Cool zu bleiben ist die Kunst
Assaf Gavron ordnet im Band „Everybody be cool“ den Nahen Osten gesellschaftlich und politisch neu
Von Beat Mazenauer
Die Literatur ist auch ein Seismograph für politische und gesellschaftliche Prozesse. Bücher aus Israel demonstrieren es seit Jahren eindrücklich. Amos Oz, David Grossmann, Lizzy Doron, Nir Baram oder Ayelet Gundar-Goshen, um nur einige zu nennen, engagieren sich nicht nur politisch für Frieden und Zweistaatenlösung, sie fassen die angespannte Stimmung im Land in Worte und Geschichten. Das macht die aktuelle Literatur aus Israel so spannend wie brisant. Dazu trägt ebenfalls der Autor und Musiker Assaf Gavron bei. In den Romanen Ein schönes Attentat (2008) oder Auf fremdem Land (2013) greift er die territorialen und emotionalen Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern auf, ohne sie vorschnell zu besänftigen. Und in Hydromania (2009) entwirft er eine Zukunftsvision mit politischer Sprengkraft: Israel im Jahr 2067, das auf einen Bruchteil seines Territoriums geschrumpft ist, die alten Konflikte sind längst durch die knappen Wasserreserven überlagert worden, über die wenige Konzerne bestimmen – bis hin zum Verbot, privat Regenwasser zu speichern.
In diese ferne Zukunft blickt Gavron auch in Everybody be cool. Der Band basiert, wie er im Vorwort darlegt, auf einem Schreibprojekt im Jahr 2020. In jüdischer Tradition, dem die Science-Fiction-Perspektive angeboren sei, so Gavron, wurden Autor:innen eingeladen, eine „postkapitalistische Geschichte“ zu verfassen, die 2066 spielt und „die Idee von einer umfassend veränderten Weltordnung“ beinhaltet. Entstanden sind dabei die zwei Erzählungen im neuen Buch. Stefan Siebers hat sie ins Deutsche übertragen.
„Everybody be cool! Das ist ein Überfall“ setzt die Titelgeschichte ein. Der Ausruf – ein berühmtes Zitat aus Tarantinos Film Pulp Fiction – wirbelt die schöne neue Welt gewaltig durcheinander. Der Satz wirkt wie ein Einfall aus alter Zeit in eine gesellschaftliche Zukunft, die weder Geld noch Überfälle kennt und in der Banken reine Simulationen sind, damit sich die Menschen hin und wieder raus aus ihrer Isolation begeben und andere Menschen treffen. Auch eine junge Frau, die vor dem Bankschalter wartet, wird durch den Überfall verwirrt. Ihr persönlicher Bot kann das konfuse Ereignis ebenfalls nicht einordnen. Die Frau sieht nur, wie das Konto ihrer „universellen Basisleistungen“, auf die sie Anspruch hat, stracks auf Null absackt. Damit aber nicht genug. Monate später wird sie von der Polizei angehalten und selbst des Banküberfalls beschuldigt. Die Logik von Handlung und Wirkung scheint komplett aus den Fugen und implodiert innerhalb der systemischen Simulation, als ob eine KI halluziniert. Die Frau wird zu Haft verurteilt und verliert deswegen ihren Bot.
Die Erzählung „Everbody be cool“ ist in einer ersten Projektphase entstanden, aller Rafinesse zum Trotz wirkt sie nicht ganz ausgereift und liest sich eher wie eine Fingerübung. Doch Gavron etabliert darin bereits jene postkapitalistische Ordnung, die auch der längeren zweiten Geschichte „Zement“ einbeschrieben ist. Unter dem Vorzeichen von KI-basierter Automatisierung gilt 2066 ein egalitäres Gesellschaftsmodell, in dem es keine Lohnarbeit mehr gibt und alle Menschen Anrecht auf einen „universellen Basislohn“ und mietfreies Wohnen haben. Der Alltag wird zur Freizeit ohne Pflichten und Aufgaben. Doch auf das Gute fällt ein Schatten, erkennt Ami Allalouf, von dem Gavron erzählt. Der gesellschaftlichen Solidarität steht weiterhin die menschliche Natur entgegen. „Post-Cap konnte die menschlichen Triebe, das Konkurrenzdenken und die Rachegelüste, die in unseren Genen verankert sind, nicht ausmerzen.“
Vehement brechen diese Konflikte innerhalb von Amis Familie auf. Vor Jahren hatte sein Vater Amram eine bahnbrechende Erfindung gemacht: ein Zement, der frei formbar und dennoch stabil ist. Dieser Baustoff, zärtlich „Jabni el Dschuba“ genannt, war ein „Gamechanger“, er begründete Ansehen und Wohlstand der Familie Allalouf. Mit neuen Gesetzen hatte die Regierung allerdings strikte Grenzen für die Vermehrung von Vermögen und Ruhm gesetzt. Die Gesellschaft sollte gerecht werden und die Menschen einander gleich. Amis Vater hat diese egalitären Bestrebungen gutgeheißen, doch innerhalb der Familie gibt es Widerstand, deshalb wird der Firmengründer mit Gift ruhig gestellt.
Das spannungsgeladene Szenario um Macht und Ansehen wirft auch ein Schlaglicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Ami, der sich den verbrecherischen Intrigen widersetzt, wird selbst Opfer des sorgenfreien Lebens: der „verfluchten Freizeit“, wie sie zum Schlagwort geworden ist. Von der Arbeit befreit müsste es mehr Raum geben für Kunst, Glück, Liebe und gemeinsame Unternehmungen, glaubt Ami, doch in Wahrheit sind die Menschen einsamer denn je und ihr Leben bleibt sinnentleert und langweilig. Und was die Liebe betrifft, fühlt er selbst sich gänzlich gescheitert. Gavron beschreibt nicht nur die Ambivalenz des egalitären Gesellschaftsmodells, er situiert es auch in einem neuen geographisch-politischen Raum, der visionären Charakter hat. Der Nahe Osten präsentiert sich als postnationale Entität, die Middle Eastern Union (MEU), die in bloß noch durchnummerierte Zonen eingeteilt ist. Die alten Konflikte zwischen Israeli, Palästinensern und Arabern sind hier aufgehoben, historische Namen klingen – vergleichbar dem Ausruf „Everybody be cool!“ – wie kaum verständliche Zeugen aus einer alten Zeit. „Gaza … diesen Namen habe ich ewig nicht gehört“, wirft einer von Amis Freunden einmal lächelnd ein, dabei sei der Salat aus Gaza fantastisch.
Assaf Gavron hat die beiden Geschichten vor dem Oktober 2023 geschrieben. Nach dem Überfall der Hamas und der israelischen Reaktion darauf mutet sein Modell weniger utopisch als bizarr an. Im Vorwort bemerkt der Autor jedoch: „Die Wege, die uns die Literatur anbietet, um mit dem Problem der Unvorhersehbarkeit der Zukunft zurechtzukommen, ziehe ich seit jeher jenen von Religion, Mystik oder Wissenschaft vor.“ Und ja, wohl auch jenen der Politik, die auf die Gegenwart erkennbar keine rechte Antwort weiß. Umso lustvoller und verspielter imaginiert Gavron eine Zukunft, wie sie gesellschaftlich, geopolitisch und technisch die krisenanfällige Gegenwart ablösen könnte.
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