Zerbrochene Welten

Zwischen Musik, Literatur und Gewalt lässt Nadija Rebronjas „88 Tasten“ viel Raum für Interpretationen

Von Rebecca KrugRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rebecca Krug

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

88 Tasten ist das erste Prosawerk der bosniakischen Dichterin und Literaturwissenschaftlerin Nadija Rebronja. 88 Tasten – 88 Prosaskizzen. Titel und Aufbau der Sammlung sind inspiriert von der Tastenfolge eines Klaviers; jede der lyrisch anmutenden Miniaturen ist nummeriert und einer Klaviertaste zugeordnet. Auf diese Weise entsteht eine Abfolge von 36 „schwarzen“ und 52 „weißen Tasten“: 88 kleine Welten, maximal eine Seite umfassend, jeweils unterteilt in zwei Abschnitte, die durch wiederkehrende Motive, Verweise und Assoziationen miteinander verbunden werden, ohne wirklich miteinander verbunden zu sein.

er [der pianist] zerschlug sein klavier und hinterließ achtundachtzig welten in achtundachtzig tasten.
– es gibt genau sechsunddreißig melodien, die klingen, als hätte er sie komponiert, und genau zweiundfünfzig geschichten, die klingen, als hätte er sie geschrieben.

Dieses Kompositionsprinzip ist durchaus interessant und ungewöhnlich und lässt zunächst weitere, nicht unmittelbar ersichtliche Verbindungslinien zwischen den einzelnen Texten – den schwarzen „melodien“ und den weißen „geschichten“ – vermuten, die sukzessive aufgedeckt werden können. Doch auch nach wiederholter Lektüre wird diese Erwartung (oder Hoffnung?) nicht erfüllt. Weder lassen sich deutliche Gemeinsamkeiten zwischen allen schwarzen oder weißen Tasten erkennen, noch Unterschiede zwischen den Farben. Die tiefere Intention hinter dieser Klavier-Komposition bleibt den Leser:innen in der Konsequenz leider verschlossen.

Die Skizzen selbst ähneln Momentaufnahmen, beschreiben kurze, oft absurde oder gar groteske Episoden aus dem Leben namenloser Menschen, die in die ihnen zugeordnete Tasten-Welt geworfen scheinen – ohne die Chance, als echte Subjekte auftreten zu können oder eine Handlung in Gang zu setzen. Menschen, auf der Suche nach Identität, Selbstbestimmung oder einem sicheren Platz im Leben.

– er war philosoph, pianist, student der nautik mit dem plan, schiffskapitän zu werden, plantagenarbeiter und bewarb sich als pornodarsteller. alle vier jahre findet er in einem buch sein neues ich und möchte die welt zerschlagen.

Mögliche Identitäten finden die Figuren in Büchern, in Gemälden oder in der Musik. Doch ihre Versuche der Neu- und/oder Selbsterfindung sind zumeist zum Scheitern verurteilt. Immer wieder werden sie auf ihrer Suche mit Verlust, Zerstörung und Gewalt konfrontiert. Erinnerungen werden mutwillig, oft wahllos ausgelöscht, Zukunftshoffnungen im Keim erstickt. Der Krieg als wiederkehrendes Motiv – und mit ihm die Menschen, die ihn führen – zerstört bei Rebronja nicht nur das Leben von Individuen, sondern versucht die Vergangenheit ganzer Völker, ihre Kulturgüter und Identitäten der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.

– ein herrscher ließ alle bücher verbrennen, um einen vers zu vernichten, ließ alle dichter ermorden, um zu verhindern, dass ein ereignis besungen wird.

Neben der Gewalt gegen Menschen wird immer wieder die Gewalt gegen Bücher, Musikinstrumente oder Gemälde thematisiert, die als Medium der Erinnerung und als Stimme gegen das Vergessen fungieren und die – mit menschlichen Eigenschaften versehen – als fühlende Wesen dargestellt werden.

– beim beschuss wurden im konservatorium genau neunzehn instrumente verwundet.

