Ein Roman als Charakterstudie eines ganzen irischen Dorfs

Garrett Carrs „Der Junge aus dem Meer“ handelt von der Beziehung zweier ungleicher Brüder

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erzählt wird – zunächst einmal verwirrend – aus der Perspektive eines ganzen Dorfs, von Killybegs in der nordwestirischen Donegal Bay in der Zeit von 1973 bis circa 1993. Die wiederholte, ausführliche Beschreibung  des Dorfs bestimmt den Ton des Romans. Er ist ruhig, zuweilen nüchtern – eben nicht  aufbrausend wie der Atlantik.

Jeden Abend kreisten Seemöven über zurückkehrenden Fischkuttern, und die Sonne versank feurig orange im Meer und gab uns eine Ahnung von unserem Platz auf dem Erdball. Wir mochten dieses Gefühl, wir genossen es, aber wir redeten nicht groß darüber. Der Wind vom Atlantik hatte uns die Worte von den Lippen gerissen, bis wir lernten ohne sie auszukommen. Unsere Stadt lag spektakulär, aber sie war kein Postkartenmotiv, und wir konzentrierten uns auf die praktischen Erfordernisse. Manche Leute hätte die Gegenwart des Meers vielleicht mit Spiritualität erfüllt, doch nicht wir. Wir neigten nicht zur Spiritualität, und wenn wir abergläubische Momente hatten, sprachen wir nicht davon. Die Donegal Bay war trübe und schenkte uns nichts, aber wir hatten zwei starke Gegenmittel: Wir wussten, was wir wollten, und wir mussten hart arbeiten… Die in unserer Stadt vorherrschende Religion verlangte, dass wir an Wunder glaubten, aber das taten wir nicht. 

Alltägliche Sorgen, alltägliche Verrichtungen bestimmen die Stimmung und die Handlungen der Einwohner, bis ein Baby in einem Fass an Land gespült wird. Die erste Aufregung lässt bald nach, als Ambrose den Kleinen adoptiert. Nun hat die Familie Brennan zwei Söhne: den leiblichen, zwei Jahre älteren Declan, und Brendan. Wie viele Bewohner Donegals ist er kein Mann von Worten. Er ist ein Macher, der sich schnell entscheidet: mit Christine das Kind zu adoptieren, das Baby Brendan zu nennen (nach dem Heiligen, der Menschen auf die Insel der Seligen führt), sich mit dem Kauf eines Fischerboots selbständig zu machen und im Team mit seinem Freund Tommy zu fischen. Er ist zufrieden, vor allem mit seinem Ertrag und ihn stört es nicht, dass es inzwischen eine (kleine) Mittelschicht mit großen Häusern in seinem Ort gibt. Er ist glücklich über das Kind, versorgt es liebevoll, wenn er zu Hause ist. Ambrose hat einen gewissen männlichen Charme, aber auch eine männliche Naivität. Er sieht nicht die Probleme wie Christine, die zwanzig Jahre lang besorgt ist um das Verhältnis der ungleichen Brüder. Als zweijähriger ist Brendan noch stolz auf seinen großen Bruder.

Brendan schaute Declan mit großen Augen an. Und jetzt verriet Brendan doch etwas von sich selbst. Auf seinem normalerweise so ausdruckslosen Gesicht zeichneten sich plötzlich starke Gefühle ab, das Innenleben des Jungen trat zutage: Brendan betrachtete seinen großen Bruder mit tiefer Ehrfurcht und Bewunderung.

Als Declan eingeschult wird, ändert sich das Verhältnis der beiden; es ist geprägt von Eifersüchteleien. Mal will der eine dem Vater oder der Mutter (vor allem aber dem Vater) nahe sein, mal der andere. Declan entwickelt eine gewisse Hassliebe zu Brendan. In der Schule  bekennt er sich nicht dazu, Brendans Bruder zu sein.

Er konnte nicht, wollte nicht von der Vorstellung lassen, dass Brendan ein Eindringling in der Familie war. Als Brendan zu ihm ins Zimmer umquartiert wurde, malte Declan einen Strich auf den Teppich zwischen ihren Betten, und den zog er immer noch regelmäßig nach. In der Schule bezeichnete Declan Brendan nicht als seinen Bruder und wies alle zurecht, die das taten.

Christine erkennt, dass der Grund für die Streitereien Eifersucht ist und erklärt ihrem Mann, dass er die beiden gleich behandeln muss. Ambrose versteht das nicht:

Er liebte seine Söhne gleichermaßen, daran bestand kein Zweifel, aber Brendan hatte ihn auf besondere Weise für sich eingenommen. Vielleicht einfach deshalb, weil Declan auf dem üblichen Weg gekommen war, Brendans Erscheinen hingegen magisch und schicksalhaft wirkte, der Junge schien ein besonderes Licht auszustrahlen. Christine hatte es auf dem Gesicht ihres Mannes gesehen, und Declan vermutlich auch.  

Brendan fühlt sich hingezogen zu Menschen, die besondere Hilfe benötigen, Kranken, Behinderten, eben „oddballs“, wie es im Original heißt. Diese besucht er auf seinen Streifzügen durch das Dorf, spendet ihnen Trost, segnet sie  und erfährt eine gewisse Befriedigung dabei, ihnen einfach Gesellschaft zu leisten. Von den anderen Dorfbewohnern wird sein Verhalten geschätzt.

