20.000 Elefanten in Berlin

Gaea Schoeters Roman „Das Geschenk“ ist ein Buch mit Suchtfaktor

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mitten in der Spree badet ein Elefantenbulle. Gemächlich lässt er seinen behäbigen Körper ins Wasser sacken, geht in die Knie und verschwindet unter der Wasseroberfläche. Dann erscheint neben ihm aus dem Nichts ein weiterer Rüssel, wie ein Periskop. Ein zweiter Elefant hebt sich aus dem Fluss. Leise grollend begrüßen sich die beiden Kolosse und schlingen ihre Rüssel umeinander[,]

heißt es im zweiten Roman der 1976 in St. Niklaas (zwischen Antwerpen und Gent gelegen) geborenen belgischen Autorin Gaea Shoeters, die in diesem Frühjahrssemester als 22. Friedrich Dürrenmatt Gastprofessorin für Weltliteratur an der Universität Bern tätig war.

Immer mehr Elefanten tauchen in Berlin auf, treiben dort ihr Unwesen und versetzen sowohl die Bevölkerung als auch die Politiker in Panik. Ein Krisenstab wird eingerichtet, ein terroristischer Anschlag nicht ausgeschlossen. Aufklärung bringt ein Anruf, der im Kanzleramt eingeht: „Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben, vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Deutschland zwanzigtausend Elefanten zu schenken“, hatte der Präsident von Botswana erklärt – als Antwort auf ein in Deutschland verschärftes Einfuhrverbot für Jagdtrophäen, das dazu führte, dass Botswana der Elfenbeintourismus wegbrach.

Mittendrin Bundeskanzler Hans Christian Winkler, der bekannte politische Plattitüden bemüht: „Wir schaffen das“. Winkler muss sich auch gegen seinen rechtspopulistischen Widersacher Holger Fuchs behaupten. Die Verzweiflung wächst, niemand fühlt sich zuständig, alle wollen die Verantwortung an andere Stellen delegieren. Gaea Schoeters beschreibt mit unübersehbarem Augenzwinkern die hektische Betriebsamkeit der politischen Gremien, die sich wegen andauerndem Kompetenzgerangel selbst zum „Auf-der-Stelle-treten“ degradieren. Es wird dann eine Ministerin für Elefantenangelegenheiten berufen, eine Frau aus der zweiten politischen Reihe, die den Job wohl nur erhielt, “weil das Risiko zu scheitern groß ist.“

So ernst die Rahmenhandlung um die Folgen des Postkolonialismus auch ist, die flämische Autorin versteht es glänzend, den einen oder anderen humoristischen Schlenker einzuflechten. Die Ausscheidungen der Elefanten dienen als Dünger, für die einzelnen Bundesländer werden Elefantenquoten festgelegt, die rechtspopulistische Opposition verkündet aus politischem Kalkül, dass der Elefant zu Deutschland gehört. Winklers Vorgängerin im Kanzleramt bricht sich ein Bein, weil sie auf Elefantenmist ausrutscht. Die Innenstadt von Hamm wird verwüstet, und trotzdem weinen die Menschen, weil in einer folgenden Massenkarambolage auf der A2 ein Elefant stirbt.

Gaea Schoeters̛̛ Vater war in Belgien ein einflussreicher Politiker. Deswegen ist sie mit den Mechanismen des politischen Alltags durchaus vertraut.

Mein Vater ist eigentlich ein sehr konsequenter Mensch, aber musste in diesem Raum überleben und deshalb auch diese Spielchen mitspielen. Wenn ich jetzt sehe, wie das Spiel gespielt wird, irritiert es mich, dass man nicht einfach ernsthaft über die echten Probleme nachdenkt, sondern immer wieder versucht, in diesem Spiel zu überleben,

hatte die Autorin erklärt. Machterhalt um jeden Preis ist auch eines der zentralen Motive, dieses schmalen, raffiniert konstruierten Romans, der zwischen großer Symbolik und unterhaltender Humoreske changiert. Ein Buch mit Suchtfaktor, das man von der ersten bis zur letzten Seite im Sprint-Tempo absolviert. Etwas aus der Puste legt man es aus der Hand und bedauert, dass es nicht noch einige Seiten weiter ging – mit den manchmal verrückten, manchmal tiefsinnigen Ideen von Gaea Schoeters.

Titelbild

Gaea Schoeters: Das Geschenk. Roman.
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025.
144 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783552075740

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