Vom Fressen und von der Moral

Walter Schüblers fulminante Feuilleton-Sammlung zu einem Thema, das alle betroffen hat: „Vom Essen zwischen den Kriegen“

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Krise der Weimarer Republik und teils jenes kleinen Nachbarstaats, der mal mit dem Zusatz k.u.k. versehen worden war, ist nicht nur politisch begründet, sondern eben auch eine grundlegende Versorgungskrise. Kriegsnotstand, Nachkriegszeit, Inflation und Wirtschaftskrise führten in der breiten Bevölkerung zu einer höchst brisanten Unterversorgung, um eben zu sagen, dass die Leute schlichtweg in diesen Zeiten zu wenig zu essen hatten oder zu wenig Geld, sich welches zu kaufen. Von den wenigen Krisengewinnlern einmal abgesehen. Ein Blick in die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal von 1933 oder in die Reportage von Graf Alexander Stenbock-Fermor Deutschland von unten von 1931 kann da heilsam sein. 

Und eine Krise folgte auf die andere, was dem Wohlbefinden insgesamt nicht förderlich ist. Hunger ist ein schlechter Ratgeber, wenn er hie zu einer Revolution und dort zum genauen Gegenteil führt. Ein gesättigter Bauch gibt dem Kopf – so kann man hoffen – mehr Bewegungsspielraum. Nur, wie die Gegenwart zeigt, muss selbst das nicht stimmen. 

Politik spielt freilich in der Sammlung von Feuilletons aus den Jahren zwischen 1919 und 1939, die Walter Schübler nun im Wiener Atelier-Verlag herausgebracht hat, nur bedingt eine Rolle, wenngleich sie nicht wegzudenken ist. Hier geht es um das Essen zwischen den Kriegen respektive genauer eigentlich darum, was dem gelegentlich auch geschwätzigen Feuilleton denn dazu eingefallen ist, wenn es denn sonst keine Probleme zu lösen hatte. 

Und was das angeht, sind deren Autor/innen den Leuten dann doch sehr nah: Die Erinnerung an die Lebensmittelkarten ist eben auch eine an die Kriegszeiten, und die Apotheose des völkischen Eintopfes verweist unmittelbar auf die Kriegspolitik der Nazis, selbst wenn der Krieg noch ein paar Jahre entfernt war. Heute wie damals muss man nur aufmerksam werden, wenn die Regierung die Untertanen mahnt, ihre Gürtel enger zu schnallen, oder nur profan von den schweren Zeiten redet, denen man entgegengeht. 

Dass die österreichischen Nahrungsverhältnisse in den Texten, die Schübler am Rande seiner Arbeiten zur Anton Kuh-Ausgabe gesammelt hat, eine größere Rolle spielen als die reichsdeutschen, mag dabei auch dem Umstand geschuldet sein (außer dass Schübler Österreicher ist), dass die Küche in Österreich – trotz der heftigen Kritik eines Adolf Loos – bis heute eine deutlich größere Rolle spielt als in Deutschland. Ein Land, in dem die profane Tomate Paradeiser genannt wird, darf so was. Und eins, in dem eine wirkliche Heldin wie Falladas Lämmchen nicht kochen kann und eine andere wie Keuns Gilgi vor allem sich sportlich schlank erhält und geistig fit, ein Land, aus dem die frohe Botschaft der „Lenin der Tortenwelt“ stammt, der die Wiener Konditoreikunst revolutionieren will – ein solches Land soll von der Kochkunst, vom Essen und allem, was damit zu tun hat, besser schweigen. Lukullus in Berlin? Kaum zu glauben. Aber selbstverständlich hält sich keiner dran. 

Allerdings sind das vielleicht vernachlässigenswerte Phänomene, denn das Spektrum der Themen, um die herum Schübler seine Textfunde gruppiert hat, reicht über die Klage über die vergangenen gutbürgerlichen Küchenzeiten und über die unvermeidliche „Apfelstrudeldämmerung“, die mit der modernen Welt und ihren Automatenküchen eingesetzt hat, weit hinaus. Und auch über die Klage über den Küchenmeister Schmalhans. Denn neben den offensichtlichen Geschmacksverlusten durch die Kriegsküche und den Niedergang der Kochkompetenzen, der mit dem Eindringen von Frauen in das Erwerbsleben verbunden ist (man kann sich nicht zweiteilen, frau auch nicht), eröffnen sich mit der modernen Welt auch neue Genusswelten oder auch nur Möglichkeiten, die eigenen Kompetenzen demonstrativ vorzuführen. 