Wenn Eunan [der kranke Großvater] sich von Brendan und seinen Segnungen hinreißen lassen konnte, dann wir anderen erst recht, und genau so kam es. Viele von uns wollten das einfach ausprobieren. Uns hinderte höchstens noch unsere Zurückhaltung, wir mochten kein Aufhebens, aber den meisten von uns bot sich nur auf der Straße die Gelegenheit zu einer Segnung, denn nur dort begegneten wir Brendan… Wir traten zu Brendan, hielten ihm eine Schulter hin und flüsterten unsere Bitte. Jung und Alt taten es, und jeglicher Ort war uns recht… Brendan blieb dann stehen, legte uns seine Hand auf und sagte so etwas wie: „Ich hoffe, dass es sich alles wieder fügt.“… Was Brendan tat, war spirituell, aber nicht wirklich christlich. Dem Pfarrer gefiel das keineswegs, dass der Junge auf sein Terrain vordrang, doch er wusste, dass es dessen Anziehungskraft nur noch steigern würde, wenn er sich im Gottesdienst gegen ihn aussprach. Also schlug er ihm vor Ministrant zu werden… Er [Brendan] würde sich niemals in Szene setzen, auch Brendan mochte kein Aufhebens. Sowohl seine Berührung als auch seine Worte waren kurz und unaufdringlich, und das entsprach unserer Wesensart: Er wusste, was wir brauchten und wie er es uns geben konnte. 

Declan beneidet Brendan um seine Popularität im Dorf. Er ist inzwischen 16 Jahre alt. Als Brendan zu dem Haus einer alten Frau gerufen wird, geht Declan mit, aber er bestiehlt sie. Geld ist inzwischen knapp geworden in der Familie. Declan beschließt, nicht weiter zur Schule zu gehen. Als Brendan wieder einmal verschwunden ist, finden Ambrose und Declan ihn auf einem nigerianischen Schiff, das bereit ist für die Heimfahrt. Eigentlich sind Ambrose und Declan wütend auf Brendan, aber als er zurück auf Ambrose‘ Fangboot ist, fällt er vornüber und fängt dabei einen großen Fisch. Schon ist Ambrose nicht mehr wütend, sondern stolz auf Brendan; da beschließt Declan nun mit dem Vater zur See zu gehen. Er will Brendan damit eins auswischen. Allerdings zerschellt Ambrose` Boot auf einer stürmischen und lebensgefährlichen Fahrt im Atlantik. Und damit ist zunächst die Lebensgrundlage der Familie auch zerstört. Ambrose wird arbeitslos, so dass er zum Arbeiten auf den Bau nach England geht, wie es schon alle seine Brüder getan haben. 

Das Dorf analysiert weiterhin das komplizierte Verhältnis der beiden Brüder, das ihr Vater bei seiner Anwesenheit hätte „regulieren“ können:

Declan war für ihn leicht zu durchschauen, aber aus beneidenswerten Gründen: Er war normal, unkompliziert, schien sich selbst zu verstehen. Eigenschaften, die den meisten Leuten sympathisch waren. Unser Umgang mit Declan war mühelos, und Brendan wusste, das er ganz anders wirkte: schwierig, unsicher, unberechenbar sogar für sich selbst. Für Brendan glich die Begegnung mit anderen Menschen einer komplizierten Apparatur mit verborgenem Getriebe, nicht beschrifteten Schaltern und unklarem Produkt. Man sah es in seinen Augen, wenn man mit ihm sprach, er fragte sich, was man von ihm wollte, was von ihm erwartet wurde. Wir fanden, dass es auch ihm, wie Declan, gut getan hätte, wenn sein Vater dagewesen wäre und ihm Orientierung gegeben hätte, und sei es nur durch sein Vorbild…

Aber der Vater stirbt bei einem Unfall auf dem Bau. Ausgerechnet bei der Beerdigung des Vaters gehen die beiden Brüder als Sargträger am Grab gegeneinander vor. Declan stößt einen Schrei aus und schubst Brendan, wodurch der Sarg zu kippen droht. Das verzeiht das Dorf den beiden zunächst nicht.

Wie am Anfang, als das Dorf voller Gerüchte ist bezüglich der Herkunft des „Findlings“, setzt die Gerüchteküche wieder ein: Brendan selbst streut das Gerücht, dass Ambrose womöglich sein leiblicher Vater ist. Wieder wird Declan von seinem Hass auf Brendan erfüllt. Er wirft ihn aus dem Haus, woraufhin sich  Brendan im Schiffsfriedhof versteckt. Als Declan ihn dort findet, kommt das Dorf als Erzählstimme zu dem Schluss:

Es war weder Liebe noch Hass, sondern völlige Verstrickung. Es passte, dass er [Declan] zwischen den Felsen stand, sein Bruder dagegen im Wasser, sie waren wie Meer und Küste.  

Verstrickung („entanglement“ im Original) beschreibt das Verhältnis der beiden Brüder perfekt. Das gesamte Buch wird durch diese Verstrickung geprägt; da fällt es einem Leser manchmal schwer, die wiederholten Versuche der beiden Brüder miteinander zurecht zu kommen auf 414 Seiten zu ertragen. Es fehlt ein gewisser „drive“ in dem Roman, der  etwas kürzer hätte sein können, ohne seine Anschaulichkeit und Dramatik  zu verlieren.  

Interessant ist, wie sich das Dorf als Erzählstimme in den 20 Jahren ab 1973 selbst beschreibt. Es ist ein Ort der einfachen Leute, von denen die meisten vom Fischfang leben, die aber ihre Lebensgrundlage zu verlieren drohen, als die EWG (später EU) plötzlich Fangquoten einführt. Geld spielt im Buch keine große Rolle, denn es gibt -außer wenigen Ausnahmen- nur Leute die kein Geld oder solche die wenig Geld haben. Zu der zweiten Kategorie zählt die Bonnar Familie.

Titelbild

Garrett Carr: Der Junge aus dem Meer.
aus dem Englischen von Kathrin Razum.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025.
416 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783498007164

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