Neugierig auf das Mittelalter

Raimund Kemper lockt in die germanistische Mediävistik

Von Erhard JöstRSS-Newsfeed neuer Artikel von Erhard Jöst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Er war ein Altgermanist par excellence: Bibliophil, belesen, sprachbegabt. Kenntnisreich erschloss er die literarischen Zeugnisse des Mittelalters, die sein Lebensinhalt waren. Raimund Kemper studierte und publizierte leidenschaftlich und hätte es verdient gehabt, einen Lehrstuhl für Mediävistik zu bekommen. Aber er „hatte aufgrund seiner umfassenden Bildung und seiner kompromisslosen politischen Einstellung gegenüber allem, was nur entfernt einen Einfluss oder eine Rücksichtnahme auf die unheilvolle nazistische Vergangenheit spüren ließ, große Hindernisse in seiner Hochschullaufbahn, die letztlich in der Arbeitslosigkeit endete“, wie Wolfgang Eismann in seinem Nachruf auf den 2021 verstorbenen Literaturwissenschaftler ausführt. Mit Gastprofessuren und Lehrstuhlvertretungen versuchte Kemper mit großem Einsatz StudentInnen für die Mediävistik zu gewinnen. Er liebte dieses Fach, obwohl er ihm auch sehr kritisch gegenüberstand.

Marlis Schleeh und Wolfgang Strümper haben Texte aus Kempers umfangreichem Nachlass zu einer Einführung in die Mediävistik zusammengestellt und als Buch herausgegeben. Sie halten als Ziel fest:

Das Prozedere sollte den Leserinnen und Lesern Informationen sowie Daten und Hinweise an die Hand geben, die es vermochten, besprochenen Sachverhalt zu erhellen, historisches Wissen einzuordnen, literarische Kenntnisse zu vermitteln, philologisches Arbeiten anzuregen und überhaupt die essentiellen geistesgeschichtlichen basics ihres Studienfaches darzulegen und zu erläutern.(S. V)

In der Einführung legt zudem Andrea Sieber dar, warum es „wichtig und lohnenswert ist, „sich als Studentin oder Student der Germanistik heute mit einer historisch so weit zurückliegenden Phase unserer Literaturgeschichte zu beschäftigen“ und nennt die Sprachentwicklung, Einblicke in die literarische Kultur, die historische Kontextualisierung und die epochalen Umbrüche, deren Verständnis vermittelt werden soll. Sie weist zurecht darauf hin, dass Kempers Vorlesungsreihe „Fenster zu einer vergangenen Welt“ öffnet und zugleich „den Blick auf die Kontinuität und den Wandel unserer Kulturgeschichte“ schärft. (S. IX)

Diese Intention, nämlich „für die Gegenstände Interesse wecken und Zugänge zu fremden Texten erleichtern“, verfolgen freilich auch die Einführungen in die germanistische Mediävistik, die bereits vorliegen, zum Beispiel die von Hilbert Weddige (2008) und die von Thomas Bein (2019). Worin unterscheidet sich Kempers Essay von den anderen Standortwerken? Hauptsächlich in der kritischen Aufarbeitung der Geschichte der germanistischen Mediävistik, weil die „Germanistik ohne Kenntnis ihrer Geschichte nicht erfolgreich studiert werden kann.“ (S. 89) Kemper zeichnet sie eindrucksvoll nach und stellt ihre Vertreter und deren Beiträge zur Forschung vor. Er beschreibt ihre Verdienste, aber auch ihre verhängnisvollen Fehler, wenn sie sich vom Nationalsozialismus haben vereinnahmen lassen. Kemper gibt zahlreiche Denkanstöße und weist auf Forschungsdefizite hin. Seine Hinweise sind Fundgruben für die Studierenden der germanistischen Mediävistik, die nach Themen für Dissertationen suchen.

In elf kurzen Kapiteln, die mit nützlichen Erläuterungen angefüllt sind, führt Kemper die Leser in die Sachverhalte ein, mit denen sich ein Mediävist vertraut machen muss. Er verweist darauf, dass „die Erforschung und Erklärung der deutschen Literatur in ihren Anfängen (…) ein recht mühseliges Beginnen und ein ganz verzwicktes Geschäft“ ist  (S. 48)  und konstatiert: „Der Mittelalterforscher steht wie der Archäologe im Grabungsfeld und hat den Schutt der Jahrhunderte umzuwühlen und Schicht um Schicht abzutragen und zu beseitigen.“ (S.1) Dazu muss er auf hermeneutische Voraussetzungen zurückgreifen und muss zuweilen auch die Firnis von der Literatur abtragen, mit der die Literaturgeschichte sie übertüncht hat.

Besonders spannend und aufschlussreich ist die Entstehung der Mittelalterforschung im Zeitalter der Romantik, denn „das romantische Spiel mit dem Mittelalter ist „eine gefährliche Liebhaberei“ (S. 25), wie Kemper in dem Kapitel „Duft aus der Gruft“ ausführt, und er mahnt: Wichtig sei die Auseinandersetzung mit dem Ideologem, das Mittelalter sei ein Ausdruck des deutschen Wesens. „Wir haben heute die Aufgabe, das Stück Romantik, das immer noch in der deutschen Philologie des Mittelalters steckt und befriedigt werden will, zu erkennen und unter Kontrolle zu halten. Wir sollten aufpassen, wenn wieder jemand versucht, den Modergeruch in Weihrauch umzufälschen.“ (S. 25).

In seinen mediävistischen Publikationen hat Raimund Kemper sein überbordendes Wissen stets in zahlreichen Anmerkungen untergebracht, sodass sie oft schwer lesbar waren. Auf vielen Seiten nahmen die kommentierten Literaturhinweise mehr Platz ein als der Darstellungstext. Die Herausgeber des Buchs „Mittelalter anders begreifen“ haben diese Anmerkungsflut nicht imitiert. Da Kempers Vorlesungs-Manuskript keine Fußnoten enthielt, haben sie welche in angemessener Anzahl eingebracht, die in notwendiger Kürze den Blick auf wichtige Themenfelder öffnen. In komprimierter Form stellen diese auch Mediävisten vor und legen dar, welche Beiträge sie zur Forschung geleistet haben. Das ist recht aufschlussreich, wie die Beispiele Georg Gottfried Gervinus und Ernst Robert Curtius zeigen. Leider geht Kemper nicht auf die Zeit ein, als die Mediävistik in der BRD und der DDR in einem teilweise verbissenen Wettstreit die Literatur des Mittelalters kontrovers und mit unterschiedlichen Methoden interpretiert haben. Wünschenswert wäre auch gewesen, dass Kemper auch die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung um die Kunstwerke, die von der Mediävistik als besondere Zeugnisse der mittelalterlichen Kultur herausgestellt wurden, skizziert hätte, zum Beispiel das Nibelungenlied (diese wird in der Anmerkung 71 auf der Seite 40 f. kurz angedeutet), die epischen Romane sowie den Minnesang von Neidhart und von Walter von der Vogelweide.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass die kritische Bestandsaufnahme der germanistischen Mediävistik gelungen ist. Man kann das Buch den Studenten der Literaturwissenschaft, aber auch den Lesern empfehlen, die sich erste Zugänge zu dem Fach verschaffen wollen.

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Raimund Kemper: Mittelalter – anders begreifen. Kritische Bestandsaufnahme der germanistischen Mediaevistik.
Süddeutscher Pädagogischer Verlag, Stuttgart 2024.
122 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783944970486

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