leben, wir sind hier zu Haus.“ Deshalb weiß Simon, auch nachdem sein Bruder nicht mehr unter den Lebenden weilt, genau,

dass ich das Haus und den Hof nie verkaufen, nie räumen werde, denn dort werden sie für immer sein und Vinzenz mitten unter ihnen, und wenn sie in dem Loch verschwinden, dann sind sie für immer verloren, weil kein Stein, kein Ziegel mehr ist, um das zu bewahren, was war. Ein gutes Leben.

Mit Die Einmaligkeit des Lebens ist Willi Achten erneut ein Roman gelungen, der im Gedächtnis bleibt. Keine leichte, aber eine unterm Strich tief berührende, in der Biographie des Autors wurzelnde Geschichte, auch eine Art Rettungsversuch, wie er im Leben zwar nicht gelingen konnte – wer vermag es schon, den Tod mit seiner kleinen Menschenkraft aufzuhalten –, in der Literatur und mit den Mitteln der Sprache aber durchaus glücken kann.

Titelbild

Willi Achten: Die Einmaligkeit des Lebens. Roman.
Piper Verlag, München 2025.
224 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783492072854

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