God save the Cokers
Kate Atkinsons gestattet mit „Nacht über Soho“ ihren Leserinnen und Lesern einen erhellenden Blick hinter die Kulissen des Londoner Amüsierbetriebs der 1920er Jahre
Von Dietmar Jacobsen
Nellie Coker ist die Queen of Soho. In ihren fünf Londoner Nachtclubs treffen sie sich in den 1920 Jahren alle: Anwälte und Politiker, skrupellose Gangster, Etablierte und Novizen, Begüterte und solche, die alles tun würden, um dazuzugehören. Eben ist ein großer Krieg zu Ende gegangen und das Bedürfnis, sich endlich einmal ohne Angst vor dem Morgen zu amüsieren, ist riesengroß. Also liefern „Old Ma Coker“, wie sie liebevoll auf der Straße genannt wird, und die Ihren alles, was dazu nötig ist, Alkohol, Drogen und Mädchen inklusive. Doch das Imperium der Queen of Soho steht nicht mehr auf den sichersten Füßen. Denn in das lukrative Geschäft, das sie betreibt, zieht es längst auch andere. Und einer wartet schon lange darauf, dass er der Dame für immer das Wasser abgraben kann: Detective Chief Inspector John Frobisher.
Dem unglücklich verheirateten Mittvierziger sind die vor aller Augen betriebenen krummen Geschäfte des Coker-Clans ein gewaltiger Dorn im Auge. Zumal ihm seine langsam wachsende Überzeugung, dass es, seit wieder Frieden herrscht, mit London nur noch bergab geht und das „Ende der westlichen Zivilisation“ unablässig näherrückt, nicht zuletzt in dem Vorhaben bestärkt, seinen eigenen kleinen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten, zur Not auch mit unorthodoxen Mitteln. Und seit ihm die Bibliothekarin Gwendolen Kelling über den Weg gelaufen ist, weiß er auch, wie dieses Unorthodoxe in seinem Fall aussehen könnte. Denn die Zeit eilt und dass es einen Zusammenhang zwischen dem rauschhaften Nachtleben in Nellies Klubs und dem Verschwinden etlicher junger Mädchen in der Metropole geben dürfte, bezweifelt John Frobisher keine Sekunde.
Nacht über Soho – im englischen Original Shrines of Gaiety – ist der zwölfte Roman der heute 73-jährigen Kate Atkinson. Wie in allen ihren Werken glänzt sie auch in diesem historisch im England der Zwischenkriegszeit angesiedelten Buch mit einem umfangreichen Figurenensemble, schnellen Zeit- und Ortswechseln, britischem Humor und einer Vielzahl von Handlungsfäden, aus denen sich erst im Laufe der fortschreitenden Lektüre ein nachvollziehbarer Plot ergibt. Wie die Autorin dabei die einzelnen Protagonisten miteinander in Beziehung bringt, unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen lässt, das langsame Spinnen raffinierter Intrigen verfolgt und ihre Leserinnen und Leser nicht nur einmal mit plötzlichen Wendungen überrascht, zeugt nicht nur von ihrem kompositorischen Geschick, sondern lässt in der Übersetzung des Romans durch Anette Grube auch die sprachliche Brillanz Atkinsons zur Geltung kommen.
Es scheint jedenfalls eine heile Welt zu sein, in die Nellie Coker am Anfang des Romans nach einem halbjährigen Gefängnisaufenthalt im Jahr 1926 zurückkehrt. Die Königin des Londoner Nachtlebens besteigt, gefeiert von ihren zahlreich zusammengeströmten Anhängern, wieder ihren Thron und erwartet, dass alles so weitergeht wie bisher. In ihrer Abwesenheit hat Tochter Edith die Familie – zu der noch drei Töchter und zwei Söhne gehören – und das Geschäft zusammengehalten. Jetzt, da die Prinzipalin wieder da ist, kann man zur alten Ordnung zurückkehren. Doch da ist nicht nur der von seiner Mission besessene Polizist John Frobisher, der für Unruhe sorgt, indem er eine Undercoveragentin in das Coker-Imperium einschleust. Auch ein schwer zu durchschauender Mafioso namens Azzopardi macht Nellie Sorgen, indem er ihr unverblümt mitteilt, dass die Zeit des Coker-Clans vorbei sei und man am besten daran täte, ihm zurückzugeben, was man ihm vorzeiten geraubt habe. Und ob sich die Clanchefin immer noch zu einhundert Prozent auf jedes ihrer Kinder verlassen kann, steht genauso dahin wie die Treue der von ihr bezahlten Ordnungshüter, von denen zumindest einer nach ihrer Position schielt.
