(Auch) Mittelalter, aber ganz ohne Wolfram
Isabel Schenk und Johannes Wahl fassen „1250 Jahre Eschenbach“ in einem reich illustrierten Jubiläumsband zu einer regionalen, aber auch erweiternden Entwicklungsgeschichte zusammen
Von Jörg Füllgrabe
Über die Frage nach der Produktivität von Irrtümern kann gestritten werden, und daher sollte es auch möglich sein, dieses Thema zum Gegenstand philosophischer Betrachtungen zu machen. So könnte man vermuten, dass der hier vorliegende Band 1250 Jahre Eschenbach versehentlich in der Mittelalter-Abteilung gestrandet ist – der Titel war gewissermaßen eine Art programmatisches Versprechen. Einer fehlt jedoch in der Publikation, ein dem Ort auch namentlich verbundener Poet, der vor ungefähr 800 Jahren lebte und wirkte: Der mittelhochdeutsche Dichter Wolfram von Eschenbach findet hier keinerlei Erwähnung und somit ist es auch vergebliche Mühe, etwa nach Parzival oder Titurel Ausschau zu halten. Das ist zunächst irritierend, aber schlicht dem Umstand geschuldet, dass der Jubiläumsband sich gerade nicht dem fränkischen Eschenbach, das den tourismusaffin erweiterten Namen ‚Wolframs-Eschenbach‘ erhalten hat, widmet, sondern einer gleichnamigen Gemeinde im Schweizer Kanton St. Gallen.
Eine Enttäuschung also? Nicht unbedingt! So mag das interessante Buch von Isabel Schenk und Johannes Wahl nicht verschmäht sein, wenngleich (oder womöglich gerade weil) es weit vor dem Mittelalter einsetzt. Die erste Station der Eschenbacher Geschichte ist denn auch nicht vom Menschen bestimmt, sondern durch das Fossil eines miozänen Nashorns. Der erste Eschenbacher respektive die erste Eschenbacherin also ein Tier?
Enger mit den Menschen der Gegenwart verwandt sind mittelpaläolithische Werkzeugfunde, die die Anwesenheit von Neandertalern indirekt belegen, auch wenn keine menschlichen Überreste oder Gräber aus dieser Zeit gefunden wurden. Die kontinuierlich nachweisbare Besiedlung durch Menschen fand allerdings erst deutlich später statt, seit der entwickelten Bronzezeit und dann der älteren und jüngeren vorrömischen Eisenzeit. Diese ist ethnisch mit der Kultur der Kelten verbunden, was für Eschenbach auch durch keltische Münzen (neben Keramik sind auch diese mit schönen Farbabbildungen illustrierend aufgeführt) belegt ist. Mit den Römern schließlich trat die Region um Eschenbach ins Licht der Geschichte – zumindest im weitesten Sinne, auch wenn aus dieser Epoche keine spezifischen Quellen vorliegen. Stattdessen werden – ebenfalls durch Bilder belegt – römerzeitliche Funde als Kronzeugen herangezogen. Mit der alemannischen Landnahme wird der völkerwanderungszeitliche Abschluss der Antike behandelt und damit eine historische Kontinuität bis zur Gegenwart eingeleitet.
Diese verbindet sich mit der Etablierung und Re-Etablierung des Christentums in der Region, die bereits in merowingischer Zeit, dann aber auch unter den Karolingern durch die Stiftung verschiedener Klöster geprägt war. Dies war Möglichkeit und Anlass zu diversen Stiftungen in jener Zeit. Ausgangs- und gewissermaßen auch Höhepunkt mittelalterlicher Entwicklungen in Eschenbach ist die im Stiftsarchiv St. Gallen aufbewahrte Schenkungsurkunde aus dem Jahr 775, in der ein gewisser Cundhoh und seine Ehefrau Boazilane ihren Besitz im Weiler Esghibach für „ihr Seelenheil und die ewige Belohnung“ dem Kloster St. Gallen schenkten. Auch diese Urkunde ist erfreulicherweise abgebildet und ermöglicht gemeinsam mit anderen im Text erwähnten Schenkungen einen Einblick in die religiösen Stiftungsgepflogenheiten der Epoche. Auch die politischen Verhältnisse und innerschweizerischen Zwistigkeiten bis zum Ende des Mittelalters und darüber hinaus werden erwähnt.
Den ersten beiden chronologischen Kapiteln folgen thematische Abschnitte, in denen wirtschaftliche Verhältnisse, „Bildung, Freizeit, Kultur und Sport“, Infrastruktur im Allgemeinen, „Kriegszeiten“, aber auch „Skandale, Seuchen und Katastrophen“ in den Blick genommen werden, die bis auf wenige Rekurse von aktueller Natur sind. In einem übergreifenden Kontext von Interesse mag das Abschlusskapitel zu „Geschichte und Identität“ sein, das mit der folgenden Frage eingeleitet wird: „Ist Geschichte eine Reproduktion vergangener Tatsachen oder eine Produktion von Bildern und Sichtweisen darüber, wie die Vergangenheit ausgesehen haben könnte?“ Diese geschichtsphilosophisch hochinteressante Fragestellung wird dann anhand zeitnaher und aktueller Entwicklungen in der Dreiergemeinde angegangen, wobei etwa auch die andernorts in vergleichbaren Situationen ebenfalls mitunter heftig umstrittene Gestaltung eines neuen Stadtwappens angesprochen wird, das Tradition und Aktualität zum Ausdruck bringen soll.
Was aber ist insgesamt zu dem Band zu sagen? Es ist naturgemäß schwierig, über eine Publikation, die eigentlich ‚nicht hierher gehört‘, angemessen zu urteilen, eben weil ganz andere Parameter angelegt werden müssen als bei Editionen mittelalterlicher Texte oder fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen, die den Bereich mittelalterlicher Geschichte und/oder Literatur betreffen. Gleichwohl wäre es unredlich, dieses mit großer Sorgfalt erstellte und durch zahlreiche Fotografien und Illustrationen äußerst ansprechend gestaltete Werk unter den berühmten Tisch fallen zu lassen.
Dies gilt vielleicht umso mehr, als die ihre Jubiläumsfeier begehende Großgemeinde im Kanton St. Gallen – also in einer gerade auch für die Ausprägung und Tradierung kultureller Produktivität und damit auch Identität essenziellen Landschaft, dem Bodenseeraum – gelegen ist, wodurch implizit Anknüpfungsmöglichkeiten an Konstanten bestehen, die über den Ort Eschenbach hinausweisen. So gesehen ist der gefällig produzierte, aber für ein ‚Nebenher‘ wiederum nicht gerade günstige Band, der vermutlich eher als repräsentatives Geschenk zu offiziellen Besuchen in der Jubiläumsgemeinde gedacht ist, doch mehr als nur eine einfache Stadtgeschichte.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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