Aus der Geschichte lernen – aber wie?
Christian Meier berichtet in „Vergangenheit ohne Ende?“ vom Gewebe von Vergangenheit und Gegenwart
Von Thorsten Paprotny
Gute Geschichtsschreibung macht Vergangenes gegenwärtig, nicht indem auf gewagte Weise historische Begebenheiten auf eine mögliche überzeitliche Bedeutung befragt oder konstruktivistisch interpretiert werden, sondern indem ein kundiger Historiker wie Christian Meier anschaulich, allgemein verständlich, ohne Rabatt und zugleich mit leiser Sympathie die Wege der Geschichte kenntnisreich und prägnant nachzeichnet. Einem großen Lesepublikum bekannt geworden ist Meier für seine Werke über den römischen Imperator und Diktator Julius Caesar und über Athen, verfasst im vergangenen Jahrhundert. Nun sind neue Überlegungen zur Alten Geschichte, aber zur eigenen Lebensgeschichte, die verknüpft ist mit der NS-Zeit und der Bundesrepublik Deutschland, erschienen, eine Sammlung aus Vorträgen und Gesprächen, aus denen Leserinnen und Leser heute vielleicht mehr lernen können als aus dem Sammelsurium einschlägiger Schulbücher.
Meiers Schwerpunkt liegt auf der Alten Geschichte, aber als Althistoriker möchte er nicht bezeichnet werden. Sein Blick reicht auch über disziplinäre Grenzen hinaus. Nicht verwunderlich aber ist, dass ein Historiker, der sich mit vorwiegend mit der Antike befasst, auch mit der Philosophie vertraut und in der Politischen Theorie bewandert sein muss. Christian Meiers Kenntnisreichtum führt nie zu einer Attitüde eloquenter Gelehrsamkeit, er schreibt eher bescheiden, nuanciert, auch demütig, in der Haltung der Wertschätzung gegenüber einer interessierten Leserschaft, die geschichtliche Zusammenhänge und Persönlichkeiten verstehen möchte. Er zeichnet die Konturen alter Kulturen nach, ohne Verklärung, aber auch nicht als Richter. Gericht hielt und hält Meier höchstens über die deutsche Rechtschreibung und ignoriert souverän und konsequent die Reform der Schreibweise von 1996. Die „Schattenseiten“ der griechischen Geschichte verschweigt er nicht, und so berichtet er auch über das, was heute als diskriminierend oder kurios bezeichnet werden könnte, etwa, dass männliche Schauspieler, die Frauenkleider trugen, in griechischen Komödien Männer verspotteten. Auf dem Marktplatz – und viele Zeitgenossen halten die „Agora“ für ein Ideal – waren Frauen unerwünscht, bei Sportveranstaltungen, die Männer zumeist nackt betrieben, war ihnen der Zugang verwehrt. Der Philosoph Aristoteles rechtfertigte mit Argumenten das Sklaventum. Meier schreibt:
Heutigen Ansprüchen könnte diese griechische Kultur gewiß nicht genügen. Aber wären diese Ansprüche überhaupt entstanden, wenn es die von den Griechen so stark inspirierte Kultur nicht gegeben hätte und wenn sie nicht eine so lange Geschichte hinter sich hätte?
Der Historiker verwahrt sich gegen einseitige Zuweisungen und Behauptungen, die Wiege des europäischen Denkens und der kulturellen Vielfalt heute in Athen zu verorten, doch er stellt berechtigterweise diese Frage, ob Europa heute – trotz aller Ambivalenzen und Eigenarten, die die antike Kultur aufweist – ohne die antike Hochkultur denselben Weg in der Geschichte genommen hätte. Meier formuliert stets vorsichtig, abwägend, fragend, sensibel. Er nimmt nicht für sich in Anspruch, verbindliche Antworten auf alle Fragen der Geschichte und Gegenwart zu kennen.
