Das symbiotische Verhältnis von Demokratie und Frauenrechten
Shila Behjats Sachbuch „Frauen und Revolution“ blickt wohl allzu optimistisch auf Frauenrechtsbewegungen verschiedener Länder
Von Rolf Löchel
Im Zentrum von Shila Behjats engagiertem Sachbuch Frauen und Revolution stehen die in Belarus, Polen, im Iran und in Sudan von Frauen angeführten Demokratiebewegungen der letzten fünf Jahre. Zu den weiteren Ländern, die von der Autorin in den Blick genommen werden zählen etwa die Türkei, Polen und die USA. Dabei verbindet die Autorin die Darstellung konkreter Ereignisse und individueller Biografien von Frauenrechtlerinnen mit grundsätzlichen Reflexionen über die Rolle von Frauen in politischen Aufständen – oder, wie sie sagt, „Revolutionen“. Denn sie vertritt die Auffassung, dass von einer „weiblichen Revolution“, gar einem „weiblichen Zeitalter“ auch dann gesprochen werden kann, „wenn diese Revolutionen ihre eigenen Ziele nicht erreicht haben“. Zugleich merkt sie mahnend an, dass Revolutionen „schnelllebig“ sind und „meist ein dramatisches Ende [nehmen]“. Frauen aber, „die heute Revolution machen, tun dies vor allem gewaltlos“. Das sei auch erfolgversprechender als die Anwendung von Gewalt, denn wenn „Proteste in Gewalt ausarten“, „schmälert“ das Behjat zufolge „ihre Erfolgsaussichten“. Das wird von der Autorin allerdings eher behauptet als empirisch belegt.
Zwar weist Behjat zu Recht darauf hin, dass die „treibende“ Rolle von Frauen in vielen gegenwärtigen Aufständen und Demokratiebewegungen „bisher kaum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung[en]“ war, doch hat auch sie selbst nicht etwa eine wissenschaftliche Untersuchung dieses „Phänomen[s]“ unternommen, sondern vielmehr einen politisch engagierten „Essay“ vorgelegt. So schildert Behjat etwa des Öfteren persönliche Begegnungen mit einigen der revoltierenden Frauen. Nicht wenige von ihnen setzen Leib und Leben für die Errichtung von Demokratie und das Erreichen von Frauenrechten ein. Zugleich geht es den Frauen darum, ihre „eigene Rolle in der Öffentlichkeit neu zu definieren“. Denn der Autorin zufolge wollen sie sich aus der „Abhängigkeit von Männern“ befreien, ohne weiterhin „im Widerstand gegen sie“ zu sein. Ihr Ziel sei vielmehr, sich überhaupt nicht mehr im Verhältnis zu Männern zu bestimmen, sondern „ein Selbstverständnis zu finden“, „das allein aus sich selbst heraus Bestand hat“.
Wie die Autorin bemerkt, handelt es sich bei der „Befreiung der Frauen“ um „keine lineare Angelegenheit“, auch finde sie nicht in Wellen statt, sondern befinde sich in den verschiedenen Teilen der Welt in je unterschiedlichen Stadien. Dennoch greift sie zu eben dem Bild der Wellen, von denen es bislang fünf gebe. Die erste sei 1791 von Olympe de Gouges angestoßen worden und habe bis in die 1920er Jahre angedauert, in denen sie langsam abgeebbt sei. Auf sie folgte die von den 1960er bis 1980er Jahre reichende zweite Welle, in deren Mittelpunkt der Autorin zufolge das „Recht auf Selbstbestimmung“ stand. Die dritte 1992 anschwellende Welle habe im Zeichen der „Girlpower“ gestanden, die vierte sei vom „Online-Feminismus“ der 2010er Jahre mit #MeToo als „Kernmoment“ getragen worden. Heute tobe weltweit die fünfte Welle, die „durch den integralen Brückenschlag hin zum Aktivismus für Demokratie und Freiheitsrechten […] eine neue Dimension [erreicht]“ habe. Ins Auge fällt zunächst einmal, dass diesem Modell gemäß jede neue Welle kürzer ausfällt als die vorherige.
