Auch Feuer hält sich nicht an Regeln
Candice Fox bleibt mit ihrem Roman „Devil’s Kitchen“ dem hohen Niveau treu, dass sie seit ihren Anfängen in den 2010er Jahren zu einer der weltweit besten Thriller-Autorinnen gemacht hat
Von Dietmar Jacobsen
Am Anfang ihres Romans Devil’s Kitchen sieht es gar nicht gut aus um Candice Fox‘ Heldin Andrea „Andy“ Nearland. Die Frau, die undercover für das FBI bei einer Eliteeinheit der New Yorker Feuerwehr arbeitet, scheint aufgeflogen zu sein. Und weil den Männern, die ihre Brände selbst legen, um während der Brandbekämpfung nahe gelegene Banken, Juwelierläden und andere reiche Beute versprechende Geschäfte auszukundschaften und deren Sicherheitsanlagen unter ihre Kontrolle zu bringen, alles zuzutrauen ist, hat sie selbst wohl nur noch wenig Hoffnung, aus ihrer misslichen Situation lebend herauszukommen.
Allein der Roman friert das Geschehen, welches sein Prolog erzählt, anschließend erst einmal ein und erzählt seinen Leserinnen und Lesern die Geschichte seiner taffen Heldin von Anfang an.
Es sind immer wieder intelligente und starke Frauen, die in den bis dato zehn Romanen der Australierin Candice Fox im Mittelpunkt stehen – sieben weitere Bücher hat die Autorin gemeinsam mit dem US-amerikanischen Bestsellerautor James Patterson geschrieben. Eden Archer in der Hades – Trilogie (2014– 2015), die Foxʼ Ruf, eine der weltweit innovativsten Thriller-Autorinnen unserer Zeit zu sein, begründete. Die exzentrische Privatdetektivin Amanda Pharrell, die in den drei Teilen der Crimson-Lake - Reihe (2017– 2019) zusammen mit dem fälschlich eines schweren Verbrechens beschuldigten Ex-Polizisten Ted Conkaffey im australischen Outback Fälle löst. Die vier äußerst unterschiedlichen Frauen, die sich in Dark (2020), dem ersten von bisher vier in den Vereinigten Staaten spielenden Romanen der Autorin, zusammentun, um die Spur eines verschwundenen Mädchens zu verfolgen. Oder zuletzt die ihren mehr als unglücklichen Einstand bei der Polizei von Los Angeles mit allen Mitteln vergessen machen wollende Lynette Lamb in Stunde um Stunde (2023). Sie alle besitzen Mut und Selbstbewusstsein, agieren äußerst unkonventionell und teilen die feste Überzeugung, den Männern in ihrem Umkreis in nichts nachzustehen. Darin ähneln sie übrigens auch ein wenig ihrer Erfinderin, die sich schon mit sieben Jahren in ausufernde True-Crime-Lektüren stürzte und mit 12 erste Schreibversuche unternahm.
Nun also Andy Nearland, eine freiberufliche Undercover-Agentin, die vom FBI eingespannt wurde. Benjamin Haig, einer jener Feuerwehrmänner, die Brände nicht nur löschen, sondern vorher auch legen, um bei der Gelegenheit zukünftige Tatorte auszuspähen, ist mit ihren Auftraggebern den Deal eingegangen, sich und seine Kumpane ans Messer zu liefern, wenn im Gegenzug endlich geklärt würde, was aus Luna Denero, der Frau, mit der Ben zusammenlebte, und ihrem kleinen Sohn Gabriel wurde, die über Nacht aus seinem Leben verschwanden. Hat die gewalttätige Crew um Matthew Roderick, dem von seinem Einsatz in den Zwillingstürmen am 11. September 2001 nach wie vor traumatisierten Feuerwehrmann, die beiden aus dem Weg geschafft, weil Luna den illegalen Geschäften der Gruppe auf die Spur gekommen war? Oder bedeutete ihr die Beziehung zu Ben von Anfang an nicht so viel wie ihm?
