Zwei Leben in medias res
Maruša Kreses erster Roman „Trotz Alledem“ erzählt von unerschütterlicher Lebensbejahung trotz Krieg und Repression
Von Henrik Eichhorn
Eine Partisanin, ein Partisan, ein Jahrhundert und ein einziger Roman: Maruša Krese gelingt mit Trotz Alledem das beeindruckende Kunststück, die gesamte jugoslawische Tragödie in einer Doppelbiografie zu verdichten. Im Original erschien der Roman 2012 und 2023 in der ersten deutschen Übersetzung von Liza Linde. Inmitten des Zweiten Weltkriegs beginnt die Erzählung der ereignisreichen Lebensgeschichte der zwei namenlosen Partisan:innen in Slowenien – eine Geschichte, die trotz ihrer Dramatik repräsentativ für eine ganze Generation steht. Sie überleben den Krieg als Held:innen, doch die freudigen Erwartungen von Freiheit und Glück im neu gegründeten sozialistischen Jugoslawien werden, konfrontiert mit der Postkriegsrealität, prompt ernüchtert.
Krese, geboren 1947, veröffentlichte diesen Roman im Alter von 65 Jahren – eine späte, aber umso reifere literarische Stimme aus dem ehemaligen Jugoslawien, die westeuropäischen Lesenden eine erfrischende Perspektive auf das Land eröffnet. Maruša Krese legte mit Trotz Alledem ihren ersten und einzigen Roman vor und steckte sich dabei kein geringes Ziel: Das Schicksal zweier Personen darzustellen, angefangen in der Zeit des Krieges, und weiter über die Anfänge der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens, Titos Tod, den Bosnien-Krieg bis hin zur Gegenwart – und dies auf gerade einmal 236 Seiten.
Im Laufe der Geschichte heiraten die beiden Hauptfiguren einander, bekommen Kinder und werden alt. Die durch zeitliche Raffung erzielte Sprunghaftigkeit der Erzählung beschränkt sich nicht bloß auf die zeitliche Dimension: auch zwischen den beiden namenlosen Hauptfiguren wird regelmäßig hin- und hergewechselt, stets lediglich gekennzeichnet durch visuell getrennte Absätze.
Die Ästhetik des ewigen Ausnahmezustands
In diesem Modus begleiten wir die Figuren zu Beginn der Erzählung in die dichten und umkämpften Wälder Sloweniens, in denen sie die Deutschen bekämpfen, Bande fürs Leben knüpfen und voller Sehnsucht das Ende der Gefechte erwarten. Krese gelingt es eindrucksvoll, den Krieg sprachlich abzubilden: sie nutzt unheimlich kurze Sätze, ja beinahe eine Art Telegrammstil (wie passend für einen Krieg!) und erzeugt damit eine angstvoll gehetzte Stimmung:
Ich sitze auf einem Felsen. Um mich herum lauter Leichen. Ich bin von einem toten Menschen zum anderen gegangen. Habe ihre Augen geschlossen. Italiener. Deutsche. Partisanen. Ganz gleich. Wie eine Maschine habe ich ihre Augen geschlossen. Bin ich zur Maschine geworden? Was bin ich? Wer bin ich?
Ähnliche, zunächst ein wenig pseudo-intellektuell anmutende Fragen wie letztere stellen die Figuren fortwährend: „Sind wir denn nicht Menschen?“, „Bin ich überhaupt noch eine Frau?“, „Braucht es so viele Worte?“. Im Verlauf stellt sich jedoch der Eindruck ein, dass das häufige Fragenstakkato nicht als plumper Versuch, eine philosophische Dimension in den Roman einzupflegen, gesehen werden darf. Stattdessen zeichnet der Roman hierdurch die Anfänge einer forschend ausschweifenden Subjektivität der Figuren, die sich inmitten der Zwänge des Krieges immer wieder nach geistiger Reflexion, nach eigentlichem Menschsein sehnt. Doch das Korsett des Krieges, gespiegelt durch das sprachliche Korsett Kreses, zwingt die Figuren, stets in den strikten Bahnen der Prozesshaftigkeit zu verbleiben. So bleibt auch nach Ende des Krieges die Klammer aus Inhalt und Form bestehen:
In letzter Zeit habe ich Angst, jemand könnte meine Gedanken lesen. So grob bin ich geworden. Und zynisch. Verbittert. Und wenn schon! Während des Kampfes war es einfach. Leben oder Tod. Fliehen oder angreifen.
Der Krieg lässt die Figuren thematisch und sprachlich nicht los. Er prägt sie sowohl positiv in Form nie endender Ehrungen und einer steilen Parteikarriere als auch negativ durch die andauernde Rastlosigkeit und den ständigen Imperativ, dem Ruf, der Pflicht zu folgen. Zusätzlich gelingt es Krese, noch in einer weiteren Hinsicht Form und Inhalt kunstvoll in Kongruenz zu bringen. Die Perspektivwechsel zwischen den Figuren erzeugen zunächst ein gewisses Irritationsmoment, da man sehr aufmerksam lesen muss, um den Faden nicht zu verlieren, wessen Sicht gerade verfolgt wird. Die Grenze zwischen den Figuren wird somit verschwommen und sie treten beinahe als gemeinsames Bewusstsein auf. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Namenlosigkeit der Figuren, die hierdurch eines eindeutigen Identifikationsmoments ermangeln. Im späteren Verlauf wird das Geschehen zunächst zeitweise und zuletzt vollständig aus Sicht der Tochter erzählt. Auf diese Weise wird die Vereinigung der beiden Hauptfiguren in verkörperter Form zur inhaltlichen Vollendung gebracht. Diese formale Strenge ist sehr fordernd: Die häufigen Perspektivwechsel ohne klare Markierung verlangen Aufmerksamkeit und die fragmentierte Erzählweise kann zunächst verwirren. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einer ungewöhnlich intensiven Leseerfahrung belohnt.
