Das Ruhrgebiet – mehr als nur der ‚schöne Süden‘!

,Rassenhygiene‘ und Abwasserbeseitigung formen zwei Landschaften. Ein Umweltkrimi

Von Lina SchröderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lina Schröder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Die Macht der Entwässerung“ – vorliegende Publikation aus der Feder Eva-Maria Roelevinks, Professorin für Wirtschaftsgeschichte und Industriearchäologie, und des Historikers für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte Lutz Budrass liest sich phasenweise wie ein Umweltkrimi bzw. eine Skandalgeschichte. Dabei erscheint ihre These, die sie am Ende in ihrem Fazit auch bestätigen können, zunächst alles andere als skandalträchtig, sondern klingt nach einer, aus regionalhistorischer Sicht, logischen Schlussfolgerung: „Es ist falsch, wenn wir vom ‚Ruhrgebiet‘ sprechen. […] Der Begriff ‚Ruhrgebiet‘ bildet weder die geologische oder administrative Formation noch die Sozialstruktur angemessen ab. Korrekterweise war deshalb innerhalb [des] Raumes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom ‚rheinisch-westfälischen Industriebezirk‘ die Rede […]“. Stattdessen beschreibe ‚Ruhrgebiet‘ mit Blick auf die jüngere Historie bzw. Begriffsgeschichte – und ab hier zeichnet sich bereits ex post der Skandal ab – ein Kulturprogramm im Sinne einer Germanisierung, es bezeichnet streng genommen den ‚schönen Süden‘ entlang der Ruhr. Die Begründerin dieses Programms, so das Fazit ihrer Untersuchung, war die Emschergenossenschaft, die mit der offenen Kanalisierung und Herstellung der „Cloaca Maxima“, wie die AutorInnen die Emscher in ihrer Funktion als Abwasserkanal bezeichnen, die sichtbaren und raumteilenden Fakten erst schuf, nämlich eine Nord-Südteilung der Region in die ‚schöne Ruhrzone‘ mit u. a. den Orten Essen, Bochum und Dortmund im Süden und in die ‚hässliche, übelriechende Emscherzone‘ mit den Städten Oberhausen, Bottrop, Gelsenkirchen, Gladbeck, Herten, Recklinghausen, Herne und Castrop im Norden. Bei dem Umbau und der Regulierung der Emscher handelte es sich um ein Infrastrukturprojekt, das nahezu alle Städte im Ruhr-Emscher-Raum und darüber hinaus betraf und zusammenführte. Es wurde 1904 in die Hand einer dafür eigens gegründeten Gesellschaft, der Emschergenossenschaft, gelegt: Die Emscher wurde zunächst verlegt, im Weiteren wurden ihre Nebenflüsse umgebaut und anschließend reguliert. Die darüber initiierte landschaftliche Nord-Süd-Teilung, deren Entstehung und Manifestierung in den einzelnen Kapiteln nachgezeichnet wird, habe bis heute Bestand: So existiere auf der einen Seite „eine sich nach Schaffung selbst überlassene ‚Industrielandschaft‘ im Norden und eine mitunter aufwendig erhaltene und didaktisch und museal hochgerüstete ‚Industriekultur‘ im Süden“, wie ebenso im Rahmen des Programms ‚Ruhr 2010‘ (Essen als Kulturhauptstadt Europas) deutlich wurde.

Ausgang dieser wirkmächtigen Zweiteilung waren drei Faktoren: erstens der Bergbau und sein unendlich hoher Personalbedarf, zweitens die durch die verschiedenen Industriezweige und den Bergbau, aber auch durch die Städte und Gemeinden angefallenen Abwässer sowie drittens verschiedene Diskurse der damaligen Zeit. Ersterem begegneten Bergbau und Industrie durch das gezielte Anwerben ausländischer Kräfte vor allem aus Polen, die bewusst vorrangig im Emschergebiet (Norden) angesiedelt wurden, um sie vom ‚schönen Süden‘ fernzuhalten. Die kanalisierte Emscher als ‚Lösung des Abwasserproblems‘, also zweitens, führte sämtliche Industrieabwässer und Fäkalien in den Rhein ab und wurde zu einer „flüssigtoxischen Demarkationslinie“, die den Norden vom Süden abtrennte. Im Süden war das sogenannte preußisch-deutsche Bürgertum ansässig, im Norden dagegen die preußisch-polnischen Arbeitsmigranten.

