Wawrczecks Wortkunstwerk
Jens Wawrczeck hat Robert Blochs „Psycho“ gelesen und damit ein Kleinod der Hörspielkunst geschaffen
Von Thorsten Schulte
Die Filme von Alfred Hitchcock zählen zu den bedeutendsten Werken der Filmgeschichte. Aber wer kennt ihre literarischen Vorlagen? Der Hamburger Hörspiel-Sprecher und Theater-Schauspieler Jens Wawrczeck nahm die Bücher von David Dodge, Jack Trevor Story, Ethel Lina White, Daphne du Maurier und anderer, welche durchaus in Vergessenheit zu geraten drohten, in seine Hände und begann vor einigen Jahren, die Romane und Erzählungen sukzessive als Hörbücher einzulesen. Wawrczeck veröffentlichte in der Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ achtzehn Hörbücher auf seinem eigenen Label audoba; ein Meisterwerk fehlte jedoch bisher. Denn lange lagen die Rechte an Robert Blochs Psycho bei einem anderen Verlag, erzählt Jens Wawrczeck in einem Interview und betont: „Es war klar, dass ich in den Startlöchern stehe für Psycho. Aber ich musste lange warten.“ Das Warten ist beendet, seit Mai 2025 liegt als Lesung Nr. 19 ein Kleinod der Hörspielkunst vor.
In Blochs Psycho flieht die Sekretärin Mary Crane – in Hitchcocks Verfilmung heißt sie Marion Crane – aus Phoenix, weil sie Geld ihres Arbeitgebers unterschlagen hat. Sie gerät auf einer einsamen Nebenstraße in ein Unwetter, entdeckt ein Motel und entschließt sich, dort zu rasten und zu übernachten. So gerät sie in die Fänge ihres späteren Mörders, Norman Bates, dem Betreiber des Motels. Bates wird als 40-jähriger mit rundem Gesicht, untersetzt und mit sich lichtendem Haar beschrieben, ganz anders also als im Film, dort gespielt vom schlanken und attraktiven Anthony Perkins. Im Buch erfährt der Lesende viel mehr Details und Hintergründe. Vor allem eröffnet das Buch dem Lesenden die Gedanken von Norman Bates, er taucht tief in seine Psyche ein. Dank der außergewöhnlichen Stimme und Spielkunst von Jens Wawrczeck wird diese Erfahrung nun besonders intensiv.
Jens Wawrczeck spricht manchmal pointiert wie ein Tagesschau-Sprecher, dann schlüpft er in Normans Gedanken, beschleunigt und verlangsamt in perfekter Imitation seiner wahnhaften Überlegungen, verschluckt absichtlich Wortendungen, ein stolpernder Gedankenstrom. Mit großer Erregung spricht er den Monolog, in dem Norman seine Mutter verteidigt und betont, sie sei nicht verrückt. Bis ihm die Tränen zu kommen scheinen. Quecksilberschnell wechselt er zu Mary, die sich leise entschuldigt und sich hernach der Situation zu entziehen bemüht. In dieser Situation befinden sich die beiden Protagonisten in gegensätzlichen emotionalen Zuständen, beide erregt; er von einer Mischung aus Wut und Wahn, sie von einer ängstlichen und ahnenden Unruhe. Wawrczeck ist in der Lage, die Emotionen beider glaubhaft vorzutragen, zugleich eingeschüchterte Frau, greinender Mann und außerdem auch neutraler Erzähler zu sein. Es ist, als sprächen drei verschiedene Personen. Doch es spricht nur Wawrczeck.
