Beobachter. Chronist. Netzwerker
Detlev Schöttker analysiert Ernst Jüngers Werke und Korrespondenzen
Von Ulrich Klappstein
Schon im Jahr 2010 hatte sich ein Band der marbacherschriften den Korrespondenzen des Jahrhundertschriftstellers Ernst Jünger (1895–1998) gewidmet. Dort hatte der Literatur- und Kulturwissenschaftler Detlev Schöttker Briefe von 52 Schriftstellern, Publizisten und Wissenschaftlern veröffentlicht, deren Originale sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach befinden. Die chronologische Liste reichte von Wolfdietrich Schnurre (Brief vom 20.12.1945) bis hin zu Walter Kempowski (Brief vom 2.12.1991) und umfasst viele bekannte Autoren, die Jünger schätzten, was dem Lesepublikum in dieser Form so nicht bekannt war. Darunter ehemalige Migranten und Nazi-Gegner, viele Mitglieder der Gruppe 47 und auch Vertreter der politischen Linken. Schon diese Publikation ergänzte die bereits vorliegenden großen Briefwechsel mit Carl Schmitt, Gerhard Nebel, Rudolf Schlichter, Alfred Kubin, Gershom Scholem, Martin Heidegger, Gottfried Benn und Margret Boveri, um nur einige zu nennen.
Jüngers Briefsammlungen sind der Nachwelt in über 130.000 Dokumenten überliefert. Ernst Jünger hat in über 80 Jahren nicht nur unzählige Briefe bekommen, gesammelt und archiviert, sondern selbst auch viele Briefe geschrieben, die in Durchschlägen und Konzepten und als Entwürfe zu Brief-Journalen vorliegen, die noch unveröffentlicht geblieben sind. Korrespondenzen waren für Jünger historische Dokumente, die er in seinen Erzählungen und Romanen verarbeitet hat, diese aber auch aus seinen Werken ausgegliederte und z.B. schon 1951 unter dem Titel Das Haus der Briefe separat veröffentlicht hat. Diesem Konvolut hat sich Detlev Schöttker nun erneut gewidmet. Schon 2008/2009 hatte er neun Monate lang im Marbacher Archiv in Jüngers Nachlass geforscht, weitere Recherchen hat er von 2015 bis 2020 dort angestellt und seine Ergebnisse bereits in zahlreichen Aufsätzen und Studien veröffentlicht. Diese sind nun in eine umfangreiche Publikation eingeflossen.
Der auch heute noch nicht unumstrittene Autor Jünger wird umfassend als „Repräsentant des postalischen Zeitalters“ gewürdigt. Schöttker plädiert in seinem Buch dafür, Jünger, der von vielen lediglich als Vordenker rechtsnationaler Parteien und Kriegsapologet abgetan worden ist, als Chronisten seiner Zeit zu verstehen. Jünger, der sich zwischen 1925 und 1929 in Essays und vielen Beiträgen gleichwohl zur deutschen Nation und zum Frontsoldatentum bekannte, habe seit 1930 keine primär politischen Beiträge mehr veröffentlicht, sondern sich als eigenständiger Denker „mit Überlegungen zum Wandel der Arbeits- und Erfahrungsformen in der Moderne“ geäußert. Dieser Wendung eines profilierten Autors geht Schöttker in vier umfangreichen Kapiteln nach, in denen er den Weg Jüngers über den „Aufzeichner des Kriegs als chronistisches Projekt“, den distanzierten Beobachter im NS-Staat, dann sich auf einem „Horchposten“ befindlichen Schriftsteller (in seinen Verbindungen zur französischen Résistance, im Bombenkrieg und im Rückzug ins Private) und schließlich als einen „Netzwerker“ (in seinen Debatten mit Heidegger, Schmitt und Benjamin und mit anderen, zeitgenössischen Autoren) untersucht.
Materialreich wertet Schöttker Tagebücher und Schriften Jüngers aus und deutet sie als ein dokumentarisches Lebensprojekt. Da aber auf dem knappen Raum weder das Gesamtwerk Jüngers noch dessen gesamter Briefbestand berücksichtigt werden konnten, beschränkt er sich auf summarische Beschreibungen und exemplarische Darstellungen. Behandelt werden zum Beispiel prägnante Kurztexte (wie die 1929 erschienene Essay-Sammlung Das abenteuerliche Herz), die Erzählung Auf den Marmorklippen und die umfangreichen Romane, etwa Heliopolis und Eumeswil. Daneben berücksichtigt er natürlich auch Jüngers fortlaufenden Korrespondenzen, die er schon in Die Jahre der Okkupation, in den Strahlungen und vor allem in dem mehrbändigen Werk Siebzig verweht verarbeitet hatte.
Neben den Reisetagebüchern bilden diese chronikalischen Aufzeichnungen nach Auffassung Schöttkers die „intellektuelle Essenz“ Jüngers, dessen Notizen und deren künstlerische Überformungen durch Selbst- und Zeitbeobachtungen ein Gesamtwerk ausmachen, das der Verfasser auf eine Stufe mit Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit, Bertolt Brechts Furcht und Elend des Dritten Reichs oder Alfred Döblins vierbändigem Romanwerk November 1918 stellt. Den Netzwerker Jünger sieht er in einer literarischen Verwandtschaft mit Uwe Johnson (Jahrestage), Alexander Kluge (Chronik der Gefühle) und Walter Kempowski (Echolot).
Jüngers Briefe und Korrespondenzen können so zu einem Ort der Geschichtsschreibung werden, die – nun in Jüngers eigenen Worten – die „Mikroklimate der Geschichte“ abbilden und nachträglich zu rekonstruieren gestatten. Eines der gelungensten Kapitel der Monographie Schöttkers stellt wohl das Unterkapitel »Gefährlich leben!«: Reaktionen auf eine Erzählung dar. Dort geht es um Jüngers Erzählung Auf den Marmorklippen, mit der er ein hohes Risko für Leib und Leben in der Zeit des Nationalsozialismus eingegangen war. Ausführlich wertet Schöttker Jüngers Korrespondenz mit dem Publizisten Dolf Sternberger aus, die schon 1941 nach einem Treffen in Paris begann und bis in die siebziger Jahre fortgesetzt worden ist; sie stelle einen Musterfall für die Rezeptionsgeschichte eines der bedeutendsten Werke Jüngers dar, ein „Zeitgemälde im symbolischen Gewand“, als das es schon der im Dritten Reich wegen Hochverrats angeklagte Ernst Niekisch bezeichnet hatte.
Schöttkers Buch berührt viele Aspekte des Jüngerschen Werks und gestattet einen facettenreichen Einblick in die Reflexionen eines Schriftstellers über die deutsche Geschichte, als ein wichtiger Zeitzeuge und Repräsentant in einer Person. Der Gebrauchswert des Buches für Leserinnen und Leser, die sich mit dem Werk Jüngers erneut oder vielleicht zum ersten Mal beschäftigen wollen, wird nicht zuletzt durch die im Anhang aufgeführte umfangreiche Sekundärliteratur gesteigert. Ein ca. 30-seitiger Bildteil illustriert und würdigt das Wirken Jüngers, darunter Abbildungen des Arbeitszimmers in Jüngers Wohnhaus in Wilfingen, die ihn als Archivar und Sammler zeigen, zahlreiche Faksimiles von bedeutenden Brief- und Postkartenkorrespondenzen, Beispiele von Comics zu Jüngers Werk, bis hin zu einer Briefmarkenserie der Deutschen Bundespost von 1998, die den Kopf Jüngers in einem Doppelporträt zeigt.
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