Die blinden Flecken der Schöpfung

In „Kreative Gesellschaft“ verortet Tomas Kačerauskas die kreative Klasse im Spannungsfeld postmoderner Schöpfung und interdisziplinärer Analyse

Von Silvio BartaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Silvio Barta

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Idee der kreativen Gesellschaft – ihr Nutzen, ihre Eigenschaften und Voraussetzungen – steht spätestens seit Richard Floridas The Rise of the Creative Class im Zentrum intensiver Debatten. Die sogenannte „kreative Klasse“ gilt heute als etwas Besonderes – oder, wie man inzwischen sagt: „special“. Sechsstellige Einstiegsgehälter für Prompt-Engineering als mediales Produkt in Telearbeit für Medienkonzerne sind Ausdruck einer neuen, zugleich hochspezialisierten und mediatisierten Erscheinungsform der Wissensarbeit. Zwar lässt sich das gestiegene Interesse an kreativen Gesellschaften leicht mit den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen durch Digitalisierung und soziale Medien erklären. Doch ist das Phänomen selbst keineswegs neu – vielmehr bildet es eine tragende Säule westlicher Kulturgeschichte.

Tomas Kačerauskas greift in seinem Werk Kreative Gesellschaft: Eine interdisziplinäre Analyse diesen Gedanken auf und entfaltet eine weitreichende Kontextualisierung des Begriffs. Seine Analyse reicht von antiken Ursprüngen bis in gegenwärtige Diskurse der postmodernen Philosophie, Kommunikationswissenschaft, Medientheorie und Soziologie – interdisziplinär, kritisch und ambitioniert.

Die Postmoderne als treibende Kraft der Schöpfung

Bereits in der Einleitung macht Kačerauskas seine begriffliche Präzision deutlich: Wie ist Schöpfung im Unterschied zu Kreativität zu verstehen? Und warum ist eine deutschsprachige Ausgabe für den internationalen Diskurs über kreative Gesellschaften von besonderer Relevanz?

Wo kreative Arbeit einst einem kleinen Kreis künstlerischer oder intellektueller Eliten vorbehalten war, zeigt sich heute eine Gesellschaft, in der schöpferisches Handeln massenhaft praktiziert wird: Mehr als fünf Milliarden Menschen nutzen Social Media und erzeugen Tag für Tag eine Flut von Inhalten, die unter dem Label des Kreativen erscheinen. Die Generation X erlebt diesen Wandel in paradigmatischer Weise – als Kohorte, die zwischen analog geprägter Herkunft und digital beschleunigter Gegenwart vermittelt. Kačerauskas analysiert dieses Phänomen – das er als „Kreazialien“ bezeichnet – im Kontext von Postkreativität und Postökonomie. Er fragt, inwiefern sich die kreative Klasse innerhalb dieser neuen Konstellation von den übrigen schöpferischen Akteurinnen unterscheidet – sowohl gesellschaftlich als auch ökonomisch.

Wenn alles Kunst ist

Eine zentrale Unschärfe entsteht dort, wo kreative Tätigkeit mit künstlerischer Schöpfung gleichgesetzt wird, wodurch die kreative Gesellschaft vorrangig aus der Perspektive der Künste gedacht wird. Zwar analysiert Kačerauskas die Grenzen von Kreativität und Schöpfung differenziert, doch bleibt ein Begriff auffällig unterbelichtet, obwohl er für das Verständnis kreativer Gesellschaften von zentraler Bedeutung ist: Design.

Die Logiken künstlerischer Schöpfung und gestalterischer Praxis unterscheiden sich grundlegend – sowohl hinsichtlich ihrer Zielorientierung als auch ihrer gesellschaftlichen Funktionen. Dass Kačerauskas diese Differenz kaum berücksichtigt, mündet an mehreren Stellen in Schlussfolgerungen, die aus designwissenschaftlicher Perspektive irritieren. Wenn Kreativindustrien – etwa als „Film, Theater, Veröffentlichung, Spiele, Spielzeug, Architektur, Design, Handwerk usw.“ – entlang einer vermeintlichen Hierarchie aufgelistet werden (wobei die Reihenfolge offenbar eine implizite Gewichtung nahelegt), verkennt dies die Wirkungsweise der postmodernen, zunehmend postkreativ organisierten Kulturindustrie.

