Auf Rilkes Spuren

Albert C. Eibl sinniert in „Mond und Meereswoge“ über Wegmarken der Transzendenz

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unverkennbar bewegt sich der Verleger und Germanist Albert C. Eibl, der erstmals als Dichter auftritt, in den Spuren Rainer Maria Rilkes, vergleichbar elegisch, auch musikalisch, mitunter weihevoll anmutend. Nicht nur ein Rilke gewidmetes Gedicht kündet erhaben von dem großen Vorbild, dessen Lyrik den jungen Poeten Eibl ersichtlich fasziniert, bannt und auch bindet. Der Gestus der Verehrung verknüpft die Dichtungen in diesem Band. Er spürt also dem Ton eines anderen nach, verfügt er auch über einen eigenen? Alfred C. Eibls Verse muten an wie erhabene, philosophisch entrückte und mitunter metaphysische Ausblicke.

Selbst Leserinnen und Leser, die mit Rilkes Lyrik nur bedingt vertraut sind, sähen wohl in Gedanken wie „Ich muss mein Leben ändern.“ den Klang eines bewunderten Poeten aufscheinen, der hier dann nicht als Schattenriss angedeutet, sondern eben in der Titelzeile namentlich benannt ist: „Für Rilke“. Setzt sich das lyrische Ich, das beobachtet, nicht gänzlich gesehen, also als Person erkannt zu werden, in eine auch nur leise innere Distanz? Die Bewunderung obsiegt, denn fast andächtig, wenngleich gut und nicht zudringlich formuliert, klingen die Verse. Immer wieder schaut Eibl auf die Stille, sehnsüchtig, variantenreich, spürt den leisen, nicht den leichten Tönen der Existenz nach. Er scheint zu meditieren, Worte zu formen und dann zu verknüpfen. Damit treibt er kein Spiel, mag seine Dichtkunst auch spielerisch anmuten. Dennoch fehlt eine gewisse Erdung, die auch der mystischen Spiritualität eigen ist, eine Festigkeit, da die Gedanken, in kunstvollen Worten geformt, sich doch rasch verflüssigen. Nicht jede Strophe, die betören möchte, betört dann auch wirklich, so etwa Eibls „Hymne an die Nacht“:

Du Dunkelheit, der ich entstamme,
du bist so tief wie manches Meer.
Noch sanfter als die Glut der Flamme
entzündest du die Stille mir.

Über solche Verse mag lange gedankenvoll philosophiert werden. Grüblerisch nähert sich die Leserschaft dem Gedicht an, bedenkt die hochgesinnten Worte, mag an unruhige Herzen denken und sich angesprochen fühlen vom Klang dieser Dichtung, der doch das Echo fehlt. Welcher Nacht also mag das lyrische Ich entstammen? Warum ist die Dunkelheit tief? Welches Meer – ist das weite Land der Seele gemeint? – ist tief? Wird von Abgründen gesprochen? Welche Stille wird entzündet? Findet ein aufgewühltes Gemüt sodann Ruhe? Die Fragen kreisen, aber das Gedicht verbleibt im Rätsel, so auch dann, wenn vom „schwarzen Feuer einer fernen Liebe“ gesprochen und änigmatisch in den letzten Versen ein namenloses Du adressiert wird:

„Du, die atmend ihre Stille kennt
- sei meine Wiege.“

Fortan schweift das lyrische Ich durchs Ewige, auch Gott tritt auf, in einer religiös getönten Sprache, die nicht auf Säkulares hin sich ausrichtet. Engel werden benannt, wiederum Reminiszenzen an Rilke, auf die der Dichter nicht verzichten mag, dazu metaphysische Exkursionen über das „unendliche Sein“, das im Herzen geworben wird. Hochsinnigkeit und Gedankenschwere zeigt auch das Gedicht über die Endlichkeit, in die eine Gestalt des Unendlichen hineinzuspielen scheint:

Tod und Schweigen
Dichten, um des Dichtens willen.
Blicke, um noch mehr zu sehen.
Lieben, um sich Lust zu fangen
und dem Alltag zu entfliehen.
Alles Dinge, die man taumelnd
ohne Hintersinn genießt,
um am Ende eines Lebens
sterbend nach mehr Licht zu flehen.
Besser ist es ganz zu schweigen,
sich der Stille zu vermählen.
Gehen wir in ihrem Lichte,
wird der Tod uns niemals sehen.

Eine Täuschung ist, möglicherweise den vermeintlich letzten Worten Goethes geschuldet, dass Sterbende sich nach dem Licht ausstrecken oder mehr Licht sich wünschen. Künstlich bleibt die Betrachtung, dass „ohne Hintersinn“ genossen werde, denn mit Hintersinn oder einer Absicht, die über den Augenblick hinausreicht, wird niemand genießen können. Das lyrische Ich scheint hier Äußerliches und Äußerlichkeiten zu erkennen, und kontemplative, meditative Weg scheint offen zu sein. Die Stille aber ist nicht das Paradies, sie kann es gar nicht sein, ebenso wenig wie sie vor der Sterblichkeit schützt. Das lyrische Ich bedenkt Formen und Facetten der Vergänglichkeit, sucht den Bund, das Bündnis mit der Stille, die weltlich trostvoll sein mag – und damit, so das lyrische Ich, im Leben das Licht schenkt, das der Sterbende sich sehnsüchtig wünschen könnte. 

In anderen Versen denkt Albert C. Eibl über das unverhoffte Lächeln nach, das sonnengleich „durch Nebel bricht“, und dies „am Abgrund klippenreicher Tage“ – darüber hätte vielleicht manche Leserin, mancher Leser mehr erfahren, auch über das Lächeln, das erfreut jenseits aller „klippenreichen Tage“ und schlicht jene Momente schenkt, die vom Tod nichts wissen und vielleicht alle melancholischen Gedanken über die Endlichkeit forttreiben. Eibls Lyrik ist gedankenvoll und schwerblütig. Eine Frage drängt sich auf: Kann oder muss man heute wie Rilke dichten? Niemand kann, niemand muss, jeder darf dies tun – und der Poet wählt für sein Debüt diesen Weg. Das sei ihm zugestanden, die erhabene Fremdheit dieser Gedichte erzählt davon. Vielleicht findet Albert C. Eibl bei möglichen folgenden lyrischen Erkundungen einen anderen, ganz eigenen Ton jenseits von Rilke. 

Titelbild

Albert C. Eibl: Mond und Meereswoge.
Wieser Verlag, Klagenfurt 2025.
62 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783990296813

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