Wichtiger aber ist, dass die heutige Welle der Autorin zufolge die Ziele der Frauenbewegung erstmals „mit dem Kampf für die Demokratie verknüpft“ und „der Kampf um Demokratie und die Frauenfrage […] heute geradezu schicksalhaft miteinander verbunden [sind]“. Zwar besteht diese Verbindung tatsächlich und unterscheidet heutigen Frauenbewegungen von denjenigen der 1970er Jahre, die zumindest in den Anfangsjahren eher verschiedenen sozialistischen Ideen nahestanden. Unzutreffend ist allerdings, dass die Frauenbewegung bisher stets „auf der einen und die Demokratiebewegungen […] auf der anderen Seite [gestanden]“ habe. Denn so neu ist die Verknüpfung von Frauenrechten und Demokratiebewegung keineswegs. Schon Louise Otto-Peters und ihre Mitstreiterinnen setzten sich in und nach der 1848er-Revolution gleichermaßen für Frauenrechte und Demokratie ein.
Was die einzelnen Länder betrifft, deren Frauen- und Demokratiebewegungen Behjat näher beleuchtetet, so kritisiert sie hinsichtlich des Irans sehr zu Recht Michel Foucaults euphorische Reaktion auf Ruhollah Musawi Chomeinis islamistischen Umsturz von 1979 und den mit überschießender Phantasie ausgestattete Politiker Jürgen Todenhöfer, der 2012 davon schwärmte, dass „in kaum einem anderen Land der Welt […] die Mädchen fröhlicher [flirten] als im Iran“. Auch prangert sie an, „dass sich die Bundesrepublik noch immer als der zweitgrößte europäische Außenhandelspartner der Islamischen Republik wohlfühlt“. Eine überaus berechtigte Kritik, erwies sich Annalena Baerbocks Iran-Politik doch als Offenbarungseid der von der Grünen-Politikerin angekündigten feministischen Außenpolitik.
Doch auch die Frauenrechtlerinnen des Irans liegen nicht immer ganz richtig. Jedenfalls, wenn Behjat sie korrekt zitiert. So habe ein „führende Aktivistin“ gegen das iranische Terrorregime erklärt, es seien „tausende Frauen […] unter diesem Regime gestorben, weil sie das Kopftuch nicht richtig getragen haben“. Dazu ist anzumerken, dass es grundsätzlich nicht möglich ist, ein Kopftuch richtig oder falsch zu tragen, sondern nur, es nicht den tyrannischen Vorschriften des Regimes gemäß zu tragen oder davon abweichend.
Behjat hat ihr Buch noch vor Beginn des sogenannten Zwölf-Tage-Krieges zwischen Israel und dem Iran geschrieben. Wie sehr seine Folgen den Iran und die Bedingungen, unter denen Frauen und andere dort Widerstand leisten (können), verändern werden, ist noch nicht abzusehen. Soweit bisher zu sehen, wird der Krieg für die Möglichkeiten des Widerstands in der Islamische Republik nicht eben positive Folgen zeitigen. Ganz unabhängig davon ist Behjats Prognose fraglich, dass die „Protestierenden […] sich ihre Freiheit zurückzuerobern“ werden können, indem sie der Gewalt der Islamischen Republik „Gewaltfreiheit entgegensetzen“ und sie ihren demokratischen und frauenrechtlerischen Zielen durch den Einsatz von Mitteln wie „Slogans, Bilder[n], Musik“, die allesamt „vor allem ikonographischer Natur“ sind, näher kommen werden. Zweifellos zutreffend ist hingegen ihr Befund, dass „Straßenkämpfe“ in den Städten Irans kein probates Mittel sind. Jedenfalls ist „der Verzicht auf Gegengewalt“ der Autorin zufolge nicht nur „die Maxime im Iran, sondern auch im Sudan und in Belarus“.
