Made to Wave the Flag
Eine genauere Auseinandersetzung mit dem KI-Musik-Projekt „The Velvet Sundown“ offenbart Abgründe
Von Jonas Heß
Was wäre der Sommer ohne Musik? Gerade die Urlaubszeit bietet die perfekte Gelegenheit, sich nicht nur in altbekannte und liebgewonnene Titel zu versenken, sondern auch mal den Blick über den Tellerrand zu wagen und Neues zu entdecken. Wie gerufen kommt da der jüngste Hype aus dem Netz: The Velvet Sundown.
Die Band liefert soliden 70er-Jahre-Rock. Nichts, was man so noch nicht gehört hätte, aber nett, wenn man mit dieser Art Musik etwas anfangen kann. Bodenständige Gitarren, klare Drums, beseelte Vocals. Doch das Besondere daran ist weniger, wie sich das anhört, sondern vielmehr, wer dahintersteht: gänzlich unbeseelte Künstliche Intelligenz nämlich.
Alles an dieser Musik ist KI-gemacht: die Instrumente, der Gesang, der Text und die auffällig glatten und retro-normierten „Band“-Fotos. Aufmerksamkeit erregt hat das Ganze nicht allein deswegen, sondern weil das Projekt in den letzten Wochen einigen Erfolg auf Spotify feiern konnte. Siebenstellige monatliche Abspielzahlen hatten die Songs. Mehr als so manche hart arbeitende Human-Band. Noch dazu weiß gegenwärtig niemand, wer genau hinter der Aktion steckt. Eine Elena Ferrante der Rockmusik, so scheint es.
Das Projekt sei eine „ongoing artistic provocation“, „designed to challenge the boundaries of authorship, identity, and the future of music itself“, verkündet die Produktionsinstanz auf Spotify und geht förmlich auf die Knie vor dem eigenen Genie, das ja so eigen dann doch nicht ist. Es ist darüber hinaus nur konsequent bei diesem KI-Komplettpaket, dass wohl auch die Hörer:innenschaft zu Beginn hauptsächlich aus Bots bestand und dem algorithmisch beförderten Erfolg überhaupt erst den Boden bereitet hat. Aber wie dem auch sei: „Eine Band hat es geschafft, wenn sie in der Zeitung steht“, konstatiert diesbezüglich Edo Reents in der FAZ mit Metavolte und hat damit wahrscheinlich nicht unrecht.
Doch während alle Welt den – im Grunde auch nicht wirklich neuen – Fakt kommerziell erfolgreicher Retortenmusik bestaunt, kommt eine Sache eigenartig kurz: Sich das Ganze mal etwas genauer anzuschauen. Perfektes Case-Study-Objekt hierfür ist „Dust on the Wind”, der Gassenhauer der KI-Kapelle. Veröffentlicht auf dem zweiten der bislang drei, allesamt dieses Jahr erschienenen Alben, wurde er zum August bereits über zwei Millionen Mal abgespielt (vermutlich sogar größtenteils von menschlichem Publikum). Musikalisch folgt der Song den bekannten Genrekonventionen und Liedstrukturen. Wirklich interessant hingegen ist der Text. Zum CCR-haften Aktivisten-Rocksound heißt es da:
Strophe 1:
Dust on the wind, boots on the ground
Smoke in the sky, no peace found
Rivers run red, the drums roll slow
Tell me brother, where do we go?
Refrain:
Raise your hand, don‘t look away
Sing out loud, make them pay
March for peace, not for pride
Let that flag turn with the tide
Strophe 2:
Guitars cry out, bullets fly
Mama prays while young men die
Ashes fall on sacred land
We still got time to make a stand
Refrain
Der Song gibt sich damit schon zu Beginn als ein Art Antikriegslied zu erkennen. Dabei arbeitet er – nicht untypisch für KI – insbesondere in den Versen, aber auch bereits im Titel mit Versatzstücken und Phrasen aus genre- und epochenverwandten Kontexten. Das titelgebende „Dust on the Wind“ etwa erinnert stark an den bekannten Track „Dust in the Wind“ der Band Kansas aus dem Jahr 1977. Und Wendungen wie „Rivers run red“, „Smoke in the sky“ oder „Boots on the ground“ wurden schon so oft wiederholt, dass sie längst nicht nur in Songtiteln anderer Interpreten verwurstet wurden.