Meier berichtet von seinen Erfahrungen in der NS-Zeit und positioniert sich deutlich gegen Antisemitismus in jeder Form. Er zeichnet auch die Vorgeschichte nach. Bereits der Historiker Theodor Mommsen nannte diese Geisteshaltung die „Gesinnung der Canaille“, resigniert aber, wenn es darum ging, energisch dagegen vorzugehen. Er hielt es für unmöglich, eine solche Krankheit des Geistes endgültig zu überwinden. Meier sagt mit Blick auf unsere Zeit, dass die „Flucht in das stumpfsinnige Betroffensein“ niemals genüge, dasselbe gelte für Bekenntnis, dass die schändlichen Verbrechen der NS-Zeit nicht vergessen werden dürften. Meier sieht in diesen Beteuerungen nicht das Wesentliche, denn vergessen werden könne diese Zeit nicht, auch die „Schlußstrichhoffnungen“ seien widerlegt, ebenso „ein ganzes Gedenkwesen wohletabliert“: „Die Frage ist vielmehr, wie man mit dem Wissen umgeht, es vermittelt, verbreitet, es lebendig erhält, es aussagekräftig macht, immer neu, wie man es wirken, wie man es zu Herzen gehend machen kann.“ Nicht Hitler und die SS allein, sondern „die Deutschen“ seien verantwortlich – und allzu oft würden „Umwege gesucht, Abstriche gemacht, Beschönigungen vorgenommen“. Auch Christian Meier hält Rückschau auf eigene Erfahrungen in der Hitlerjugend und fragt, ob über das damalige Auswendiglernen einiger Punkte des Parteiprogramms der NSDAP „mancher zum Nazi geworden“ ist. Das Leistungsethos der Nationalsozialisten faszinierte viele Jugendliche, auch Meier, der heute die antisemitischen Lieder als „schlimm“ beurteilt und mit tiefem Bedauern feststellt: „Ein paar besonders üble Strophen habe ich leider im Gedächtnis behalten, weil ich sie wohl mitgegrölt habe.“ Darüber hinaus denkt Meier an die Fliegerangriffe zurück: „Nach meiner kindlichen Erfahrung haben die Bombenabwürfe vor allem Wut gegen die Angreifer hervorgerufen. Man ist ja wehrlos. Daß man die Menschen durch Luftterror zum Aufgeben verleiten kann, halte ich für völlig unwahrscheinlich. Man sieht das gerade auch in der Ukraine.“ Meier legt dar, dass eben auch die Deutschen den NS-Staat stabilisierten, „die das Regime am Laufen hielten und direkt oder indirekt an seinen Verbrechen beteiligt waren“, wozu auch das „tatenlose Zusehen“ gehörte. Es gab, so Meier, einen „perfekten Unterdrückungsapparat“, zugleich auch „viel Bereitschaft oder wenigstens menschliche Schwäche, die ihm seine Arbeit erleichterten“. Mochten auch Soldaten nicht von der Ideologie des Regimes überzeugt sein, so kämpfte ein Offizier, den er beispielhaft nennt, doch „weiter, wie er es für seine Pflicht hielt, für sein Land, mit seinen Kameraden, die er nicht im Stich lassen wollte“. Andere waren „verführt von der Faszination des Regimes“, viele legten eine „unnütze Beflissenheit“ an den Tag und stärkten auf diese Weise weiter die Machthaber. Christian Meier fragt: „Was eigentlich hätten wir Heutigen in solcher Lage gemacht?“ Diese ernste Frage sollte niemand leicht und moralisch eindeutig beantworten. Der Historiker gibt zu bedenken:
Wir haben auch allen Anlaß, uns vorzunehmen, es besser zu machen; zumal wir heute auch wissen können, was ein totalitäres Regime ist und wie es entsteht. Doch gibt es keinen Grund, daß wir uns in unserer so viel glücklicheren Lage als Pharisäer aufspielen.
Christian Meiers kurzes, facettenreiches und gedankenvolles Buch regt zum kritischen Nachdenken an, nicht nur über Historisches, sondern auch über die Zeitgeschichte und die unmittelbare Gegenwart, in der wiederum Befürchtungen nationalistischen Bewegungen und Parteien gelten, die Zuspruch finden, hierzulande, in Europa und nahezu auf der ganzen Welt, in einer Zeit, in dem ein autoritäres Regime in Russland herrscht, dessen Machthaber Wladimir Putin über Jahrzehnte hin von demokratischen Regierungschefs und -chefinnen hofiert wurde. Christian Meier macht uns Lehren aus der Vergangenheit bewusst: Bestand und besteht nicht heute oft eine politische Naivität? Taugt die Kenntnis der Geschichte als Korrektiv? Julius Caesar, so schreibt der Autor, verfügte über eine „bestechende Klarheit des Urteils“ und eine ausgeprägte „politische Intelligenz“, mit der vieles von außen in der Römischen Republik besser durchschauen konnte: „Aber die Klarheit, die damit entsteht, hat, indem sie besticht, etwas Täuschendes. Das Durchschauen wird allzu leicht zum Hindurchschauen – und damit zu einer anderen Art der Wirklichkeitsverfehlung.“ So trug der kluge Analytiker und Feldherr Caesar, dem „Roms Institutionen“ mit all ihren Mängeln nicht genügen konnten, zum Untergang der Republik entscheidend bei. Die Leserschaft weiß sodann: Urteilskraft kann beeindrucken, aber für die Stabilität eines Gemeinwesens reicht die hohe Begabung eines Einzelnen nicht aus, im Gegenteil, manchmal trägt dies, wie bei Caesar, sogar zum Verfall eines Staates bei. Der Historiker Christian Meier wirbt oft auf sehr subtile Weise in seinem neuen, unbedingten lesenswerten Buch nicht für politische Urteilskraft, sondern für den Erhalt und die Stärkung der freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates in der Welt von heute.
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