Alldeutscher Pläneschmied und gescheiterter Propagandist einer radikalnationalen Diktatur

Björn Hofmeister unternimmt den Versuch, Heinrich Claß, den Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, zu porträtieren

Von Jens FlemmingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Flemming

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Buchcover zeigt ein Foto: Zu sehen ist eine Versammlung gesetzter Herren fortgeschrittenen Alters. Sie blicken ernst bis skeptisch auf den Mann vor ihnen, gewandet in SA-Uniform, die Hakenkreuzbinde am linken Arm, eine Rede haltend. Es handelt sich, was unschwer zu erkennen ist, nicht um ‚rank and file‘, sondern um den Chef einer Organisation, die sich binnen kurzem mächtig entfaltet hat: Adolf Hitler, der Führer der NSDAP in energischer Pose. Rechts neben ihm sitzt Alfred Hugenberg, der Vorsitzende der Deutschnationalen Volkspartei, zwischen diesen beiden lauscht konzentriert Heinrich Claß vom Alldeutschen Verband. 

Die drei verkörperten im Oktober 1931 auf der Gründungsversammlung der Harzburger Front den Kern dessen, was sich damals als ‚nationales‘ Deutschland ausrief. Ihre Ziele waren die Erringung der Macht, die Ausschaltung republikfreundlicher Politiker, Repressionen gegen linke und linksliberale Intellektuelle, Aufrüstung und Expansion. In den Jahren der Krise, als die Weimarer Demokratie in gravierenden wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Kalamitäten herumirrte, schien der Rahmen für Umsturzpläne günstiger denn je. Insofern nimmt nicht wunder, dass die rasant angeschwollene Rechte die Stunde der Entscheidung nahe wähnte. Hitler als Kanzler glaubte man dort, einfach dirigieren zu können. Dies gehörte zu den markanten Fehleinschätzungen jener Epoche. Skeptische Zeitgenossen waren dagegen schon früh von tiefer Skepsis erfüllt. „Fahrschule Hugenberg“ betitelte das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts eine Karikatur, erschienen am 2. Februar 1933, zwei Tage nach der Berufung des Kabinetts: In einem offenen Personenauto fahren drei Männer. Hitler sitzt am Steuer, seine Krawatte weht im Wind, auf dem Rücksitz hocken Vizekanzler Papen und Wirtschaftsminister Hugenberg. „Der Neuling da vorn mag sich ruhig einbilden zu lenken“, raunt der eine dem andern zu, „die wirkliche Steuerung des Wirtschaftskurses“ freilich, das heißt, die Gestaltung des wesentlichen Politikfeldes, „haben wir.“

Tatsächlich waren am 30. Januar 1933 die Träume der konservativen Kräfte ausgeträumt. Die Ambitionen der Herren Claß und Hugenberg jedenfalls entpuppten sich als Chimäre. Björn Hofmeister, ein Kenner alldeutscher Milieus, spürt den Entwicklungen mit Intensität und Akribie nach. Der Protagonist des Buches glänzt in diesen Abschnitten allerdings durch Abwesenheit. Vergleichbares ist hier und da auch sonst zu beobachten. Zuweilen verkümmert die Hauptfigur in irgendwelchen Nischen, die politischen Konstellationen werden dagegen ausufernd rekonstruiert. Stellenweise drängt sich der Eindruck auf, als säße Hugenberg und nicht Claß im Zentrum des Geschehens. Aus diesem Verfahren erwachsen mannigfache Längen. Manche Schilderung, die bekannte Entwicklungen noch einmal nachzeichnet, ist überflüssig, könnte getrost weggelassen oder zumindest gekürzt werden. Der dickleibige Wälzer ließe sich daher um etliche Seiten kürzen. Das würde Lesbarkeit und Neugier beflügeln. Nicht zuletzt hätte es den Autor motivieren können, seine Urteile zu präzisieren. Denn Leser warten nicht auf schiere Massen von Details, sondern auf Perspektiven, auf trennscharfe Zuordnungen und gebündelte Argumentationen.

Hofmeisters Schilderungen folgen dem Faden der Chronologie. Konzeptioneller Einwände ungeachtet ist seine Studie sorgsam und umfassend recherchiert. Gut drei Dutzend Archive und zwei Dutzend Zeitungen sind konsultiert worden, darunter am häufigsten das Verbandsorgan, die Alldeutschen Blätter. Die Mehrzahl der Dokumente, die das Fundament der Biografie ausmachen, finden sich im Bestand Alldeutscher Verband, der umfangreiche Korrespondenzen enthält und aufbewahrt wird vom Bundesarchiv Berlin. Aus diesen Materialien und den Informationen, welche die Fonds anderer Archive bieten, kann das Leben des Protagonisten relativ gut erschlossen werden. 

