Martha und ihre Brüder
Barbara Imgrund erzählt vom ernsten Thema ihrer Geschichte „Der Wurm“ fast immer stilsicher
Von Rolf Löchel
Barbara Imgrunds Buch Der Wurm wird zwar im Untertitel als Roman ausgewiesen, tatsächlich handelt es sich aber eher um eine Erzählung. Der Handlungsort ist ein abgelegener Hof hoch oben am Berg, „außer Sichtweite“ des nächsten Dorfes etwas tiefer im Tal, gelegentlich auch die kleine Ortschaft selbst und später eine ebenso versteckte wie unzugängliche Höhle in einem großen Findling.
Die Handlungszeit ist zweigeteilt. Da wäre einmal die der über achtzigjährigen Martha der Gegenwart, zum anderen die ihres kindlichen Ich von zunächst acht, dann neun Jahren zur Zeit des Nationalsozialismus.
Erzählt wird jeweils aus der Sicht der alten Frau und der des kindlich naiven, aber gutherzigen Mädchens, dessen Blick eigentlich nicht über einen altersgemäßen Horizont hinausreichen kann. Allerdings wird dieses Erzählkonzept einige Male durch allzu unkindliche Überlegungen der Kleinen durchbrochen.
Die alte Martha sehnt den Tod herbei und will ihn sogar aktiv durch verhungern herbeiführen. Außerdem ist sie überaus religionskritisch, weil der „verwitterte Gekreuzigte“ an der Wand des längst leerstehenden Hofes ihrer Kindheit nie eingegriffen hat, „wenn sie ihn brauchte“. Nun „soll er sehen, wo er bleibt“. In seinem Gesicht erkennt sie sogar „etwas Unheiliges, Frevelhaftes“. Dass die letzten Worte des biblischen Gottessohnes an einer andern Stelle paraphrasiert werden, scheint daher etwas fehl am Platz.
Jedenfalls ist die alte Frau an den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrt, weil sie die Vergangenheit „endgültig hinter sich lassen“ will. Das scheint widersprüchlich zu sein, ist es aber mitnichten. Denn hier oben auf dem alten, verlassenen Hof will Martha sterben. Und endgültiger als durch den Tod kann man die Vergangenheit wohl nicht hinter sich lassen.
Die junge Martha bildet in mancherlei Hinsicht einen nicht eben geringen Kontrast zu der von Schuldgefühlen geplagten Mittachtzigerin. Woher diese rühren, erfahren die Lesenden durch die Geschichte des Kindes, das sehr naturverbunden ist und für das auch Tiere eine Seele haben. „Leben war Leben“, empfindet das Kind, „da war keines mehr oder weniger Wert, niemand untertan oder überlegen“. Das umfasst alle Menschen – und auch die Tiere.
So tut der geliebte Hofhund etwas „mit einem heiligem Ernst“ und Blicke von Schafen haben „mehr Kraft […] als jedes Vaterunser und Ave Maria“, wobei schon hier die spätere Religionskritik der alten Frau anklingt. Selbst der Berg, an dessen Hang der heimatliche Hof liegt, grüßt das Mädchen von Ferne oder hält gemeinsam mit der Nacht den Atem an. Das schrammt zwar bedenklich nahe am Kitsch vorbei, ist aber eben kindlich gedacht. Oder genauer gesagt: empfunden.
Das Leben der jungen Martha lässt sich trotz mancher schöner Stunde in der Natur nicht gerade heiter nennen. Ihr Vater, „eine Ausgeburt seiner Zeit“, verprügelt das Kind selbst bei einer geringen Verfehlung über alle Maßen. Auch die Mutter hat unter ihm zu leiden. Zudem gebiert sie jedes Jahr ein Kind, von denen die allermeisten nur ein paar Monate, vielleicht ein, zwei Jahre überleben. Einige Geschwister Marthas haben dennoch das Jugendalter erreicht. So drei ihrer Brüder, von denen der älteste siebzehn Jahre alt ist. Er hält – so gut er eben kann – seine schützende Hand über seine kleine Schwester.