Die sympathischere weibliche Hauptrolle hat Atkinson übrigens der jungen Gwendolen Kelling zugeteilt, die in die Hauptstadt gekommen ist, um nach zwei ausgebüxten jungen Mädchen Ausschau zu halten. Denen war es in York irgendwann zu langweilig geworden. Und weil die Mutigere der beiden gehört hatte, dass im amüsierfreudigen London an jeder Ecke Musiktempel nach jungen Tänzerinnen Ausschau hielten, die dann manchmal über Nacht zu gutbezahlten Stars der Szene avancierten, hatte sie sich zusammen mit ihrer Freundin in den Zug gesetzt, um dem gemeinsamen Traum Richtung Süden zu folgen.
Dass all die Mädchen, deren plötzliches Verschwinden DCI Frobisher untersucht, genau zu dieser Klientel von unerfahrenen Teenagern mit für die meisten unerfüllbaren Träumen gehörten, hatten die beiden auf ihrer Flucht vor der Provinz freilich nicht auf dem Zettel. Und so befindet sich Gwendolen Kelling, als sie sich auf der Suche nach den beiden Ausgebüxten auf Anraten einer Bekannten bei John Frobisher meldet und von diesem augenblicklich als Undercoveragentin ins Reich der Nellie Coker geschickt wird, unversehens auf einem Weg, der gefährlicher für eine Bibliothekarin ist, als die sich je vorzustellen vermochte. Allein Gwendolen ist eine mit allen Wassern gewaschene junge Frau, deren Kriegseinsatz als Sanitäterin sie nicht zuletzt gelehrt hat, auch mit den blutigen Seiten des menschlichen Miteinanders zurechtzukommen.
Um ihre beiden im Zentrum des Romans stehenden Frauen herum präsentiert Kate Atkinson eine ganze Reihe von wunderbar erfundenen Charakteren. Ob es die Kinder der Nellie Coker sind – Edith, die beflissene älteste Tochter, die ihre Mutter einmal beerben soll, Niven, der dandyhafte Schönling, dem man irgendwann alles – selbst Gutes – zutraut, die gar nicht so harmlos und brav, wie sie scheinen, agierenden Schwestern Betty und Shirley, Ramsey, der leicht spleenige Möchtegern-Schriftsteller, der sich seinen Traum letzten Endes auf ziemlich unehrenhafte Weise erfüllt, und das Nesthäkchen Kitty, genannt le bébé –, oder die nach London geflohenen Teenager Freda und Florence, Erstere eher verwegen, ihre Freundin deutlich weniger mutig, und schließlich jene Personen, die den Kosmos um DCI Frobisher herum bilden. Sie alle macht die Erzählkunst der Kate Atkinson mit wenigen Sätzen zu wiedererkennbaren Charakteren mit je individuellen Lebenserfahrungen, Absichten und Verschrobenheiten. Und spielen die meisten von ihnen auch Nebenrollen im großen Theater um die Macht in Soho – die Autorin nimmt jeden Einzelnen und jede Einzelne von ihnen wichtig, lässt sie in kleinen Geschichten am Rande auftreten, selbst wenn die in Beziehung auf das große Ganze kaum eine Rolle spielen.
Viel Raum für Ungemach hält Nacht über Soho für seine Leserinnen und Leser bereit – und der wird von Kate Atkinson über etwas mehr als 500 Seiten hinweg weidlich ausgenutzt. Dass am Ende des kurzweiligen Romans nichts mehr so sein wird wie an seinem Beginn, ahnt man schon bald. Das freilich tut dem Vergnügen, mit dem man der Autorin in das wimmelnde Londoner Nachtleben der 1920er Jahre folgt, keinen Abbruch. Auch dass man gelegentlich gezwungen ist, noch einmal etwas zurückzublättern, um einem der zahlreichen Handlungsfäden oder einer der nicht minder vielen Personen auf den Sprüngen zu bleiben, sollte man eher als Beleg für literarische Qualität nehmen denn als Nachweis der eigenen Vergesslichkeit. Und auf diese, die literarische Qualität ihrer Texte, scheint Kate Atkinson fast noch ein bisschen mehr Wert zu legen als auf die kriminalistischen Irrungen und Wirrungen, die die Plots ihrer Bücher ausmachen.
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