Auch wie Jens Wawrczeck Norman spricht, lässt Gänsehaut entstehen. Ganz und gar nicht an den Film angelehnt, sondern auf seine eigene Art. Wawrczeck atmet stockend, während Norman die Leiche aus der Dusche holt, weil diesem der Ekel im Hals aufsteigt. Wawrczeck schmatzt, hat einen hörbar feuchten Mund, während Norman davon träumt, dass seine Mutter im nassen Morast des Sumpfes hinter dem Motel versinkt. Die Angst kriecht förmlich unter die Haut, während der Schlamm über die Oberschenkel und die Brüste steigt, ganz langsam, Stück für Stück. Leise und schüchtern spricht Wawrczeck bei Normans erster Begegnung mit Mary, später wird er laut, verstellt für die Mutter seine Stimme. Als Mutter überdeutlich und schrill, als Norman leicht nuschelnd, auch stockend und sich genierend. So erkennt der Hörer lange nicht, dass Norman und die Mutter die gleiche Person sind. Dies war das Ziel von Robert Bloch, meisterhaft umgesetzt durch Wawrczeck. Im Roman konnte der Autor die Mutter ohnehin viel länger sprechen und handeln lassen, ohne die Schizophrenie von Norman aufzudecken. Ein gutes Beispiel für die unterschiedliche Semiotik von Buch und Film. Im visuellen Medium wäre dies nicht möglich gewesen, die Mutter musste verborgen bleiben, um das Rätsel nicht zu früh zu lösen. Wie Wawrczeck sich in den Protagonisten und seine verschiedenen Stadien hineinversetzt, ist exzeptionell.
„Manchmal werden wir alle ein wenig verrückt“, ruft Norman Bates im Roman. Und der Hörer versteht, dass sowohl Mary als auch Norman jeweils sowohl Opfer als auch Täter sind. Die Grenze zwischen gut und böse verschwimmt. Der Mord und seine Aufklärung sind gar nicht der Kern der Geschichte; Einsamkeit und Identitätsverlust sind die Hauptthemen. Mary und Norman sind gefangen in ihren Leben – ein Gefühl, das wir alle kennen, konstatiert Jens Wawrczeck im Interview und zieht die Hörer mit seinem Hörspiel hinein in einen moralischen Konflikt. Denn sie können nachempfinden, was Mary zum Diebstahl trieb. Die Hörer erfahren viel über ihren gierigen Chef, der Not und Angst witterte, mit Immobiliengeschäften viel Geld verdiente und sich am Leid anderer bereicherte. Sie werden mitgenommen in die Notlage und Marys inneren Konflikt, der sie zerreißt, die Gewissensbisse. Noch mehr erfahren sie über das Innere von Norman Bates, über den „armen Kerl“, der Angst davor hat, eine Frau zu berühren, wie es im Roman heißt. Über seine fragile Kindlichkeit, seine Verklemmtheit, seine Zwänge. Er ist so instabil, dass er sich verliert. Die Komplexität seiner Szenen perfekt darzustellen, ist eine Herausforderung, welche noch größer wird, wenn ein Sprecher ständig die Rolle wechseln muss. Wawrczeck spielt die Vielschichtigkeit der Figur aus. Er macht seine Veränderungen hörbar. Seine sprachplastische Performanz ist enorm beeindruckend.