In vielen Skizzen lassen sich intertextuelle Bezüge oder Anspielungen auf historische Ereignisse erahnen, wie der Beschuss der Nationalbibliothek während der Belagerung von Sarajevo im August 1992, bei dem mehr als zwei Millionen Bücher und Dokumente verbrannten (9. weiße taste). Zugleich werden Krieg und Gewalt, Unterdrückung und das Ausüben von Macht als allgegenwärtige Phänomene beschrieben, die über alle Zeiten hinweg integraler Bestandteil der menschlichen Interaktion zu sein scheinen und denen die Menschen hilflos ausgeliefert sind. Schülerinnen und Schüler müssen in zerschossenen und zerstörten Klassenzimmern die „gleichungen des krieges“ lösen und all das, „was ihnen weggenommen wurde“, addieren und multiplizieren. Könige lassen von Sklaven endlos lange Mauern errichten. Menschen werden ihrer Hautfarbe wegen in Käfigen zur Schau gestellt; müssen flüchten, werden vertrieben, abgeführt oder hingerichtet. Verbrechen bleiben zumeist ungesühnt. Und selbst wenn an jedem Tag, „an dem sich irgendwo eine große ungerechtigkeit ereignet“, in „irgendeinem land der tag des sieges über die ungerechtigkeit“ gefeiert wird, so werden die Menschen auch bei diesen Feierlichkeiten ihrer Stimme und ihrer freien Meinung beraubt und müssen in den kritiklosen Chor der Jubelnden einstimmen.

Aber es gibt auch hoffnungsvolle Tasten. Tasten, in denen Menschen mutig sind, sich gegen Konventionen stellen oder sich zur Wehr setzen. Tasten, in denen es den Figuren zumindest vorübergehend gelingt, sich mit Hilfe der Kunst oder Literatur immer wieder neu zu erfinden. Tasten, in denen die Hoffnung besteht, dass aus den Bruchstücken der zerschlagenen Welt, eine neue aufgebaut werden kann. Und es gibt Tasten, in denen sich Menschen mit Zuneigung begegnen. Menschen, deren Wege sich auf schicksalhafte Weise für kurze Zeit kreuzen, die Gemeinsamkeiten finden und sich näher kommen.

– einmal lernte ich jemanden kennen, weil er an mir eine klaviatur erkannte, ich trug einen hut, auf dessen krempe klaviertasten aufgemalt waren. er kam auf mich zu und sagte: „sieh an, ein klavier! ich bin pianist.“ […] so vereinbaren menschen, eine rote nelke und ein buch mit sich zu tragen, um sich zu erkennen. und so trug ich ein erkennungszeichen, und er erkannte das erkennungszeichen, aber wir wussten gar nichts davon, und wir wussten auch nichts von der abmachung, dass wir uns an dem tag kennenlernen sollten. eigentlich war es eine abmachung zwischen meinem hut und seinem klavier, und mein hut übernachtete in dieser nacht auf seinem klavier.

Auch hier sind es Literatur, Kunst und Musik, die als verbindendes Element eingesetzt werden, die Menschen zueinander führen und die sich als positive Leitmotive durch die Prosaskizzen hindurch ziehen. In diesen Tasten verschmelzen die Figuren mit den Romanen, die sie gelesen haben oder werden eins mit der Musik, die sie spielen und entfliehen auf diese Weise der von Gewalt geprägten Welt.

– bist du musiker in der u-bahn, dann spielst du musik, die sich mit der geschwindigkeit von wer-weiß-wie-vielen stundenkilometern bewegt.
– dann bewegst du dich zu schnell, um körper zu sein, bist nur musik.

Auch das Motiv des Schreibens ist in den Miniaturen omnipräsent – ein Motiv das sich in vielen Werken der bosnischen Gegenwartsliteratur finden lässt. Die schriftliche Fixierung von Erinnerungen als Kampf gegen das Vergessen, als Versuch die Ungerechtigkeiten und Verbrechen der Welt für nachfolgende Generationen zu dokumentieren, sieht sich bei Rebronja jedoch immer wieder einem mächtigen Gegner gegenüber. Namenlose Herrscher, Könige, Männer in Uniformen, Henker – sie alle verbrennen Bücher oder versuchen Dichter und Geschichtenerzählerinnen zum Schweigen zu bringen und doch bleibt die Hoffnung, dass Erinnerungen unsterblich sind und dass die Wahrheit immer wieder ihren Weg findet:

– jeder dichter lebt in seiner poesie und die poesie lebt, wenn sich darin andere niederlassen.

Das Büchlein von Nadija Rebronja ist stilistisch wie inhaltlich komplex gestaltet und sicher nicht als sommerlich leichte Strandlektüre geeignet. Es verunsichert, regt zum Nachdenken an und wirft zahlreiche Fragen auf. Eine Antwort bleibt es zumeist schuldig.

Titelbild

Nadija Rebronja: 88 Tasten.
Aus dem Bosnischen von Andrea Stanek und Jan Dutoit.
edition taberna kritika, Bern 2024.
102 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783905846744

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