Aus dem Herrschaftsbereich des belarussischen Putin-Vasallen Lukaschenka dürften die drei hierzulande bekanntesten Verfechterinnen von Demokratie und Frauenrechten stammen: Maria Kolesnikowa, Veronika Zepkalo und Swetlana Tichanowskaja. Natürlich nehmen sie in dem vorliegenden Band den ihnen gebührenden Raum ein, ebenso wie die in einem iranischen Foltergefängnis zu Tode gebracht Kurdin Masih Alinejad. Doch stellt Behjat vor allem die eher unbekannten Mitstreiterinnen des belarussischen Frauentriumvirats wie etwa Tatsiana Khomich vor und die hierzulande namenlosen Widerständlerinnen gegen das nicht nur nach außen terroristische Regime des Irans. Auch über die Frauenrechtlerinnen des Sudans wie etwa Alaa Salaa ist in der deutschen Öffentlichkeit so gut wie gar nichts bekannt. Überhaupt dürften die wenigsten von den Frauenprotesten in Khartum gehört haben. Behjat bietet nun Gelegenheit, dies nachzuholen.
Besitzt die belarussische Frauen- und Demokratiebewegung nicht nur eine, sondern gleich drei „Gallionsfigur[en]“, so kommen die Feministinnen im Iran, dem Sudan oder in Polen ganz ohne „Führungspersönlichkeit[en]“ aus. Das sei aber nicht unbedingt von Nachteil, denn es „bedeutet“ laut Behjat keineswegs, „ keine Richtung zu haben“.
Die Autorin konzentriert sich aber nicht nur einzelne Ländern, sondern bietet im mittleren der drei Kapitel des Buches auch einen „globale[n] Blick“ – laut Überschrift jedoch nicht etwa auf Frauen oder gar Frauenrechte und Demokratie, sondern auf „Gender und Demokratie“. Allerdings ist noch auf der gleichen Seite dann doch von Frauen die Rede, die allerorten „noch immer erniedrigt und sexuell ausgebeutet, entrechtet und unterdrückt“ werden, aber „gleichzeitig längst die Welt [gestalten], sie besitzen, sie bestimmen, sie herrschen“. Selbstverständlich sind beide Gruppen nicht völlig identisch. Sie gehören nur dem gleichen Geschlecht an. Und ebenso selbstverständlich ist erste Gruppe sehr viel größer. Und auch die wenigen Frauen, die herrschen und die Welt gestalten, werden oft genug erniedrigt und zumindest manche von ihnen wohl auch sexuell ausgebeutet und unterdrückt; sei es in einer Partnerschaft oder außerhalb. Die von der Autorin betonte „Universalität von Menschenrechten und Menschenwürde“ kann jedenfalls gar nicht dick genug unterstrichen werden.
Dass die Behauptung „Krieg ist männlich“, trotz „seiner Pauschalität ein wahres geflügeltes Wort geworden [ist],“ ist zwar nicht eben falsch, im Gegenteil, doch ist – beispielsweise – das polnische Wort für Krieg (wojna) ein Femininum, was etwa während des Ersten Weltkriegs bezeichnende Auswirkungen auf die polnische Kriegspropaganda hatte, die den Krieg als schöne und begehrenswerte Frau besang, für die Mann sich gerne opfern werde.
Shila Behjat hat ein überaus optimistisches, jedoch darum in seinen Prognosen wohl leider nicht ganz so realistisches Buch geschrieben, das sich im „Übergang in ein neues weibliches Zeitalter“ wähnt und der festen Überzeugung ist, dass die gewaltfreien feministischen Bewegungen nicht nur im Iran, im Sudan sowie in Polen und Belarus „demnächst erfolgreich gewesen sein werden“. Lesenswert ist es dennoch, denn aus ihm ist viel über die Kämpfe von feministischen und demokratischen Frauen unter diktatorischen Regimen (Belarus, Iran, Sudan), aber auch einiges über diejenigen in autokratisch regierten Ländern (Türkei) und in womöglich gefährdeten Demokratien (Polen, USA) zu erfahren.
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