Vulkandichtung
Halldór Guðmundsson lädt in seinem neuesten Buch ein zu einer Reise durch ein Jahrtausend isländischer Literatur
Von Jan Alexander van Nahl
Island ist auch im Jahre 2025 ein beliebtes Reiseziel, über 2 Millionen Touristen aus dem Ausland begegnen rund 400.000 Einwohnern der Atlantikinsel. Eine Reihe anhaltender Vulkanausbrüche nahe Hauptstadt und Flughafen haben in jüngster Zeit zum Faszinosum Island sicherlich noch beigetragen. Wenn sich die Gletscher knapp unterhalb des Polarkreises also durch den raschen Klimawandel mittlerweile Jahr für Jahr erschreckend sichtbar zurückziehen, so bleibt neben dem schwindenden Eis doch immerhin das Feuer als Eigenart Islands konstant – und das, als Nebenbemerkung, zumindest seit 800 Jahren, wenn der dänische Gelehrte Saxo Grammaticus um das Jahr 1200 ungläubig fragte, wie das wohl sein könne, dass ein so kaltes Land so viele Feuer speiende Berge unterhalten könne.
So kommt es jedenfalls nicht unerwartet, dass die hier zu besprechende Literaturgeschichte Im Schatten des Vulkans aus der bewährten Feder von Halldór Guðmundsson bereits im Titel mit dem Vulkan wirbt, einem Motiv, auf das er dann immer wieder zurückkommt. Literaturgeschichte hingegen ist nicht ganz der rechte Ausdruck, denn Halldór präsentiert keinesfalls eine systematisch gegliederte und übersichtlich gehaltene Entwicklungsgeschichte der (alt-)isländischen Literatur, sondern lädt, wie der Untertitel des Buches schon sagt, zu einer literarischen Reise kreuz und quer über die Atlantikinsel ein, von der Besiedlung im frühen Mittelalter bis zum heutigen Tag. Wir sehen uns einer unterhaltsamen und auch lehrreichen Verknüpfung von aktuellen Forschungsmeinungen mit kulturpolitischen Überlegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, gelehrten Spekulationen und naturkundlichen Entdeckungen der frühen Neuzeit und schließlich, zurückschreitend, mittelalterlichen, also wesentlich altisländischen Texten ab dem 13. Jahrhundert, gegenüber – immer wieder angereichert durch eigene Erinnerungen des Autors an seine Schulzeit oder an Familiengeschichten.
Das erfasst unter anderem eddische und skaldische Überlieferung, verschiedene Ausformungen der Sagaliteratur, spätmittelalterliche Reimdichtung, literarische Verarbeitung zu Zeiten von Pest und Hungersnot, den Einfluss der skandinavischen Fremdherrschaften auf Leben und Literatur, ausländisches Interesse an der isländischen Natur oder auch die Nationalbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Reise endet mit einigen kritischen Kommentaren zur ganz aktuellen Situation im literatur- und kulturschaffenden Sektor auf Island, mit Blick etwa auf ausländische Literaten auf der Insel und die auch gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen sie mitunter stehen.
Überall sind nur Teile berührt, einzelne Texte, Thesen und Meinungen herausgegriffen und erzählerisch verwoben. Dabei betont Halldór manches Mal, dass er diese Vielfalt in ihrer Auswahl letztlich als Isländer sieht und begreift, aber seine langjährigen und intensiven Auslandserfahrungen erweitern den Zugang doch über eine genuin isländische Sichtweise (wie auch immer sie im Einzelnen zu definieren wäre) hinaus. Eine eigentliche Einordnung der isländischen Literatur in ihren gesamteuropäischen Kontext, wie er in jüngerer Zeit vor allem für die mittelalterliche Überlieferung untersucht worden ist, erfolgt allerdings nicht.
Die im Buch entfaltete Gemengelage klingt gleichwohl weitgreifend bis ausufernd, und in gewisser Weise ist sie es auch. Denn da Halldór der isländischen Literatur zwar chronologisch durch die Jahrhunderte folgt, diese Chronologie allerdings nirgends strikt aufrechterhält, sondern durch Sprünge, Randbemerkungen, persönliche Meinungen und Rückgriffe aufbricht, wird es dem durchschnittlichen Leser nicht leichtfallen, der Erzählung durchweg zu folgen. Im Gegenteil bedarf es solider Kenntnis der isländischen Geschichte und Literaturgeschichte, um die zahlreichen Anekdoten, Personennamen und oft bloßen Andeutungen richtig einzuordnen oder überhaupt zu verstehen. Wer ohne dieses Vorwissen an die Lektüre geht, sollte sich wohl eher mittreiben lassen, Bekanntes mit allerlei Unbekanntem hinnehmen und aus der gebotenen Vielfalt das individuell Interessante herausziehen.