Auch Devil’s Kitchen geht wie jeder der bisher vorliegenden Romane von Candice Fox von Anfang an in die Vollen. Und führt seine Figuren schnell an ihr Limit und darüber hinaus. Roderick, der das Sagen in der „Engine 99“- Crew hat, Ben Haig, der perspektivisch als sein Nachfolger aufgebaut werden soll, sowie Engo und Jake, die nach der Pfeife ihres Bosses tanzen, haben gerade ihren fünften Mann verloren, als Andy auftaucht, um die vakante Position zu füllen. Mit einer Frau haben die vier Männer noch nie gearbeitet. Und dass Andy offensichtlich mit einem von ihnen etwas am Laufen hat, stimmt Matt, Engo und Jake zusätzlich pessimistisch. Doch nachdem sie sich bei ersten Einsätzen bewährte und Ben Matt zusätzlich verspricht, die Affäre mit der Neuen zunächst einmal um der Arbeit Willen ruhen zu lassen, gewöhnt man sich langsam aneinander.
Von einhundertprozentigem Vertrauen zwischen den Männern und der Frau kann aber weiterhin nicht die Rede sein. Ben geht es zu langsam, wie sich Andy um sein ganz spezielles Anliegen kümmert. Und ihr Kontaktmann beim FBI, Tony Newler, mit dem sie bereits seit Jahren zusammen undercover arbeitet, hat seine unerwiderten Gefühle für sie immer noch nicht im Griff. Außerdem möchte er, dass sie sich vorrangig um die Aufklärung eines Polizistenmordes kümmern soll, der im Zusammenhang mit einem der Überfälle der Gruppe zu stehen scheint. Währenddessen testet Matt Andys und Bens Loyalität mit fiesen Fallen, die er ihnen stellt und von denen jede einzelne einen tödlichen Ausgang nehmen kann. Denn man muss vorsichtig sein, schließlich planen die Männer gerade ihren letzten großen Coup. Weil der einen Gewinn von über acht Millionen Dollar verspricht, ist die Nervosität im Vorhinein entsprechend groß.
Candice Fox hat ihren zehnten Roman geschickt konstruiert. Mit mehreren, 15 Jahre in die Vergangenheit reichenden Rückblenden erzählt sie die Vorgeschichten ihrer beiden zentralen Figuren. 2008 hat Ben bei der New Yorker Feuerwehr angefangen und wurde von Matt unter dessen Fittiche genommen. Im gleichen Jahr rekrutierte der FBI-Mann Tony Newler die junge Dahlia Lore, die sich später Andrea Nearland nennen sollte. Er hatte sich intensiv mit ihrer Vergangenheit beschäftigt und wusste, dass sie ihre Eltern bei einem Tankstellenüberfall verloren und sich anschließend an den Mördern blutig gerächt hatte. Die Raffinesse, mit der sie dabei zu Werk ging, um das Vertrauen der Killer zu erlangen, imponierte ihm und er bot ihr eine Ausbildung und später den Job einer Undercover-Agentin beim FBI an. Den nahm sie zwar nicht an, doch ihre freiwillige Arbeit für die Bundespolizei führt sie letztendlich auch in die toxische Männerwelt der New Yorker Brandbekämpfer und zu Ben Haig.
Devil’s Kitchen wird abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt, der von Andy und der von Ben. Das den Roman beschließende Kapitel erinnert dann ein wenig an die Jack-Reacher-Reihe von Lee Child. Auch der ehemalige Militärpolizist war an den Orten, in denen er dann rigoros für Ordnung sorgte, häufig mit dem Bus angekommen. Das tut Fox‘ Heldin, nachdem sie ihre Undercover-Mission bei der New Yorker Feuerwehr beendet hat, nun ebenfalls. Und landet, mit einem neuen Auftrag versehen, irgendwo im sommerlich heißen Louisiana, um der Wirtin einer billigen Spelunke dabei zu helfen, ihre verschwundene Tochter wiederzufinden.
Und so dürfte es wohl noch ein wenig weitergehen mit Candice Fox‘ aktueller Heldin. Doch bestimmt nicht so weit, wie Lee Child es mit seinem Gerechtigkeitsfanatiker Reacher getrieben hat. 25 Bände? Das wäre für eine Autorin, der es offensichtlich großen Spaß macht, immer wieder neue Figuren für ihre Romane zu erfinden, wahrlich zu viel. Richten wir uns also auf eine Trilogie ein – maximal. Aber das ist ja auch schon was.
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