Verkopfte Schönheiten

In „Zwischen Wissenschaft und Kunst“ zeichnen François G. Baer und Yves Baer nach, wie angewandte Kunst Wissen formt – und Bilder Geschichte schreiben

Von Silvio BartaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Silvio Barta

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Kunst“ gilt uns heute fast als naturgegeben – wir erleben sie alltäglich als sinnstiftende, inspirierende oder provokative Praxis. Umso überraschender mag es uns vorkommen, dass Kunst lange Zeit vor allem als wissenschaftliches oder dokumentarisches Medium verstanden wurde. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, befeuert von moderner Philosophie, den frühen Avantgarden außerhalb der Akademien und technischen Neuerungen wie der Fotografie, verschob sich das Bedeutungsfeld: Während die Fotografie die abbildende und beweissichernde Funktion immer besser erfüllte, konnte sich die Kunst verstärkt auf Erfindung, Ausdruck und Kritik konzentrieren, „Die Fotografie befreit die bildenden Künste von ihrem Zwang zur Reproduktion der äußeren Erscheinung,“ so André Bazin. 

Mit diesem historischen Blick machen François G. Baer und Yves Baer in Zwischen Wissenschaft und Kunst deutlich, wie tief die Begriffe Kreativität, Genialität oder Muse in einer relativ jungen Ideen- und Mediengeschichte verwurzelt sind – und dass das scheinbar Selbstverständliche jederzeit wieder infrage gestellt werden kann. 

Markiert die Fotografie die Zäsur, an der sich unser Kunstverständnis grundlegend wandelt, so bildet der Buchdruck den Ausgangspunkt: Erst durch Techniken wie Lithografie und Kupferstich wurde der künstlerische Ausdruck zu einer glanzvollen Berufung – und zu einem entscheidenden Medium für die Darstellung und Bewahrung von Wissen. Die Autoren richten ihren Fokus auf Zürich seit dem 16. Jahrhundert und die dort aufblühende Buchindustrie. Das Werk ist nach zentralen Protagonist:innen gegliedert – von Conrad Gessner (1516–1565) bis Sonja Burger (*1962) – und bietet einen Überblick über Illustrator:innen, Forscher:innen und Künstler:innen, die eng mit der Stadt verbunden waren. 

Nabel der Welt

Einerseits gibt diese Eingrenzung der Struktur einen handlichen Rahmen, und die Verflechtung zwischen den Künstler:innen und anderen Akteuren der Stadt über die Jahrhunderten hinweg wird sichtbar. Anderseits ist Zwischen Wissenschaft und Kunst weniger ein Buch über die angewandten Künste oder wissenschaftliche Visualisierungen, sondern eher ein Buch über Zürich. 

Ob sich Zürichs Fortschritte in der wissenschaftlichen Visualisierung auf andere europäische Städte übertragen ließen, ist zweifelhaft. Die frühen Entwicklungen im Buchdruck wurden vor allem von Mainz, Venedig und Straßburg geprägt. Im 16. Jahrhundert bestimmten Wynkyn de Worde und später Johannes Froben das humanistische Geistesleben und den Buchhandel in der Schweiz — in Basel. Erst in der Reformationszeit gewann Zürich an Bedeutung, wobei der Wettstreit mit der anderen deutschsprachigen Metropole der Schweiz für die Leserinnen und Leser deutlich spürbar ist.

Dass der Schwerpunkt eindeutig auf Zürich liegt, ist von außen nicht erkennbar. Der Titel Zwischen Wissenschaft und Kunst – Bilder aus über 500 Jahren lässt nicht erahnen, dass sämtliche dieser Bilder ausschließlich aus Zürich stammen. In der Folge leidet die Wahrnehmung von Seriosität und wissenschaftlicher Stringenz des Buches. Die Auswahl der im Buch behandelten Biografien wirkt dadurch unausgewogen. Zwar gehört zum Beispiel der Zürcher David Herrliberger zu den bedeutenderen europäischen Illustrator:innen und verdient seinen Platz auf der “Topliste”, doch Persönlichkeiten wie Uliniger oder Schellenberg sind in diesem Kontext eher fehl am Platz. Interessanterweise wurden dagegen auch Figuren ohne jeden Zürcher Bezug – etwa Tiepolo – in die Rubrik „Handelnde Personen“ aufgenommen, was zumindest für eine gewisse Vielfalt sorgt.