Leider gibt es kein Sachregister, sodass zum Beispiel das titelgebende Thema Vulkan nicht systematisch durch die zahlreichen Kapitel mit ihren meist poetischen Überschriften verfolgt werden kann. Die regelmäßige Bemerkung des Verfassers: „darauf kommen wir später noch zu sprechen“ setzt also die konsequente Lektüre voraus. Neben knappen Endnoten, die wesentlich aus wissenschaftlich-bibliographischen Hinweisen bestehen, teils entsprechend kryptisch, präsentiert ein Personenindex am Ende des Buches eine bunte Mischung aus einigen aktuellen Forschernamen neben berühmten Gelehrten früherer Jahrhunderte und vor allem den zahllosen Figuren eben aus der isländischen Literatur, oft irgendwo zwischen Fakt und Fiktion gelegen. Auch das wendet sich eher an den Kenner als den Quereinsteiger.
An die Hand gegeben wird auch eine sehr kurze Auswahlbibliographie. Auffällig hier ist, dass das Gros der genannten Publikationen von isländischen Autoren verfasst worden ist – in augenfällig vielen Fällen von (ehemaligen) Forschenden des Árni-Magnússon-Instituts in Reykjavík, deren Forschungsansichten damit einen Wegweiser dieses Buches bilden. Der namengebende Handschriftensammler Árni Magnússon steht denn auch im Zentrum einer kurzen Vorgeschichte zu Anfang des Buches, und in gewisser Weise begann das Interesse an der altisländischen Literatur um 1700 wohl auch wieder mit ihm. Halldór nutzt die Gelegenheit, mit manch hartnäckigem Forschungsmythos aufzuräumen und bisweilen eine ganz persönliche Deutung anzubringen. Andernorts wird eher unkritisch eine gängige Forschungsmeinung unter mehreren bevorzugt, die teils an späterer Stelle noch einmal aufgerufen und bisweilen vertieft wird, oft aber unkommentiert als vermeintlich unumstößliche Gewissheit stehen bleibt.
So gesehen kann man an diverser Stelle anderer Ansicht sein, könnte andere Schwerpunkte setzen, andere Begriffsgeschichten anbringen, andere Verknüpfungen auftun und andere (vor allem internationale) Forschung heranziehen. So klein eine Skandinavistik oder gar Islandistik als universitäres Fach mittlerweile auch sein mag, so herrscht unter ihren Vertretern in vielen Forschungsfragen doch keinesfalls Einigkeit. Diese Vielfalt bis Widersprüchlichkeit der historisch gewachsenen Forschungslandschaft darzulegen, wie man es etwa in einer Literaturgeschichte als Studienbuch erwarten würde, ist nun aber nicht der Anspruch, mit dem Halldór an dieses Buch offensichtlich heranging. Es ist eine, wenn man so will, persönliche Abrechnung (im positiven Sinne) mit der eigenen jahre- und schließlich lebenslangen Verbundenheit mit der isländischen Kultur und vor allem Literatur.
Dazu passt, dass der Autor das Buch auf Deutsch verfasst hat, es sich also um keine Übersetzung handelt, obwohl Halldór auch auf Isländisch zum weiten Thema publiziert hat. Der Autor ist des Deutschen in bester Weise mächtig, war unter anderem verantwortlich für Islands Gastbesuch auf der Frankfurter Buchmesse 2011, schreibt aber auf Deutsch in einem recht isländischen Stil, sodass Wortwahl und Satzkonstruktion auf den ersten Blick bisweilen ungewohnt scheinen – doch damit gewinnt die Lektüre auch einen besonderen Charme.
Kurzum: Wie die meisten erfahrungsträchtigen Reisen erfordert auch diese literarische Reise durch Islands Geschichte ein gewisses Sich-Zeit-Nehmen und einen gewissen Willen, sich überhaupt auf sie einzulassen. Wer dazu bereit ist und vielleicht bereits einen bestimmten Erfahrungsschatz mitbringt, der kann hier – selbst als Fachleser – manche Entdeckung machen, die zum Weiterdenken anregt.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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