Farbige lyrische Bilder über Grenzsituationen des Daseins

Thomas Josef Wehlim dichtet in „Über fälschungssicheren Wiesen“ über wechselvolle Empfindungen

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lyrik, so heißt es mitunter gedankenvoll und auch etwas entrückt, sei die Sprache der Seele – und auf gewisse Weise ein Spiegel der Endlichkeit. Thomas Josef Wehlim, von Haus aus Mathematiker, weiß vermutlich nur zu gut, dass es letztgültige Formeln, Erklärungen und Deutungen für die Dimensionen menschlicher Existenz nicht gibt und geben kann. Er wählt poetische Wege, um Spuren des Daseins zu erhellen, und greift auch zu herben, teils drastischen Bildern, etwa wenn ein lyrisches Ich darüber nachsinnt, wie ein Klavierspiel „mit stümpfernen Händen“ erklingen könnte – nicht anders als nicht mehr. Alle medizinischen Diagnosen führen ins Hospiz, und es bleibt die „Warnung“ vor einem Nachruf, der so vielsagend und zugleich so leer sein könnte wie alle fromm gemeinten Worte an allen Grabstätten dieser Welt.

Der Ernst des Abschiednehmens tritt zutage, wenn ein Sterbenskranker „nach dorthin“ geht, „wo keine Griffe mehr sind“, nichts also, woran man sich festhalten oder aufrichten könnte, obgleich das Gedicht, säkular verstanden, „Auferstehung“ heißt. Oder handelt es sich hier um eine schmerzhafte Ironie? Wehlin antwortet nicht auf die Fragen, die ihn, die sein lyrisches Ich zuinnerst bedenken, verzichtet auf Sprachspiele, meditiert versonnen und bedrängt zugleich über das Warten, das einerseits melodisch anmutet und doch rätselhaft bleibt. Mit dem Warten schließt der Gedichtzyklus dessen, der in der Endlichkeit nicht heimisch ist und keinerlei Aussichten ins Transzendente hegt. Wer wartet, wird nicht ewig warten müssen. Doch zu einer stoischen Ruhe des Gemüts scheint dieses lyrische Ich auch unbegabt zu sein. Es verharrt wartend, aber nicht in Geduld.

Illusionslos lassen sich weitere Gedichte über die Brüchigkeit menschlichen Daseins, wählt drastisch kolorierte Metaphern und scheut sich auch vor einer Sprache der Körperlichkeit nicht, die Farbe des Blutes bleibt darin ebenso gegenwärtig wie die verborgene Sehnsucht nach einer wahren Reinigung, für die symbolisch die Aussicht auf ein „sauberes Hemd“ steht, selbst wenn die „Wandsprüche in der Bahnhofstoilette“ unübersehbar schmutzig von Elend, Verbitterung und Traurigkeit künden.

Nicht mystisch, auch nicht mysteriös, vielleicht von hoher Einfachheit oder auch nur von unverborgener Schlichtheit wirken Gedichte, die mit „Alltägliche Tage“ überschrieben sind. Man mag darüber grübeln, ob dies ein Ausdruck poetischer Sachlichkeit ist oder fast schon ein wenig kokett. Wehlims lyrisches Ich hat ausnehmend wenig zu sagen und offenbar einiges zu verbergen:

Bewerbung

Ich schreibe
auf Umschläge.

Findet
mich

nicht.

Briefe wie diese haben keinen Adressaten, nur einen Absender, der sich nicht zeigen, nicht darstellen, absichtsvoll verstecken möchte, nur warum, davon schweigt er. Die Leserschaft könnte über Verse wie diese ins Philosophieren geraten oder einfach darüber hinweggehen. Auch das Gedicht, das eine Würdigung des Fahrrads ist, gilt eher möglichen Unfällen als radelndem Vergnügen. Das „fröhliche Klingeln“ ist zwar erwähnt, ebenso auch der „Kiefer“, der zu einem Mosaik zerspringen kann, bei jähen Stürzen, wenn der Landregen, der auch „über fälschungssicheren Wiesen“ niedergeht, aus Wegen Rutschbahnen werden lässt oder eben so mancher „Drahtesel“ unheilvoll Hügel und Berge hinabsaust und zerschellt.

Unverstellte Gewaltsamkeit scheint auf, sogar auf Fußballfeldern, wenn Torhüter die gegnerischen Stürmer „im Rausch“ nicht beherzt und übereifrig Foul spielt, sondern gleich tötet. Bleibt Wehlim hier im Gleichnis? Sucht er nach Deutungen so oft unverständlicher Lebensgänge – oder dichtet er bloß so dahin? Wer denkt, fragt sich möglicherweise die eine oder der andere, in einem Café zwischen „Zimtkuchen und Glühwein“ sogleich an einfallende Hunnen, die dann „Marktschreier“ zu pfählen beginnen? Diese Poesie mutet prosaisch an, bitter, dunkel, düster und unheilvoll. Kriege, die Mobilmachung und Marschmusik finden Eingang in diese Dichtungen, und neben all der Dinge, derer man so überdrüssig ist, zeigt sich unvermutet die Aussicht auf eine zwischenmenschliche Begegnung auf Distanz. Wehlim nennt dieses Gedicht „Geografie“:

Immer wieder
begegnen wir uns
in der Ferne des
Flurs.

Manchmal
kann ich entfliehen
in deine
Nähe.

Momenthaft erscheint diese Begegnung, wie ein kostbarer Augenblick, der geschenkt, aber nicht von Dauer ist. Aus dem Getriebe des Alltags entschwindet das lyrische Ich, in seltenen Momenten, dann nämlich, wenn es sich lösen kann von allem, was beschwert und Lasten birgt, in eine fragile Zweisamkeit, die jeder sich wünscht und der jeder bedarf, die liebevolle, liebende Nähe des anderen, des Menschen, den wir so sehr vermisst hätten, wenn wir ihm nicht begegnet wären. In Versen wie diesen lässt sich die poetische Begabung erkennen und manches übersehen, was in diesen Band auch absichtsvoll eingebettet ist. Dazu gehören Gedichte wie dieses:

Gutes Gedicht

Was ist
ein gutes
Gedicht?

Ist dies
ein gutes
Gedicht?

Mancher Leserin, manchem Leser mag es verständlicherweise schwerfallen, dies zu bejahen – eine Antwort könnte lauten: vermutlich nicht, aber es hätte ein gutes Gedicht werden können. Doch woran erkennen wir gute Gedichte? Der Lyriker Wehlim gibt darauf keine Antwort, er hat einen Band mit sehr verschiedenen Gedichten vorgelegt, die – so viel Wertung sei erlaubt – von höchst wechselvoller Qualität sind. Einige Verse lassen seine hohe Begabung erkennen, anderes ist bloß wert, überblättert zu werden – und wenige seiner Gedichte hinterlassen Spuren. Über diese lyrischen Erkundungen darf ernsthaft nachgedacht werden.

Titelbild

Thomas Josef Wehlim: Über fälschungssicheren Wiesen. Gedichte.
edition offenes feld, Herford 2024.
84 Seiten, 19,50 EUR.
ISBN-13: 9783759722355

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch