Ein Dorf verharrt in eisigem Schweigen
Unter Schnee und Nostalgie liegt im intensiven Provinzroman von Tommie Goerz Verderbtes verborgen
Von Thorsten Schulte
Das Totenglöckchen der Dorfkirche bimmelt. So erfährt der greise Max, dass der Schorsch, sein bester Freund, gestorben ist. Beide hatten ihr ganzes Leben zusammen im Dorf verbracht. Bevor sie ihn begraben, kommen die alten Männer im Roman Im Schnee von Tommie Goerz für eine Nacht zur Totenwacht zusammen. Während es draußen schneit, schweben sie zwischen Dämmer- und Halbschlaf neben dem aufgebahrten Leichnam. Fast zahnlos, mit tiefen Gesichtsfalten, fleischigen Ohren und altersfleckigen Händen sitzen sie da. Sie schließen ihre Augen, denken an die Zeit mit dem Schorsch und erzählen sich von der Ernte, dem Schlachten, dem Leben in ihrem Dorf im Fichtelgebirge. Ihre Erinnerungen sind so vergänglich wie der vor dem Fenster sanft fallende Schnee. Wenn Menschen allmählich vergessen und sterben, sterben alle Geschichten und alles, was sie wissen und woran sie festgehalten haben, mit ihnen.
Seit mindestens zweihundert Jahren geht daher in Dörfern die Angst um, ihre Traditionen und Besonderheiten könnten verloren gehen. Weil vieles, was den Alltag der Vorfahren bestimmte, verschwinden könnte, sammelten schon die Brüder Grimm Geschichten und Geschichte. Es sei höchste Zeit, sprachliche Besonderheiten und Überlieferungen zu sammeln und zu retten, „damit sie nicht wie Tau in heißer Sonne vergehen, wie Feuer im Brunnen erlöschen, in der Unruhe unserer Tage auf immer verschwinden“, konstatierte Jacob Grimm im 19. Jahrhundert. Im Jahr 1986 stellte der nordhessische Heimatforscher Ludwig Bing dieses Zitat an den Beginn seiner Sammlung von Waldecker Ortsspott. Er unterstrich ebenfalls, es sei höchste Zeit, alles aufzuschreiben. Veränderungen werden also schon lange bemerkt, heute wie vor Hunderten von Jahren und sicherlich auch in Zukunft. Sie werden ebenso lange bedauert. Dabei handelt es sich beim Sprachwandel wie beim Wandel der Zeit allgemein um einen permanenten und nicht aufzuhaltenden Prozess. Die Angst vor dem Verlust scheint einerseits intensiver zu sein, je weiter man sich von Städten entfernt und in ländliche Räume blickt – ob ins Waldecker Land oder, wie im Roman, ins Fichtelgebirge. Andererseits wird die Angst vor dem Verlust zweifellos größer, wenn Menschen altern und erkennen, dass ihr Leben vor allem aus Erinnerung besteht, Weggefährten in ihrem Umfeld versterben und die eigene verbleibende Zeit schwindet.
So verhält es sich auch mit Max im Roman von Tommie Goerz. Max weiß: „Alles wurde anders, und sowieso war für jeden alles anders. Schon immer.“ Veränderung ist Normalität. Und viele Veränderungen sind gut, weil sie einen Fortschritt ausmachen. Gewalt gegen Kinder war früher normal. „Man prügelte das, was es nicht geben durfte, aus ihnen heraus“, erinnert sich Max an Schläge als Bestrafung. Nicht nur von den Eltern: „Das ganze Dorf hat die Kinder erzogen […]. Man konnte von jedem eine gelangt bekommen, damit man die Gesetze der Gemeinschaft verstand.“ Meist wurde geschwiegen. „Jeder wusste, wie man miteinander umging, setzte Grenzen und mischte sich sonst nicht ein.“ Max grübelt und winkt ab: „Es war halt so.“
Zur Hälfte der Nacht wechselt die Besetzung der Totenwacht. Die Männer gehen, die Frauen übernehmen. Max bleibt. Die alten Frauen singen altes Liedgut. An dieser Stelle hätte der Roman in den Kitsch abdriften können. Doch er entgleitet nicht. Tommie Goerz romantisiert nicht. Die Wohligkeit des Kamins, Gesang und der selbst getrocknete Kräutertee bilden eine instabile Kulisse. Hinter der Kulisse aus wehmütiger Nostalgie wächst während der Wacht die schließlich alles überschwemmende, schmerzhafte Erkenntnis, dass aus der Nähe im Dorf allzu schnell Enge und Engstirnigkeit wird. Gewalttaten wurden vertuscht. Vor latentem Rassismus schloss und schließt die Dorfgemeinschaft die Augen. Wie sie Fremde ablehnen und sich immer gegen Flüchtlinge wehrten, wer sich im Laufe der Jahre das Leben genommen hatte und warum, wie man das Lieschen „vor sich hin hatte siechen lassen, bis es schließlich […] starb“ und wie alle immer wegsahen, wird wie im Vorbeirauschen angesprochen. „Nur im Schweigen und Vergessen lag das Heil“, zieht Max ganz alleine eine viel zu späte reumütige Bilanz und nennt das Dorf ein „Rattennest“. Wie der Schnee Wege und Häuser bedeckt, so wird Unangenehmes und auch Strafbares im Roman verdrängt. Obwohl sie doch die ganze Nacht reden, verharrt das Dorf in eisigem Schweigen. Zu nah soll niemand hinsehen. Goerz Protagonisten wollen nicht, dass sich jemand von außen einmischt.