Spannend ist aber, dass der friedensaktivistische, pazifistische Vibe eigenartig konterkariert wird durch die eher martialischen Passagen, die davon sprechen, „to make a stand“ oder „[to] raise your hand“, was ja näher an „raising a fist“ als an einem friedliebenden „raising a voice“ liegt. Und vor allem der Imperativ „make them pay“, der an zentraler Stelle im Refrain auftaucht, fällt doch sehr aus dem Bild, zumal hier zum ersten und einzigen Mal nicht nur der Krieg (welcher eigentlich?) angeprangert wird, sondern mit „them“ plötzlich obskure Schuldige ins Spiel kommen.
Wer damit gemeint sein soll, bleibt eigenartig ungesagt, auch wenn eine Zeile später indirekt darauf hingewiesen wird. Dort heißt es dann „March for peace, not for pride”, womit klar ist, wer oder was auf der anderen Seite der Friedensbewegung steht: eine ‚stolze‘ Bewegung. Man kann dabei zwar an ‚Stolz‘ im Sinne von Nationalstolz oder Ähnlichem denken, doch weist „pride“ insbesondere im Zusammenhang mit „march“ im englischen Sprachgebrauch in eine ganz andere Richtung. Denn mit “pride marches” werden gemeinhin Versammlungen bezeichnet, die wir im deutschsprachigen Raum als Christopher Street Day kennen – womit der Song gänzlich unvermittelt in den Stellungskrieg des gegenwärtigen Kulturkampfs prischt.
Dabei ist gerade der Antagonismus peace – pride in besonderer Weise perfide. Nicht nur suggeriert er, dass der Feind („them“) der ‚Friedensbewegung‘ („we“) in der LGBTQI-Bewegung auszumachen ist, sondern die Bewegung wird durch diese Entgegensetzung mithin zum Aggressor, der sich bewusst gegen den Frieden wendet. Damit wird außerdem ein prominenter talking point der US-amerikanischen Nationalkonservativen um Donald Trump aufgegriffen, nämlich die Darstellung, solche für gleichberechtigte Teilhabe verschiedenster Bevölkerungsgruppen streitenden Bewegungen seien ihrerseits diskriminierend, zersetzerisch, aufwieglerisch und überhaupt böse, gemein und gefährlich und daher zu verbieten, um den gesellschaftlichen „Frieden“ zu wahren.
Dass es in der letzten Zeile des Refrains heißt „Let the flag turn with the tide” ist dann auch nur folgerichtig. Was würde besser zum gegenwärtigen Vibe Shift der USA – weg von der Identitätspolitik, hin zum nationalistisch-dümmlichen Brustgetrommel – passen als die Vorstellung einer wechselnden Flagge (einem ja obendrein eher militärischen Symbol). Dass eine Flagge wiederum nicht wirklich mit den Gezeiten wechseln kann, sofern sie nicht unter Wasser gehisst wird, unterstreicht in gewisser Weise das Krude dieser Botschaft.
Nun kann man das alles abtun als kalt algorithmisches KI-Gefasel. Doch das ändert nichts daran, dass sich mittlerweile Millionen Menschen diese und andere KI-generierte Inhalte in immer höherer Taktung ins Hirn pressen und man nicht umhinkann, zumindest bedenklich zu finden, mit was genau sie sich da so berieseln lassen. Da hilft es nicht, dass Kritiker:innen bislang Abstand halten von der Besprechung solcher künstlerischer Computerschöpfungen. Genau das aber wäre nötig, will man diesen Job nicht auch irgendwann interspeziell outsourcen. Denn KI-Produkte scheinen uns zwar von der Problematik der Autorintention zu befreien, problematisch können die entsprechenden Inhalte, die noch dazu mit großer Häufigkeit und für ein großes Publikum in die Welt kommen, aber dennoch sein.
Und da tut genaues Hinsehen, -lesen und -hören durch Menschen Not. Dafür aber braucht es Muße, Hirn und Zeit. Und wann könnte es eine bessere Gelegenheit geben, sich in diesem neuen Feld künstlerischen ‚Schaffens‘ kritisch umzuschauen, als jetzt – im Urlaub?