Zu den erwähnten, diesen Prozess begleitenden Diskursen gehörten einerseits allgemeine Hygienediskurse und die entsprechende Erkenntnis, dass jede Gemeinde und jeder Industriestandort eine vernünftige Abwasserentsorgung benötigte, sowie andererseits solche im Sinne einer ,Rassenhygiene‘ mit völkischer Rhetorik, vertreten etwa durch Wilhelm Brepohl (*1893; † 1975). Er schuf mit dem ‚Ruhrvolk‘ eine eigene Menschengattung, mit der er, wohlwissend, dass Industrie und Bergbau auf die ausländischen Kräfte angewiesen waren, die stattgefundene ‚Durchmischung‘ – auch während der NS-Diktatur – als ohnehin durch das ‚Deutschtum‘ dominiert zu rechtfertigen suchte. Die bereits angesprochene, bewusst initiierte Zweiteilung der Region verschleiernd, entwickelte er bereits vor dem Zweiten Weltkrieg für das Gebiet zwischen Ruhr und Emscher ein Fünfzonen-Modell, das er 1957 unter dem Titel ‚Industrievolk‘ erneut publizierte. Die Wissenschaft sei dieser Darstellung gefolgt, indem das Ruhrgebiet zur Kulturmetropole transformiert wurde, so die AutorInnen.

Mit diesem Vorgehen zeichnet sich jedoch erst die ‚Spitze des Eisbergs‘ ab, denn an dieser Stelle fehlt noch der eigentliche Akteur, der die einzelnen Diskurse sowie die bereits als notwendig deklarierte Abwasserentsorgung über die Emscher in die Praxis umsetzte: die Emschergenossenschaft. Mit ihr beginnt der Umweltkrimi. Sie lässt sich, so die Feststellung der AutorInnen, nicht mit den etablierten wirtschafts- und sozialhistorischen oder den geläufigen zeithistorischen Ansätzen greifen. Stattdessen handelt es sich um ein hybrides Untersuchungsobjekt. Die maßgeblichen Genossen, die Kommunen, sowie die tonangebenden Beteiligten, die Unternehmen, folgten unterschiedlichen Ziellogiken. „Die Emschergenossenschaft als eine von zwei Seiten, von politischer Administration wie wirtschaftlichem Unternehmertum eingesetzten, finanzierten und durch ihre Leistungsgremien zumindest überwachten Körperschaft, kann dabei aber keiner der beiden Logiken eindeutig zugeordnet werden“. Eine Genossenschaft zeichne sich durch eine „Zusammenarbeit auf dem Boden der Gleichheit“ aus. Dies, so die AutorInnen, treffe auf die Emschergenossenschaft jedoch nicht zu. Stattdessen sei der Ausdruck ‚Bad Bank‘ passender: Darunter wird eine in Krisenzeiten gegründete Gesellschaft verstanden, die nicht einlösbare Forderungen, toxische Papiere usw. inkorporiert, um den Bestand einer Bank oder einer Bankengruppe zu sichern. Sie hat zum Ziel, die existenzbedrohenden Außenstände aus den Büchern der Gründerunternehmen herauszuschreiben, übernimmt also die Entsorgung. Die Externalisierung toxischer Papiere funktioniert jedoch nur, wenn es einen Gewährleister gibt, der die Besicherung übernimmt – in aller Regel der Staat. Dies treffe exakt auf die Emschergenossenschaft zu: Sie entsorgte keine toxischen Papiere, sondern buchstäblich echten Dreck. Diese Analyse der Strukturen der Emschergenossenschaft erfolgt in der ersten, sogenannten Miniatur unter dem Titel „Die ‚Bad Bank‘: Die sondergesetzliche Gründung der Emschergenossenschaft“. Sie ist eine von insgesamt acht Miniaturen, die das Herzstück der Darstellung bilden. Gerahmt werden sie von einer ausführlichen Einführung („Anfang“) und einer kurzen Schlussbetrachtung („Ende“). Die Geschichte der Emschergenossenschaft wird dabei nicht linear erzählt, sondern in Form problemorientierter Langzeitstudien, die sich mit den einzelnen Aktivitätsfeldern der Emschergenossenschaft befassen, ohne sie dabei auf eine Perspektive oder Aufgabe zu verengen. Neben dem üblichen Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis ist der Darstellung ferner ein Register beigefügt: Angelegt als kombinierter Personen- und Sachindex soll es ebenso die punktuelle Lektüre einzelner Kapitel ermöglichen.