Dabei brauchen Dörfer Zuzüge. Es ist ein objektives und sehr aktuelles Problem in Hessen, in Bayern und in nahezu allen ländlichen Regionen Deutschlands, dass junge Menschen ihren Heimatdörfern den Rücken kehren. Sie ziehen nicht nur zum Studium weg, sie suchen Arbeitsplätze in den Städten. Der Nachwuchs fehlt. Es wird deswegen längst geprüft, ob Dörfer zurückgebaut werden können, wenn die letzten Einwohner sterben. In Max‘ Dorf gibt es hingegen ein Neubaugebiet, das Zukunft verheißen sollte. Aber die Zugezogenen werden ausgegrenzt, sie werden zeitlebens als „Neubürger“ abgelehnt: Die Neubürger „kannte man noch nicht lange genug, egal wie lange sie schon da waren“. In Wahrheit treibt diese Ablehnung das Ausbluten der Dörfer voran.
Der Autor scheint befürchtet zu haben, dass sein Text auf naive Leser treffen könnte, welche das immer nur geschickt angeschnittene Verderbte nicht beachten, stattdessen ihren Fokus auf die sich über die Dinge legende Nostalgie richten und Mitleid empfinden, wenn Max von verschwindenden Traditionen erzählt und dabei „immer öfter auf Lücken und Löcher“ in seiner Erinnerung stößt. Vermutlich deswegen lässt er Max mit dem jungen Wanderer und Fotografen Janis sprechen, der ihn besucht und vom Frieden, der Ruhe und der intakten Welt des Dorfes schwärmt. Max schnaubt verächtlich über die Städter, die nur die Idylle sehen und nicht auf den Grund schauen. Janis wisse „nicht, was dort drunten alles schlummert“, platzt es aus Max heraus, obgleich der Besucher für ihn fremd ist und er doch niemand verraten will. Dieser Dialog wirkt konstruiert und ist erschreckend plump. Er richtet sich nur an Leser, die den Roman bis dorthin nicht verstanden haben. Goerz wirkt gegen Ende des Buches unbeholfen wie einer, der seinen Witz erklärt.
Dabei ist Im Schnee, der Roman des fränkischen Krimi-Autors Marius Kliesch, der stets unter seinem Pseudonym Tommie Goerz veröffentlicht, über weite Strecken fesselnd und sprachlich beeindruckend. Wortwiederholungen verdeutlichen die Phasen, welche der Leser mit Max durchleben soll. So wiederholt sich auf mehreren Seiten eine gegenüberstellende Abfolge von „früher“ und „heute gab es nur noch“. Auf die Erinnerung folgt die Depression. Die trostlose Endgültigkeit unterstreicht eine häufige Wiederholung der Worte „nie wieder“. Sehr eindringlich wirken die Erzählungen deswegen. Letztlich scheinen sich alle zu ergeben und die Endlichkeit zu akzeptieren. Es ist, als säße man mit am Sarg und fühlt intensiv die Stationen der Trauer mit. Sehr nah rückt der Leser an Max und an die Dorfgemeinschaft heran. Im Schnee ist ein atmosphärisch dichtes sprachliches Kleinod mit einem merkwürdig oberflächlichen und unfertig wirkenden Ende.
|
||