Das Coffeetable Book

Es gibt diesen wunderbaren Begriff, der eine bestimmte Art des Buchs besonders treffend beschreibt: das Coffeetable Book. Ob der Inhalt in die Tiefe geht, ist dabei eher zweitrangig – Hauptsache, das Buch macht Eindruck. Man legt es gern auf den Tisch in Sofa-Nähe: als ansprechenden Blickfang, aber auch als niedrigschwellige Einladung zum Blättern.

Wenn der Kopf einmal voll ist, kann man sich zurücklehnen, durch die Seiten blättern und sich für einen Moment ablenken – kurzweilig, aber dennoch anregend. Im besten Fall fühlen sich auch Besuchende inspiriert: für ein Gespräch, einen Gedanken, vielleicht sogar für einen neuen Blick auf ein bislang unbekanntes Thema.

Ein solches Buch darf ruhig ein wenig Eindruck hinterlassen – nicht zuletzt durch die Wahl seines Themas. Idealerweise verbindet es wissenschaftlichen Anspruch mit kulturellem Tiefgang. Es darf ruhig eine Spur von „Orchideenfach“ mitschwingen – etwas Unerwartetes, das zwischen Kunst und Wissenschaft die perfekte Balance findet.

Das Buch lädt zum ausgiebigen Blättern und Schmökern ein. Die beeindruckenden Illustrationen veranschaulichen den Zusammenhang mit großen wissenschaftlichen Entdeckungen – sei es auf Feldforschungs­reisen oder im Atelier – und dokumentieren zugleich die Vielfalt der Techniken: angefangen beim historischen Holzstich und Kupferstich über Aquarell und Lithografie bis hin zu modernen Druckverfahren.

Die botanisch-zoologischen Zeichnungen von John James Wild im Buch stehen exemplarisch für die Verbindung von wissenschaftlicher Präzision und künstlerischer Ästhetik, die sich durch alle Illustrationen zieht.

In der großformatigen Mollusken-Tafel etwa ordnet Wild über zwanzig Detailaufnahmen eines einzigen Takel­tier-Organs in nummerierten Einzelfragmenten an. Jede Teilansicht – von der spitz zulaufenden Spitze über den Mittelteil bis hin zur Basis – ist sorgfältig schraffiert, um Volumen und Strukturen kenntlich zu machen. Durch den neutralen, leicht warmtonigen Hintergrund heben sich die feinen Linien der Federzeichnung eindrucksvoll ab und geben dem Betrachter das Gefühl, direkt vor dem Präparat zu sitzen.

Oder seine Aquarell-Studie der Breitrand-Spitzkopfschildkröte (Emydura macquarii) die Übergänge zwischen Schatten- und Lichtzonen mit weichen Lasuren, während Details wie Hautstruktur, Panzerornamentik und Biotoppflanzen naturalistisch ausgeführt sind. Wilds Handschrift vereint hier die dokumentarische Treue eines Naturforschers mit dem sensiblen Farbauftrag eines Malers: Die Perspektive ist leicht erhöht, sodass sowohl Kopf als auch Panzerseite und Umgebungs­elemente klar ablesbar bleiben.

Solche Arbeiten demonstrieren, wie Illustrationen im Buch nicht nur dekorative Beiwerke sind, sondern selbst zum Medium wissenschaftlicher Erkenntnis werden. Sie dokumentieren Beobachtung, Technik (Federzeichnung, Kupferstich-Vorlage, Aquarell) und Kontext in einem Bild – eine Reise zwischen Feldforschung und Studioatelier, die das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft sinnfällig macht. 

Also überzeugt Zwischen Wissenschaft und Kunst vor allem durch seine hervorragende Gestaltung. Das großzügige Layout macht das Buch zu einem wahren Fest für Augen und Geist.

Titelbild

François G. Baer / Yves Baer: Zwischen Wissenschaft und Kunst. Bilder aus über 500 Jahren.
NZZ Libro in Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel 2024.
191 Seiten , 59,00 EUR.
ISBN-13: 9783907396513

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