Zwischen Gestern und Morgen
Während des Krieges streben die Figuren einzig auf den Fluchtpunkt des Friedens. Sie werden bloß durch ihre Ausrichtung auf die Zukunft angetrieben, um dort endlich „am Meer“, dem Sehnsuchtsort unseres Paares, anzukommen. Auf geschickte Weise gelingt es der Autorin, dieses Gefühl fortzuführen, obwohl der Krieg endet. Sie erschafft so eine Erzählarchitektur, in der sich die Figuren von einer Lebensstation zur nächsten hangeln, das Glück immer weiter in die Zukunft verschiebend, ohne je wirklich anzukommen. Dieses Moment wird durch das Mantra der Kommunistischen Einheitspartei Jugoslawiens auf den Punkt gebracht: „Alles wird gut, wir müssen uns nur noch ein bisschen gedulden.“ Mit fortschreitendem Alter gesellt sich auch der sehnsuchtsvolle Blick in die Vergangenheit hinzu: Die Figuren halten an ihrer Identität als Partisanen fest, wärmen die alten Geschichten immer wieder auf und singen freudetrunken die Lieder von früher, nach dem Motto: „Während des Kampfes war es einfach.“
Die punktuelle Gegenwart ist nie vollkommen und stattdessen lässt Krese ihre Figuren ein idealisiertes Früher und Morgen konstruieren, zwischen denen sie stets nur in medias res existieren. So kreiert die Autorin eine gelungene Paradoxie: obwohl das Geschehen in seiner sprachlichen sowie thematischen Monotonie radikale Konstanz aufweist, erscheinen Zukunft und Vergangenheit immer in idealisiertem Kontrast zur Gegenwart. Das Hoffen auf Erreichen des Endziels „am Meer“, wo die Flucht aus Welttrubel und Zeitgeschehen glücken wird, verschiebt sich im Laufe der Erzählung sogar so weit in die Zukunft, dass es zur Aufgabe der nächsten Generation wird. Krese zeichnet an einer Stelle eine Szene, die den Verwurf der eigenen Zukunftsperspektive der Protagonistin zugunsten der Pflicht im Dienste der Partei auf subtil metaphorische Weise darstellt: Als ein Parteifunktionär ihnen einen Besuch abstattet, um ein bestimmtes Gemälde für Tito zu erbitten, das er in ihrem Besitz vermutet, geben sie es ihm aus Pflichtbewusstsein, jedoch voller Schmerz. Das Gemälde bildet ein Gewässer im Mondschein ab.
Trotz alledem
Nicht alles überzeugt gleichermaßen: Die Zeitsprünge wirken mitunter etwas artifiziell, und die ‚philosophischen‘ Fragen der Figuren geraten gelegentlich etwas pathetisch. Doch die Pointe des Romans ist meisterlich konstruiert. Trotz der mehrjährigen Kämpfe unter Hunger, Angst und Lebensgefahr während des Zweiten Weltkriegs, trotz der Repressionen durch die Partei, trotz der vielen Schicksalsschläge, wie bspw. der Verlust eines Beines oder der Tod eines Kindes, eines Bruders oder Freundes – „Trotz alledem“ birgt der Roman eine tiefe Lebensbejahung. Krese bildet eine große Bandbreite dessen ab, was ein Menschenleben enthalten kann: Einsamkeit, Rache und Trauer, aber auch Freundschaft, Liebe und Heldentum. Diese positiven Momente sind die niederschmetternden Facetten eines Menschenlebens stets wert – so lässt der Roman die Lesenden nie zweifeln. Es ist diese unerschütterliche Bejahung des Lebens, die sich in der Sehnsucht nach dem Meer kristallisiert. Das Gefühl des Verschwimmens der Erzählperspektiven zwischen den beiden Hauptfiguren und im Verlauf dann auch zwischen ihnen und ihrer Tochter ist sicher kein Zufall. Am Bild des Meeres, das als Heilsversprechen immer am Horizont liegt, werden all diese Fäden zusammengebunden. Das Meer verkörpert jenen Zustand des ewigen in medias res, den Krese so kunstvoll gestaltet: stets inmitten der zeitlichen Wogen, in Bewegung und doch immer gleich, unerreichbar und dennoch beständig lockend. Für die Slowenen, deren Land zur Zeit des Zweiten Weltkriegs nicht am Meer liegt, wird es zum ultimativen Sehnsuchtsort – ein Horizont, der gerade dadurch tröstet, dass er stets Horizont bleibt.
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2025 entstanden sind und gesammelt in der Oktoberausgabe 2025 erscheinen.
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