Claß stammte aus Rheinhessen, geboren 1868 in Alzey und aufgewachsen in einer gutbürgerlichen Juristenfamilie. Der Vater war Großherzoglicher Notar, die Familie siedelte über nach Mainz. Sohn Heinrich studierte ebenfalls Rechtswissenschaften und ließ sich dort als Anwalt nieder. Der Beruf befriedigte offenkundig weder seinen Ehrgeiz noch die Suche nach ideologischen Gewissheiten. Seine Weltanschauung, notiert Hofmeister, prägte sich bis zur Jahrhundertwende als „Synthese sozialdarwinistischer Rasseutopien“ aus, gepaart mit einem „ethnischen Volks-Begriff“. Der Wahlkampf für den Reichstag im Februar 1890 brachte die Hinwendung zur großen Politik. Nach Zwischenstationen fand er seine Berufung schließlich in den Reihen des antisemitischen und nationalistischen Radikalismus, und hier 1897 im einige Jahre zuvor gegründeten Alldeutschen Verband, wo er rasch avancierte und 1908 den Vorsitz übernahm.

Claß wollte, so Hofmeister, den Alldeutschen Verband „zu einem Führungszentrum der gesamten außerparlamentarischen nationalen Rechten ausbauen“. Nicht „Mobilisierung der Massen“ schwebte ihm vor, sondern „geistige“ Dominanz. Zu beklagen war indes eine „Mobilisierungslethargie“, ein fortwährendes, stets zu gewärtigendes Dilemma des Verbandes. Die Mitglieder zahlten Beiträge, die für die Bestreitung der Kosten jedoch nicht ausreichten. Daher sprangen Gönner in die Bresche. Einer der wichtigsten Finanziers war Alfred Hugenberg, der seit 1909 bei Krupp im Vorstand und von Anfang an bei den Alldeutschen saß. Diese hatten Teil an der Schar jener bürgerlichen Agitationsvereine, die im Vorfeld der Parteien mehr oder minder laut für ihre Überzeugungen warben. Enge Verbindungen hatten sie zu allem, was damals bei der Rechten als gut und teuer galt: unter anderem zur Kolonialgesellschaft, zum Wehrverein und zum Flottenverein. Regional war man unterschiedlich dicht verankert, in den Städten präsenter als auf dem flachen Land. Monolithisch war die Organisation nicht, Konflikte über den einzuschlagenden Kurs blieben nicht aus, aber ein Plus für den Zusammenhalt war die Kontinuität, die Claß an der Spitze verkörperte.

Davon zeugen auch die Parolen, die ideologiegetränkten Programme und Wahrnehmungsmuster. Claß war ein eifriger Publizist. Er verfertigte Bücher und ungezählte Zeitungsartikel. 1912 erschien unter dem Pseudonym Daniel Frymann Wenn ich der Kaiser wärʾ, eine eigentümliche, gleichwohl erfolgreiche Schrift, mit der sich der Autor in die Schaltstellen des Staates hineinträumte. Darin steckte eine gehörige Portion an Kritik, gerichtet gegen die Ordnungen des Kaiserreichs und dessen führende Repräsentanten, namentlich gegen Kanzler Bethmann Hollweg, seine vermeintlichen Schwächen und Zögerlichkeiten. Vollzogen wurde die Abkehr von der bis dahin geübten Kooperation mit den Nationalliberalen. Stattdessen rückte nun eine Politik der Sammlung von rechts in den Vordergrund.

Unverrückbares Leitmotiv war das Ressentiment gegen die Juden. Diese seien unter Fremdenrecht zu stellen, lautete die Formel. Als entscheidendes Merkmal diente nicht der Glaube, sondern die „Rassenzugehörigkeit“. Jude war danach „jeder, der am 18. Januar 1871 der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört hat“, außerdem wurden darunter diejenigen rubriziert, die später die Nationalsozialisten als „Halbjuden“ bezeichnen sollten. Gerade sie, die „Halbblütigen“ hätten eine „verhängnisvolle Rolle“ gespielt, denn „durch deren Vermittlung“ seien „jüdischer Geist“ und „jüdische Gesinnung“ in die „obersten Schichten“ eingedrungen. Auf diese Weise sollte ein unverlierbarer „Strich zwischen Deutschen und Juden“ gezogen und die „Möglichkeiten“ eingeschränkt werden, eine „volksschädigende Wirkung auszuüben.“ Konkret meinte das, Juden von öffentlichen Ämtern auszuschließen, sie weder zum Heer noch zur Marine zuzulassen, ihnen das aktive und passive Wahlrecht zu entziehen. Zeitungen, bei denen sie arbeiteten, sollten kenntlich gemacht werden, als Anwälte oder Lehrer durften sie nicht länger tätig sein. Und am perfidesten: „Als Entgelt für den Schutz, den die Juden als Volksfremde genießen, entrichten sie doppelte Steuern“. Mitleid sei zwar begreiflich, müsse aber abgeworfen werden, weil es um nichts Geringeres als „um die Zukunft“ des deutschen Volkes gehe. Der „Zersetzung durch jüdisches Blut und jüdischen Geist“ müsse ein Riegel vorgeschoben werden. Derlei Positionen waren nicht neu, aber Claß ‚„spitzte‘“ sie zu und propagierte eine von Kompromissen nicht getrübte Realisierung. 

