Die Zukunft des Buchs in KI-Zeiten
Zwei Publikationen – zwei grundverschiedene Ansätze
Von Günther Fetzer
Dass KI die Welt der Kreativen verändert hat und weiter verändern wird, ist inzwischen zum Gemeinplatz im täglichen Feuilleton geworden. Das gilt auch für das Medium Buch. Zwei neue Publikationen reagieren auf diese Situation. Die eine fordert dazu auf, KI spielerisch zum Schreiben von Romanen zu erproben; die andere entwirft Sachbücher der Zukunft mit den klassischen Tools der Kreativität.
Wolfgang Tischer, Gründer und Herausgeber des literaturcafe.de und durch etliche Bücher und Zeitschriftenbeiträge für Selfpublisher ausgewiesen, hat ein schmales Buch vorgelegt, in dem er zeigt, wie mit Hilfe von KI eine Idee in einen vollständigen Roman verwandelt werden kann. Es ist eine Schritt-für-Schritt Anleitung, wie ChatGPT zu füttern ist, um einen Plot zu strukturieren, Charaktere zu entwickeln, Konflikte aufzubauen und den perfekten Pitch sowie ein überzeugendes Exposé zu schreiben. Beispielhaft greift er dazu das Genre New Adult auf, weil diese Art von Romanen derzeit auf dem Buchmarkt boomen und weil das Genre mit wiedererkennbaren Mustern arbeitet sowie die Zielgruppe digitalaffin ist.
Tischer führt 60 „Tropes“ auf. Das sind wiederkehrende Themen, Motive oder Erzählstrukturen in diesem Genre wie zum Beispiel „Enemies-to-Lovers“, „Second Chance“ oder „Career vs. Love“. Er beschreibt diese Tropes in einem Satz, begründet, warum sie funktionieren, und nennt ein Beispiel einer Handlung. Darauf folgen 199 „kreative, spannende und emotional fesselnde“ Plot-Ideen, die allesamt – wie das ganze Buch – KI-generiert sind. So etwa der zu schreibende Roman „Im Labyrinth der Wünsche“, der auf den Tropes „Secret Society“, „Coming-of-Age“ und „Forbidden Love“ basiert und dessen Plot lautet: „Eine junge Frau sucht nach Erfüllung und entdeckt in einer geheimen Gemeinschaft, dass die wahren Wünsche im Herzen beginnen.“
Der Anspruch der Publikation ist hoch:
Mit diesem Projekt möchten wir nicht nur inspirieren, sondern auch zum Nachdenken anregen: Welche neuen Möglichkeiten bietet die KI für den literarischen Schaffensprozess? Wie können automatisierte Inhalte den kreativen Funken bei Autorinnen und Autoren entfachen? Und vor allem: Wie reagieren Leserinnen und Leser auf die innovative Verschmelzung von Technologie und Kunst?
Nur schreiben müssen die Autorinnen und Autoren dann noch selbst. Wie die Süddeutschen Zeitung im Dezember letzten Jahres jedoch berichtete, erledigt das aber in vielen Fällen ebenfalls die KI: Eine Autorin veröffentlichte innerhalb von zwölf Monaten weit über hundert Ratgeber in einem Jahr.
Peter Felixberger ist Autor, Journalist und mit seinem Redaktionsbüro Buch&Tat auch Buch- und Medienentwickler. Nach eigenen Angaben hat er „für Weltausstellung, Bundeskanzlerin, Großkonzerne und Stiftungen“ gearbeitet. Dabei sind nach einem bis dato namenlosen Workshopkonzept im Lauf der Jahre über hundert Bücher entstanden. Das Konzept heißt nun BEEP, weil sich so ein Buch besser betiteln (und vermarkten) lässt. Das Buch-Entstehung- und Entwicklungs-Programm umfasst vier Schritte von der Identität und Intention des Autors über die Buchidee und die Zielgruppe bis zum Titel des Werks und seiner Positionierung. Anschließend stellt Felixberger „14 Bücher aus der Zukunft“ vor – mit fiktiven Themen, fiktiven Autoren und Autorinnen, fiktiven Verlagen, fiktiven Umschläge und fiktiven Rezensionen. Die Themen sind aus den Feldern Politik, Digitalisierung, Altern der Gesellschaft, Diversität, Alltagsprobleme, Selbstoptimierung – Bücher, die also heute oder morgen in jedem Sachbuchverlag erscheinen könnten. Business as usual als Lösung für die Zukunft?
Felixbergers Erwartung (oder Hoffnung?): In Zeiten von Pop und Pose, Social Media und „Selfie-Lava“ bleibe den Büchern „eine fortlaufend intellektuelle Tiefenbohrung“ vorbehalten. Das ist für den Verlag überlebenswichtig, in dem der Autor sein Buch veröffentlichte und den er zusammen mit Sven Murmann leitet.
Es braucht keine altväterliche Altersmilde, um die Prognose zu wagen, dass beide Kreativwege, der von Tischer und der von Felixberger, nebeneinander existieren werden. Das entscheidende Kriterium wird die Attraktivität der generierten Produkte sein, seien es gut geschriebene, den Leser fesselnde Romane, seien es Sachbücher, die neue Themen erschließen, seien es Ratgeber, die Wege aufzeigen.
Übrigens: Tischers Buch ist typografisch einfallslos und in der lieblosen Art des Amazon Fulfillment gemacht, das von Felixberger klassisch mit hartem Deckel, Leinenrücken und anspruchsvollem Layout (teilweise in antiquiert wirkender Kleinschreibung der 1960er Jahre). Tischers Buch New Adult schreiben steht Ende Juni 2025 im Amazon Bestseller-Ranking bei Büchern auf Platz 1.369.980 und erreicht bei den Kundenrezensionen 3,0 von 5, Beep! Beep! von Felixberger steht auf Platz 27.917 bei 3,6 von 5.
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