Das eine – der Kompetenzverlust – begegnen einschlägige Kreise mit verstärkten publizistischen Anstrengungen auf dem Koch- und Haushaltsbuchmarkt. Gerade im kulinarisch desaströs deutschen Norden, vor allem in Berlin, kann ein Ullstein Verlag mit seinen Sonderausgaben der Befreiung von der Haushaltssklaverei voranschreiten. Oder man beschäftigt sich mit der Frage, wie denn Berufsleben und Haushalts gemeinsam bewältigt werden können. Da winkt die Reformküche und es muss ein Ratgeber von Dr. Erna Meyer her (deren Arbeiten, hier ernsthaft bemerkt, massiv unterschätzt werden). Wer also etwa wissen will, wie ein wirklich guter Tee zubereitet wird, mag sich an Mechtilde Lichnowsky wenden und das, was sie in Schüblers Sammlung dazu zu bieten hat. 

Darüber lässt sich viel sagen, vor allem aber, dass offensichtlich ist, dass man hier Rollenbildern dabei zusehen kann, wie sie zerbrechen, reformuliert und neu praktiziert werden. Eine Aufgabe, bei der Männer in der Regel scheints nur als Beobachter und Connaisseurs auftreten und sich ansonsten mit den Trümmern der eigenen Existenzbedingungen zufrieden geben. Kleiner Mann lässt grüßen.

Allerdings ist der Band eben nicht nur eine Sammlung von Verlustmeldungen und der Versuche, mit solchen Verlusten halbwegs umzugehen. Es finden sich auch reihenweise Beiträge, in denen die neuen hedonistischen, wenn nicht lebenspraktischen Möglichkeiten der beginnenden Konsumkultur aufscheinen. Der Sekt im Film, die Automatenrestaurants (von denen es in Berlin mehr als in New York gegeben haben soll), die Convenience-Produkte, von denen heute vor allem Maggi überlebt zu haben scheint (was eine starke Verengung der Wahrnehmung ist, okay). Das alles hat etwa mit dem Essen zu tun, und findet deshalb unvermeidlich seinen Zugang zum Feuilleton.

Walter Schübler hat mit diesem Band eine ungemein vielfältige und anregende Sammlung zusammengestellt, und sich dabei, abgesehen von Verdiensten um Anton Kuh, sich von der ewig germanistischen Indienstnahme eines Siegfried Kracauers  oder Walter Benjamins gelöst (auch wenn Benjamin, man ahnt es, eine der stärkste Beiträger auch dieses Bandes ist). Damit eröffnet er ein Meinungsfeld, das erstaunlich breit ist und den Blick für die materialistischen Problemzonen der Zeit öffnen kann. Viele dieser Themen mögen nicht satisfaktionsfähig sein oder literaturreif, aber sie haben das Leben der Zeitgenossen bestimmt. Da kommt Literatur nicht ran, soll sie auch nicht. 

Ergänzt wird der wohltuend gestaltete Band zudem durch zahlreiche Abbildungen wohl aus der Sammlung Schübler, bei dem auch bislang selten gesehene Publikationen präsentiert werden. Die Texte sind bis auf die Korrektur offensichtlicher Fehler in ihrer zeitgenössischen Gestalt belassen und nicht normalisiert worden, allerdings sind typografische Eigenheiten wie etwa die Auflösung initialer Umlaute nicht übernommen worden. Soviel Souveränität übers Material soll sein, ohne dass man das Zutrauen in die Textauthentizität verliert. Nebenher wird ein weiterer Essensband Schüblers angekündigt, über Küchen-Revoluzzer, der im Herbst gleichfalls bei Atelier erscheinen soll. Der Mann scheint nicht nur verschrobene Interessen zu haben, er scheint sie auch hartnäckig zu verfolgen. Das loben wir ausdrücklich.

Titelbild

Walter Schübler: Vom Essen zwischen den Kriegen.
Edition Atelier, Wien 2024.
358 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-13: 9783990651100

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