Ein Pageturner voller literarischer Überraschungen
„Die Ungetrösteten“ ist das versteckte Juwel unter Kazuo Ishiguro Romanen – und die ideale Urlaubslektüre
Von Mario Wiesmann
Bei der Wahl der Urlaubslektüre bietet es sich an, einen Blick auf aktuelle Bestsellerlisten zu werfen. Dort findet man in aller Regel Bücher, die nicht allzu schwer zu lesen sind; sprachlich nicht zu anspruchsvolle und thematisch nicht zu abstrakte Texte mit Geschichten, die uns unmittelbar ansprechen und damit genau das Richtige sind, wenn wir im Urlaub beim Lesen auch dem Kopf eine kleine Auszeit gönnen wollen. Hier liegt aber auch der Nachteil solcher Urlaubsbegleiter: Je niedrigschwelliger sie sind, desto unwahrscheinlicher, dass wir sie intellektuell anregend finden.
Nun spricht natürlich weder im Urlaub noch bei anderen Gelegenheiten etwas dagegen, sich von einem seichten Buch ‚berieseln‘ zu lassen. Wie wäre es aber diesen Sommer stattdessen mit einem Ausnahmetext, der die Kategorien der U- und E-Literatur sprengt, weil er beides gleichermaßen ist? Mit einem der originellsten Romane der Gegenwart – aus der Feder eines mehrfachen Bestsellerautors und Nobelpreisträgers?
Kazuo Ishiguro hat mit Titeln wie Was vom Tage übrigblieb, Alles, was wir geben mussten und Klara und die Sonne Weltruhm erlangt. Weniger bekannt ist dagegen Die Ungetrösteten aus 1995. Der Roman schließt schon mit seinem Sujet an eine andere Tradition an als die populären Titel des Autors: Er handelt vom Besuch des weltberühmten britischen Pianisten Ryder in einer namenlosen Stadt, in der er ein Konzert geben soll. Das erinnert an kanonische Texte wie die Recherche, Doktor Faustus oder den Untergeher. Die Ungetrösteten ist aber kein typischer Künstlerroman.
Die Haupthandlung ist geradezu banal: Ryder muss in den Tagen vor dem Konzert verschiedene Termine wahrnehmen. Daneben tragen die Menschen, denen er begegnet, immer wieder persönliche Bitten an ihn heran, die er – obwohl er mit seinen Verpflichtungen, den Vorbereitungen auf das Konzert und seinem Schlaf zunehmend ins Hintertreffen gerät – nicht ausschlägt.
In nuce entwickelt Ishiguro in den Anfangsszenen des Buchs die ganze Problematik der Erzählung: Bei seiner Ankunft lernt Ryder Miss Stratmann kennen, die mit der Organisation seiner Termine betraut ist. Obwohl Ryder offenbar keinerlei Überblick über seinen Terminkalender hat, lässt er aber die Gelegenheit verstreichen, sich von ihr ins Bild setzen zu lassen. Stattdessen sagt er dem Hotelmanager Hoffman zu, sich die Alben mit Zeitungsausschnitten über Ryder anzuschauen, die Hoffmans Frau zusammengestellt hat, und lässt sich vom Portier Gustav bewegen, sich bei dessen Tochter nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen.
Gleichzeitig entsteht schon hier der Eindruck, dass etwas mit der Welt des Romans nicht stimmt: Kurios ist zum Beispiel Ryders erste Begegnung mit Stratmann. Während er sich im Aufzug mit Gustav unterhält, erwähnt der ihren Namen. Ryder erkundigt sich, von wem Gustav rede, woraufhin Stratmann aus einer dunklen Ecke des Aufzugs nach vorne tritt und sich ihm vorstellt. Die Unterhaltung ist außerdem derart lang, dass sie sich eigentlich unmöglich während einer Aufzugsfahrt abgespielt haben kann. Und dann wäre da noch der umständliche Plan des Hotelmanagers, der mit Ryder extra ein Handzeichen vereinbart, mit dem der ihm signalisieren könne, dass er bereit ist, sich die Alben von Hoffmans Frau anzuschauen.