Die Familie führt ein hartes, genügsames Leben. Dennoch sind das Mädchen und die Ihren mit ihrem kargen Dasein nicht unzufrieden – bis der titelstiftende Wurm der nationalsozialistischen Ideologie sich des Vaters bemächtigt. Denn er ist „ein Parasit, ein Schmarotzer, braun, feist, giftig, der sich in die Köpfe der Leute frisst“. Auch viele Menschen im Dorf hat das verhängnisvolle Wesen befallen. Dabei waren damals, vor achtzig Jahren weder sie noch die Erwachsenen auf dem Hof ahnungslos. Im Gegenteil, sie wussten genau um die Verbrechen der Nationalsozialisten und haben sogar an ihnen mitgewirkt. So liefern die Dörfler eine junge Jüdin unter Beschimpfungen ganz bewusst dem Transport ins Vernichtungslager aus, und selbst die Kinder im Dorf wissen um die Shoa.
Auf dem Hof aber sind alle – außer dem Vater natürlich – gegen den Krieg „Was sollen die Buben in diesem Krieg“ heißt es sogar gleich zweimal. Und zwar ohne Fragezeichen. Diese Einstellung hilft der Familie aber nicht, denn in den letzten Kriegsmonaten erhalten alle drei jungen Burschen, die ja im Grunde noch Kinder sind, den Stellungsbefehl.
Welche Schuld es ist, die auf den Schultern der alten Martha lastet, bleibt lange unklar. Denn die Erzählung gibt nur tröpfchenweise preis, was damals geschah; was wirklich geschah mit Martha und ihren Brüdern. Nur dass es etwas überaus Schreckliches, ja Unverzeihliches ist, wird schon bald deutlich und auch, dass es irgendetwas mit dem „Wurm“ zu tun haben muss.
Die Autorin versteht es grandios, an einer dramatischen Stelle durch Satzbau und Wortwahl eine spannende, gehetzte Atmosphäre zu schaffen, die die Lesenden ganz in die Erlebniswelt der Protagonistin versetzt. Ansonsten erzählt Imgrund in einem ganz und gar unprätentiös Stil, in den sie gelegentlich Worte einfließen lässt, die so altbacken wirken wie der Ausdruck altbacken; „trutzig“ zum Beispiel. Zugleich greift sie gelegentlich zu andernorts nur recht selten gehörten Worten wie etwa „ohrenscheinlich“, wenn etwa Bestimmtes zwar nicht gesehen, wohl aber gehört wird. Überdies hat sie ihr kleines Werk in einem metaphernreichen Stil verfasst, dessen ausgesprochen originelle Bilder meist der Natur des Alpenraums entliehen sind. Gelegentlich droht sie allerdings ins allzu Pathetische oder Kitschige abzugleiten. Letzteres etwa, wenn sich die kleine Martha „behütet“ fühlt, „von einer Macht“ und weiß, „dass dies der Berg war, dem sie dort oben die Stirn geboten hatte und der sie jetzt ruhen hieß auf Wildblumen und Alpenrosen unter dem Schutz des Adlers, um dem Wind ein Lied zu schenken, das ihren Namen trüge“. Es kann sogar vorkommen, dass eine kalenderspruchartige Sentenz einfließt. Aber vielleicht ist das so, weil die Menschen auf dem Hof so gedacht haben mögen. Allerdings greift gelegentlich eines ihrer Bilder auch mal daneben. Etwa wenn Tageslicht „wie zäher Teig“ in einen „halbdunklen Gang […] fließt“.
Die nationalsozialistische Ideologie in die Metapher des Wurms zu kleiden, mag hingegen zwar angehen. Die von ihr befallenen Menschen als Würmer zu bezeichnen, wie dies einmal geschieht („Der Vater war keiner der Ihren mehr. Der Vater war Gewürm“), ist jedoch völlig verfehlt. Dies umso mehr, als die Nazis – gegen deren Ideologie und Taten das Buch sich doch wendet – die Menschen jüdischen Glaubens als Ungeziefer diffamierten, das es auszutilgen gelte.
„Nichts, nichts, nichts, was man tut, ist je von Bedeutung. Man lernt nur, mit der Last zu Leben und mit der Last zu sterben. Mehr ist nicht dran, an diesem Dasein“, sinniert die alte Martha einmal. Imgrunds „kleine Geschichte“ aber tritt an, vom Gegenteil zu überzeugen. Und sie enthält eine Warnung: Der Wurm regt sich nicht nur wieder, er droht sich erneut zum Lindwurm auszuwachsen.
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