Heute sind es vor allem Designartefakte, die in ihrer Allgegenwart ästhetische Wirkung entfalten. Kunstwerke im klassischen Sinne treten dabei in den Hintergrund. In diesem Kontext auf Kants Begriff des „interesselosen Wohlgefallens“ zurückzugreifen, erscheint nicht nur gewagt, sondern verkennt den performativen und funktionalen Charakter gestalterischer Praxis in der Gegenwart. Andere theoretische Bezugsrahmen – etwa Caves’ Creative Industries oder Howkins’ The Creative Economy – wirken heute überholt und blenden die Realität zeitgenössischer Agenturarbeit weitgehend aus. Dort entstehen Disziplinen wie User Experience Design in iterativen, nutzerzentrierten Prozessen, deren Dynamik und Interdisziplinarität sich nur unzureichend in klassischen, statischen Branchenmodellen abbilden lässt.

Vor diesem Hintergrund fällt die formale Gestaltung von Kačerauskas’ Buch besonders ins Auge, der Ursprung in einer Lehrveranstaltung an der Vilnius Gediminas Technischen Universität ist unverkennbar.

Der streng hierarchische Kapitelaufbau, die Wiederholungen sowie einführende und zusammenfassende Abschnitte zu Beginn und Ende jeder Einheit verleihen dem Text eine klare, didaktische Struktur. Das macht ihn leicht zugänglich und gut lesbar, führt jedoch stellenweise zu Redundanzen – pädagogisch eben. Gleichzeitig ermöglicht gerade dieser Aufbau, das Werk auch als umfassende Inventur interdisziplinärer Entwicklungen zu lesen: Unabhängig von persönlichem Zugang oder fachlicher Verortung finden Lesende zahlreiche Impulse zur weiteren Auseinandersetzung.

Das (Sozial)Kapital?

Spannend – und zutiefst politisch – ist Kačerauskas’ Diskussion des Begriffs Kreativkapital (geprägt von Richard Florida) im Verhältnis zum in der Soziologie etablierten Konzept des Sozialkapitals. Sozialkapital bezeichnet, vereinfacht gesagt, jene Kräfte, die eine Gesellschaft zusammenhalten – Bildung, Kultur, Werte –, während Florida es in Gegensatz zu Kreativkapital setzt, das auf Individualismus, Offenheit und Durchlässigkeit gründet. Kačerauskas zeigt, dass sich dieses Paradoxon zumindest teilweise auflösen lässt: Eine Gesellschaft kann durchaus zugleich über wachsendes Kreativ- und wachsendes Sozialkapital verfügen.

Hier drängt sich der Vergleich zu Carlo Strengers Abenteuer Freiheit auf, wo er dieses Spannungsfeld eindrucksvoll beschreibt: „… wir Bewohner der westlichen Wohlstandsgesellschaften sind zutiefst davon überzeugt, das gute Leben gehöre zu den gesellschaftlichen, politischen oder persönlichen Grundrechten.“ Heute leben wir in einer Zeit, in alle das Recht beanspruchen dürfen, so kreativ, außergewöhnlich und unersetzbar zu erscheinen wie John Lennon. Dadurch wirkt die Gesellschaft auf den ersten Blick wunderbar kreativ, doch die Fliehkräfte dieses Individualismus bedrohen den sozialen Zusammenhalt. Die Folge ist eine wachsende Skepsis gegenüber demokratischen Strukturen, die ihrerseits von Sozialkapital durchdrungen sind. Tomas Kačerauskas beschreibt damit einen Zustand, der bereits 2014 in der ersten Auflage prekär erschien – und heute umso deutlicher zeigt, wie sehr kreative Entfaltung und gesellschaftlicher Zusammenhalt miteinander ringen.

Das Ringen der Visionäre

In weiten Teilen des Buches bemüht sich Tomas Kačerauskas um eine Abgrenzung von Richard Florida – insbesondere in der Frage, wie die kreative Klasse zu definieren ist. Kačerauskas zieht deren Grenzen bewusst eng, um ihre Außergewöhnlichkeit zu betonen und eine klare Distanz zu nichtkreativen „Klassen“ zu markieren. Florida hingegen argumentiert – auch wenn er aus heutiger Sicht kritisch betrachtet werden muss – nicht, dass die kreative Klasse lediglich eine neue soziale Gruppe innerhalb einer kreativen Gesellschaft sei. Vielmehr beschreibt er eine grundlegende Transformation: eine Gesellschaft, die sich in ihrer Gesamtheit (utopisch zugespitzt) zu einer kreativen Klasse wandelt.

Gerade diese Perspektive macht die Vorstellung einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation so faszinierend: Vielleicht stehen wir tatsächlich am Beginn einer neuen Ära der Menschheit. Die wissenschaftliche Präzision, mit der Kačerauskas argumentiert, ist beeindruckend. Doch man wünscht sich an manchen Stellen mehr visionäre Weite.

Titelbild

Tomas Kačerauskas: Kreative Gesellschaft. eine interdisziplinäre Analyse.
Frank & Timme Verlag, Berlin 2024.
515 Seiten, 88,00 EUR.
ISBN-13: 9783732908981

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