In bester Kafka-Manier durchzieht Ishiguro seinen Roman mit solchen Irritationsmomenten. Befremdlich ist nicht nur das oftmals grenzüberschreitende Verhalten vieler Figuren und die Vernarrtheit, mit der sie ihre persönlichen Probleme in ausschweifenden, verklausulierten Monologen erörtern. Auch das fiktive Raum-Zeit-Kontinuum wirkt verzerrt: Mal ist die Zeit in der Geschichte seltsam gedehnt, mal scheint sie zu rasen. Mal tut sich auf Ryders Wegen durch die Stadt eine unüberwindliche Mauer auf, mal ein Gang, der zwei vermeintlich weit voneinander entfernte Gebäude in der Stadt miteinander verbindet.
Immer wieder sagt der Protagonist Fremden seine Hilfe zu und scheint darüber seine zuvor gefassten Pläne zu vergessen, sodass man beim Lesen, obwohl die Geschichte aus der Innensicht Ryders präsentiert wird, zunehmend über das Verhalten des Protagonisten rätselt. Gleichzeitig scheint es aber ohne jegliche Konsequenz zu bleiben, dass Ryder einen Termin nach dem anderen versäumt.
Während die Eliten der Stadt, für die sein Auftritt von geradezu schicksalsentscheidender Bedeutung ist, ihn bei diesen Veranstaltungen nicht mal zu erkennen scheinen, widerfährt Ryder in der fremden Stadt mehrmals das Gegenteil: Nachts begegnet er auf der Straße einem alten Freund aus Uni-Zeiten; die Fahrkartenkontrolleurin in einer Straßenbahn entpuppt sich als Kindheitsfreundin und als Ryder Gustavs Tochter Sophie in einem Café entdeckt, kristallisiert sich in ihrem Gespräch heraus, dass sie seine Partnerin ist.
Hier steigert sich die Unwahrscheinlichkeit der Ereignisse zur Paradoxie: Noch unmittelbar vor ihrem Gespräch hatte Ryder Sophie wie eine Unbekannte gemustert. Diese erzählerischen Anomalien sind die originellsten Kunstgriffe Ishiguros. Sie machen Die Ungetrösteten zu einer faszinierenden Lektüre. Mit unerschöpflicher Kreativität erfindet er Techniken, um die Logik des Unterbewussten und des Traums in eine Erzählung zu übersetzen.
In mehreren Passagen verfügt der Ich-Erzähler beispielsweise vorübergehend über die Innensicht anderer Figuren und berichtet deren Erlebnisse und Erinnerungen. Dafür bleibt er über den Verlauf der Geschichte im Unklaren über den Inhalt eines Gesprächs, das er selbst mitgehört hat und im Wortlaut in seiner Erzählung wiedergibt. Zusammen mit dem sprunghaften, oft kaum nachvollziehbaren Verhalten Ryders vermitteln diese erzählerischen Widersprüche den Eindruck einer in mehrfacher Hinsicht unzuverlässigen Erzählung.
Sie zu enträtseln, ist die eigentlich spannende Aufgabe, die der Text seinen Leser*innen stellt. Dabei bleibt er aber trotz seiner mehr als 700 Seiten eine kurzweilige und fesselnde Lektüre. Alle Handlungsstränge steuern auf den großen Konzertabend am Ende der Geschichte zu. Bis dahin bleibt in der unberechenbaren Romanwelt völlig offen, ob die Figuren ihre großen und kleinen Kämpfe um Anerkennung, Liebe, Kunst und die Zukunft der Stadt für sich entscheiden werden.
Die Ungetrösteten ist ein vielschichtiger und literarisch hochorigineller Pageturner. Wer gerne Autoren wie Kafka, Beckett oder Pinter liest und für den Urlaub noch ein Buch sucht, durch das man sich nicht durchquälen muss, dem ist der Roman für den Sommer wärmstens zu empfehlen.
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