Claß war ein strikter Anhänger autoritärer Formen der Machtausübung. Zweierlei müsse bekämpft werden, ließ er im Februar 1914 den Industriellen Emil Kirdorf wissen: zum einen „die Demokratie mit ihren Machtgelüsten“, die dadurch ausgelöste „Herabziehung des ganzen politischen Lebens“ und die „Entrechtung der tragenden Volksschichten“, zum andern „die Unfähigkeit der Regierenden einschließlich der Herrscher, ihre Selbstsucht, ihren Mangel an Nationalgefühl.“ Insofern war der Traum über das, was voranzubringen sei, wenn er in die Rolle des Kaisers schlüpfte, keineswegs hypertroph. Dazu passte der Jubel, als im August 1914 der Krieg entfesselt wurde: „Wir wollen, wir müssen siegen“, verkündeten die Alldeutschen Blätter. Die Ziele, die Claß und die Seinen vor Augen hatten, offenbarten uferlose Selbstüberschätzung. Okkupierte Territorien sollten an das Reich angegliedert, dort ansässige Bevölkerungsgruppen, namentlich die Juden, sollten ausgesiedelt, zu deutsch: von der Besatzungsmacht vertrieben werden. Im Osten sah er, wie Hofmeister notiert, dringend benötigtes „Siedlungsland“ als „Schlüssel zur innenpolitischen und völkischen Gesundung“. Dem von Deutschland territorial und ethnisch flurbereinigten „Mitteleuropa“ traten Phantasien über „Mittelafrika“ an die Seite, die verhießen, den vorhandenen Kolonialbesitz zu arrondieren und auszuweiten.

All dies verschwand mit der Kriegsniederlage im Orkus der Geschichte. Gleiches galt für die vielfältigen Bestrebungen, nach 1918/19 die Weimarer Demokratie durch eine nationale Diktatur zu ersetzen. Der Autor schildert diese Prozesse ebenso intensiv wie diejenigen im späten Kaiserreich. In den finalen Jahren der Republik avancierten Hugenberg, Hitler und Hindenburg zu zentralen Figuren im Gesichts- und Aktionsfeld von Claß. In der großen Krise nach 1929/30 hoffte er, den Reichspräsidenten für seine Zwecke instrumentalisieren zu können: für die Errichtung der nationalen Diktatur unter Ausschluss des Parlaments und der Parteien der Republik. Diese Pläne zerschlugen sich, zu verschieden waren die Ambitionen der Beteiligten, zu verschieden auch die dahinterstehenden Gruppierungen: hier Massenbewegung, dort elitärer Zirkel, dazu ein Staatsoberhaupt, auf dem die Hoffnungen der Rechten ruhten, der jedoch ein Zauderer war.

Claß war ein gewiefter Pläne- und Ränkeschmied, erfolgreich war er allerdings nicht. Dazu reichte sein Standing nicht, und das Milieu, dem er verhaftet war, konnte seine Ideen und Zukunftsvisionen nicht wirklich befördern. Und das hieß im Wesentlichen, der NSDAP das Feld zu überlassen. Der völkische Nationalismus, den Claß predigte, sei „unter der Studierlampe entstanden“, meinte im November 1932 der Redakteur Bernhard Guttmann in der Frankfurter Zeitung. Claß sei ein „hervorragender Organisator, ein vorzüglicher Regisseur der öffentlichen Propaganda, gleichzeitig äußerst kundiger Drahtzieher und Puppenspieler hinter der Szene“. Er wolle, hieß es weiter, „unterjochen, erobern, das eroberte Land menschenleer in Besitz nehmen“. Dass dies einzig als Mechanismus von Entweder – Oder hätte funktionieren können, in dem Kompromisse prinzipiell keinen Ort hatten, gehörte, wie Hofmeister zu Recht betont, zu den Eigentümlichkeiten des Denkens, dem Claß huldigte.

Ein Letztes: der Mann, der den Nazis so nahe war und ihnen ideologisch manche Wege ebnete, kam nach dem Zweiten Weltkrieg ungeschoren davon. Im thüringischen Jena, wo er 1953 starb, blieb er, ohne behelligt zu werden, unterhalb des Schirms der Behörden. Auch in der frühen DDR war die Entnazifizierungspolitik mit Merkmalen behaftet, die für heutige Gemüter eher unverdaulich sind.

Kein Bild

Björn Hofmeister: Anwalt für die Diktatur, Heinrich Claß (1868-1953). Sozialisation – Weltanschauung – alldeutsche Politik.
De Gruyter, Berlin 2024.
847 Seiten, 89,95 EUR.
ISBN-13: 9783111340746

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch