Ein Bestseller-Autor räumt seinen Instagram-Kanal auf
Nicolas Mathieu präsentiert mit „Jede Sekunde“ eine Textcollage mit Beobachtungen über die Liebe, verpackt in lauter Beziehungskisten und gelabelt als verpasste Chancen und flüchtiges Glück
Von Nora Eckert
Der französische Autor Nicolas Mathieu ist in jeder Beziehung ein Promi, der in den Rubriken Gesellschaftsklatsch scheinbar ebenso zu Hause und sattelfest ist wie in der großen Literatur. 2018 erhielt er für seinen Roman Wie später ihre Kinder („Leurs enfants après eux“) den Prix Goncourt, weitere Romane folgten. Bekannt ist er auch als Regierungskritiker und Sozialreporter. Dazu gehört der soziale Aufstieg – vom Arbeiterkind zum vielbeachteten, wortstarken Intellektuellen. Auch das Kokettieren gehört dazu: „Ich werde immer ein Proletenkind bleiben“, dem die Unzufriedenheit gewissermaßen angeboren sei. Und irgendwo las ich, er sei ein „Instagram-Junkie“. Er ist scheinbar auch ein Liebling der Literaturkritik, die in seinem Fall gern in Verzückung gerät.
Das hier zu besprechende Buch Jede Sekunde ist, wenn wir so wollen, ein Social-Media-Produkt, eine Sammlung literarischer Quickies, thematisch sortiert nach Stichworten wie Seitensprung, Vater-Sohn-Beziehung, unerfüllte Ehe, die Lust verhindernde Last des Alltags, die im französischen Original den Titel Le ciel ouvert trägt und an die Klischeevorstellung denken lässt, dass wir in Sachen Liebesglück wie auf einer Wolke schweben. Wobei die Erdanziehungskraft, die offenbar auch für unsere Gefühlswelt gilt, früher oder später für Abstürze und Ernüchterungen sorgt. Kurzum: Das alte, nimmersatte Liebesleid.
Der Band ist mit seinen 94 Seiten recht handlich und kann so konsumiert werden wie die digitalen Posts im Netz – schnell reingelesen und hopp zum nächsten Post, Navigation nicht erforderlich. Das kommt, wie gesagt, gut an, aber am Ende zählt nicht so sehr die Form, sondern Inhalt und Sinn. In den gelungenen Fällen ergibt sich daraus ohnehin die Form. Denn entscheidend ist, was wir erzählen. Und wie schaut es damit in Jede Sekunde aus? Ich würde sagen: durchwachsen. Denn manches kam mir nur wie Pose vor.
Verdächtig sind mir schon mal diejenigen, die nicht zu ihrem Metier stehen und doch davon (gut) leben. Da heißt es ziemlich am Anfang, Literatur könne nichts ausrichten: „Alle Bücher sind Totenstädte. Kein Satz, kein Einschub wird mir die Berliner Nacht wiederbringen, unsere heimlichen Nachmittage […].“ Das wäre also schon mal geklärt: Literatur kann nichts, aber brauchen sie dennoch – vor allem der Autor selbst. Wie hätten wir sonst von seinen heimlichen Nachmittagen erfahren? Also kann Literatur doch was. Und wenn sie nur den Raum zur Selbstbeschau liefert und schließlich das Publikum, das sie ermöglicht.
Trotzdem verrät uns Mathieu am Ende, wie bedeutsam für ihn das Schreiben ist: „Diese Texte sind auch Teil des Krieges, den ich seit meiner Jugend gegen den Lauf der Dinge führe, indem ich die Uhr anhalte und den stetig strömenden höllischen Fluss der Gefühle.“ Also dann doch die Bestätigung: Literatur kann was.
Natürlich hat die Literatur nur Worte zur Verfügung. Das wusste schon Hamlet auf die Frage zu antworten, was er da lese. Nur, was sollen wir davon halten, wenn sich der Autor darüber beklagt: „Schau, wie meine Finger sich abmühen, das Leben nachzuspielen und nur Leere finden an der Stelle, die du warst.“ Aber so lautet nun mal die Verabredung mit der Sprache – sie ersetzt nicht das Leben. Andererseits hat die Menschheit mit Blick auf die digitalen Medien wohl noch nie so viel kommuniziert wie heute, womit sich eher die Frage stellt, wann leben wir überhaupt bei lauter empfangsbereiten Smartphones?
Genau an dieser Stelle liefert Mathieu eine passgenaue Beobachtung. Denn als Nutzer von Social Media weiß er, wie schnell heute die Kommunikation geht: „Wir schicken uns Rasierklingen durch den digitalen Raum. Sie tun ihr hässliches, egoistisches Werk. Sie sagen: Denk an mich. Hör mir zu.“ Da ist allerdings der Autor mit seinem Metier nicht weit davon entfernt.
Wie schon eingangs vermerkt, es geht um Liebesglück, erlebtes wie verhindertes. Erlebt wird es beispielsweise als Seitensprung, wenn es neben der Ehe einen Geliebten, eine Geliebte gibt. Der Autor beschreibt es als „Drama des Doppellebens“, wo das erfahrene Glück zur Frage des passenden Moments wird. „Sie waren glücklich gewesen wie Verbrecher.“
In den Ehen scheint das eher nicht möglich zu sein. Warum wird trotzdem ständig geheiratet? „Dieses Leben hatte sie nicht gewollt.“ Etwa dem Abenteuer der Untreue zuliebe? „Sie zog es vor, ihn im Hotel zu treffen. Dort musste sie sich nicht um Bettwäsche oder Nachbarn kümmern.“ Womit wir das eheliche Liebesglück auch mal unter dem Aspekt der damit verbundenen Hausarbeit betrachten sollten. Jedenfalls ein origineller Hinweis. Weil das so ist, gibt Mathieu den Rat: „Als Erstes sollte man den Kindern sagen, dass die Liebe ein Geduldsspiel ist.“ Auch würden in dieser Hinsicht alle lügen – die Filme sowieso und noch schlimmer die Romane. Was bleibt, ist offenbar der Konjunktiv, nämlich was hätte sein können, verbunden mit der Erkenntnis: „Das sind unsere einzigen wahren Gespenster, diese Geschichten, die ihre Chance verpasst haben […].“
Ein anderes Beispiel aus der Sammlung von Beziehungskisten: Vater und Sohn. An einer Stelle heißt es: „Ich werde dich [gemeint ist der Sohn] am anderen Ende [der Kindheit] erwarten, keine Angst. Deine Kindheit ist an einem sicheren Ort. Du kannst werden, wer du willst.“ Und doch steht ein paar Seiten weiter über das Verhältnis der beiden, es sei „Stoff für zwanzig Jahre Therapie“.
Es sieht ganz danach aus, als würde der Autor auf den 94 Seiten leidenschaftlich mit Illusionen handeln, um seine literarische Ware im nächsten Moment der Desillusionierung auszuliefern. Am Ende steht er mit leeren Händen da: „Ein ganzes gestohlenes Leben, tausend heimliche Minuten, die unsere klägliche Vita sind.“ Und weiter: „Das soll alles sein? Mehr gibt es nicht?“ Sicherlich kein Zufall, dass mir hier der wunderbare Song „Is that all there is?“ einfiel, gesungen von der unnachahmlichen Peggy Lee, die jedenfalls mehr verlangt als eine klägliche Vita.
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