Hinzu kommt eine weitere Besonderheit: Jeder Miniatur sind am Ende zwischen zwei bis sechs Quellen beigefügt, die laut der AutorInnen zuerst gelesen werden sollen. Sie sollen irritieren, zu Fragen anregen und provozieren. Damit richte sich ihr Werk besonders an SchülerInnen und Studierende, denen ermöglicht werden soll, anhand der Quellen zu eigenen Interpretationen zu gelangen. Insgesamt eine schöne Idee, da vor dem Hintergrund des Interesses zahlreicher Jugendlicher an den aktuellen Umweltproblemen die diesbezügliche Motivation derzeit sehr hoch sein dürfte. Mit Blick auf den potenziellen Nutzen insbesondere für den Schulunterricht muss jedoch berücksichtigt werden, dass einige der Quellen eine ziemliche Länge aufweisen, ihre Einbindung entsprechend einer guten Planung bedarf. In jedem Fall lassen sich anhand der Miniaturen zahlreiche Themen und Entwicklungen im Zeitraum von 1899 bis 1976 quellennah beleuchten und bezüglich der heutigen Gesellschaft in all ihrer Komplexität reflektieren: die Folgen von Bergbau und Industrialisierung, Herausforderungen im Kontext der Migrationspolitik, Macht und Machenschaften der Wirtschaft, der Umgang mit Ressourcen und den Folgen ihres Abbaus, das Problem der adäquaten Müllentsorgung, Aspekte der Raum- und Infrastrukturplanung, die Wirkmächtigkeit zeitgenössischer Diskurse oder aus zeitgenössischer Sicht der Einblick in die damalige Praxis der Nationalsozialisten, das gesellschaftliche Leben und Wirken im gesamten Staat gleichzuschalten. Dabei wird deutlich, dass es sich sehr oft um hochkomplexe Prozesse handelt, Entscheidungen vor zahlreichen Hintergründen getroffen werden mussten und es nur selten einen offensichtlichen Akteur gibt, dem kolossales Versagen vorgeworfen werden kann.

Aus regionalhistorischer Sicht leistet die Monografie einen wichtigen Beitrag zur Historie des Ruhrgebietes. Widersprechen möchte die Rezensentin jedoch der Einschätzung der AutorInnen, dass es nur wenig Sinn mache, die Geschichte des Ruhrgebiets im Mittelalter beginnen zu lassen. Selbst wenn das Ruhrgebiet als reine Industriegeschichte gedacht wird, lassen sich in Bezug auf den Bergbau durchaus Kontinuitäten bis weit zurück in die Vormoderne aufzeigen (Schröder 2024; Reininghaus 2018). Auch Transit und Migration gab es in dieser Region mit Blick auf den Hellweg bereits lange vor der Etablierung der Bezeichnung ‚Ruhrgebiet‘. Davon abgesehen ist Region keinesfalls das Ergebnis einer homogenen Landschaft, ebenso bilden regionale Bezeichnungen keineswegs immer die Region in ihrer Gänze ab. Auch wenn ‚Ruhrgebiet‘ ursprünglich vor allem den ‚schönen Süden‘ denkt, kann der Begriff in Bezug auf seine Geschichtsträchtigkeit gerade als Aufhänger dienen, gesellschaftlich verankerte Raumsemantiken kritisch zu hinterfragen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Lutz Budrass / Eva-Maria Roelevink: Die Macht der Entwässerung. Die Emschergenossenschaft und die Erfindung des Ruhrgebiets.
Transcript Verlag, Bielefeld 2024.
406 Seiten, 65 EUR.
ISBN-13: 9783837674316

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