Der Hörtext kann deshalb durchaus als Hörspiel verstanden werden, obwohl keine Geräusche eingespielt werden und Wawrczeck allein vor dem Mikrofon sitzt. Es erscheint obsolet, eine genretheoretische Diskussion zu führen. Wichtiger ist es, auf die Vielseitigkeit des Sprechers hinzuweisen. Einem Millionenpublikum ist er seit fünfundvierzig Jahren als Peter Shaw in der Hörspielreihe Die Drei Fragezeichen bekannt. Abseits der Detektivserie hat er hunderte von Hörspielen aufgenommen. Das Spektrum seiner hörspielerischen Produktionen ist riesig. Als Synchronsprecher übernahm er außerdem unter anderem die Rolle von Spence Olchin, gespielt von Patton Oswalt, in der Fernsehserie King of Queens. Dramatische Dichtungen und poetische Texte in ihrer deutschen Übersetzung zu lesen, ist akzeptiert – Cineasten bestehen hingegen darauf, Originalfassungen zu sehen. Warum eigentlich? Übersetzungen werden als verfälschend abgelehnt, obwohl diese mit literarischen Übersetzungen vergleichbar sind. Missachtet wird insbesondere häufig die Leistung der Synchronsprecher, die wie Wawrczeck nicht nur lesen und auf Lippensynchronität achten müssen; sie müssen die Authentizität des stimmlichen Ausdrucks erreichen, das Ziel ist eine perfekte Illusion. Im Ergebnis denkt das Publikum, die zu hörende deutsche Stimme sei wirklich die Stimme des zu sehenden Hollywood-Stars. Wawrczeck war schon immer fasziniert von Synchronfassungen, gesteht er in seinem Buch „How to Hitchcock“ (Rezension von Dr. Wieland Schwanebeck siehe Literaturkritik.de Ausgabe 01/2024). Mit Mikrofon und Kassettenrekorder nahm er schon als Kind unzählige Tonspuren von Filmklassikern auf, die er sich wieder und wieder „begeistert anhörte und bald in- und auswendig kannte. Stundenlang lauschte ich so der Tonspur von Psycho, hunderte Male drang Norman Bates‘ Aufschrei `Mutter! Mein Gott, Blut! Mutter, wie kommt das Blut hierher!?´ durch die geschlossene Tür meines Kinderzimmers“, schreibt er dort. Sicherlich trug diese Hörübung dazu bei, dass er so ein perfekter Hörspielsprecher wurde.
Noch immer stehen Synchronsprecher im Schatten der Stars. Selten sind sie zu sehen,Jens Wawrczeck ist häufig zu sehen. Die Live-Tourneen der Drei Fragezeichen füllten wiederholt die größten Veranstaltungshallen. Trotzdem ist sein Gesicht so unbekannt, dass er unerkannt durch Fußgängerzonen laufen kann. Mit den Texten der Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ tourt er seit vielen Monaten durch Deutschland. Er besucht vornehmlich kleine Säle wie das Kino „Caligari“ in Wiesbaden oder eine kleine Stadthalle in Rheda-Wiedenbrück, er steht häufig in seiner Hamburger Heimat auf der Bühne, stets nah an seinem Publikum. Jeder Auftritt ist ein außergewöhnliches Erlebnis. Bei seinen kongenialen Aufführungen von Daphne du Mauriers Die Vögel versinkt er beispielsweise vollkommen in der Geschichte, reißt seine Arme hoch, starrt ins Dunkel, sucht offenkundig nach angreifenden Vögeln. Ihr Flügelschlagen und ihre Schreie sind dann von überall zu hören. Wawrczeck sieht sich um, duckt sich, nimmt die Hände vor sein Gesicht, als wolle er sich vor den spitzen Schnäbeln schützen. Er stößt schrille Schreie aus. Nur sein Gesicht ist auf der Bühne hell beleuchtet. Um ihn herum Schwärze. Wawrczeck verzieht sein Gesicht. Eine Grimasse der Angst. Dieses Bild, diese Nähe seines Gesichts, bleibt im Kopf. Und die Lesung von Psycho erzeugt ebendieses Bild, die gleiche Nähe. In wütenden Phasen von Norman Bates hört man, wie Wawrczeck sein Gesicht verzieht. Seine Performance vor dem Mikrofon verfängt. Eine enorme Leistung bei einer rein auditiven Darbietung; es ist eine assoziative Darbietung. Jens Wawrczeck ist ein fesselndes und intensiv nachhallendes Wortkunstwerk gelungen. Und er wird es auf die Bühne bringen, die ersten Live-Termine sind schon angekündigt. Seinen Auftritten darf entgegengefiebert werden.
Das erwähnte Interview, Jens Wawrczeck im Gespräch mit Susann Atwell, steht auf Youtube als Video zur Verfügung.
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