Intensive Imaginationen um wankende Wahrheiten

In ihrem Roman „Goldstrand“ knüpft Katerina Poladjan ein anregungsreiches intermediales und interdisziplinäres Text-Netzwerk

Von Anne Amend-SöchtingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Amend-Söchting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bekannt geworden ist Katerina Poladjan mit ihrem Roman Hier sind Löwen. 2019 stand er auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. In der Protagonistin des Romans, eine Buchrestauratorin, kreuzen sich Gene armenischer, russischer und deutscher Herkunft. Diese Interkulturalität bedingt eine nie endende Suche nach den eigenen Wurzeln, wobei mancherlei Irritationen und Imaginationen als Lückenfüller für das dienen, was im Geheimnisvollen und Rätselhaften verharren wird. All diese Einflussgrößen und Bezugspunkte kompiliert Poladjan nicht in Fiktionen mit linearem Plot, sondern vielmehr in kurzen, dafür umso komplexeren Narrationen.

So auch in Goldstrand. Zweimal wöchentlich hat der 62-jährige Filmemacher Eli Fontana einen Termin bei Dottoressa Malatesta, einer Psychoanalytikerin in Rom. Auf der Couch liegend, erzählt er als Erstes von der Kindheit seines Vaters Felix, der mit seinem Vater Lew und seiner Schwester Vera im Jahre 1922 über das Schwarze Meer von Odessa nach Konstantinopel flieht, um den Anti-Intellektuellen-Maßnahmen der russischen Regierung zu entgehen. Unterwegs springt Vera vom Dampfer. Lew meint, dass seine Tochter überlebt habe. Mit dem Ziel, sie zu finden, lässt er sich mit Felix im Süden Rumäniens nieder, in einer Gegend, die 1940 an Bulgarien zurückgegeben wird. Felix studiert Architektur in Sofia, bevor unter seiner Ägide eine Ferienanlage am Goldstrand entstehen soll.

Elis Mutter Francesca, die ihrem faschistisch geprägten großbürgerlichen Elternhaus entkommen möchte, reist nach Bulgarien, trifft dort Felix und wird von ihm schwanger. Die Eltern verstoßen die Tochter und behalten den Enkel, der in der Villa der Großeltern aufwachsen wird. Ab dem Teenageralter hält er guten Kontakt zu seiner Mutter. Eli studiert Filmwissenschaften und heiratet Jenny, eine Touristin aus Deutschland. Als Vera, die Tochter der beiden, elf Jahre alt ist, kehrt Jenny mit ihr nach Deutschland zurück. Erst nach dem Abitur besucht Vera ihren Vater in Rom. Mit ihm geht sie in Venedig zur Premiere des Kurzfilms, in dem er die Reise seines Großvaters Lew thematisiert.

Goldstrand besteht aus sieben Kapiteln. Während Eli zunächst, einen breiten biografischen Fächer öffnend, fast durchweg in der Praxis seiner Analytikerin fokussiert wird, ändert sich das Setting im letzten Kapitel. Die Analytikerin kommt zu ihm nach Hause, in ihrem Gefolge Francesca, später sogar Jenny. Eli gibt vor, mit einem Segelschiff nach Bulgarien reisen zu wollen, um seinen Vater zu treffen.

In diesen Roman haben einige Worte, an anderen Stellen auch ganze oder halbe Sätze von Italo Calvino, Marcel Duchamp, Marie von Edinburgh, Caspar David Friedrich, Johann Wolfgang Goethe, Giorgio Moroder, Heiner Müller und Ludwig Wittgenstein Eingang gefunden

– so ein knapper finaler Hinweis der Autorin auf das, was auf dem schmalen Grat zwischen Evidentem und Kryptischem zu einem brillanten intermedialen, intertextuellen und in gewisser Weise auch interdisziplinären Netzwerk verschmolzen ist. Manche Zitate kommen als direkte daher, z. B. Marcel Duchamps berühmter Ausspruch, „Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt“. Viele Versatzstücke, unter anderen Szenen aus Filmen von Pier Paolo Pasolini oder Kompositionen von Giorgio Moroder, fügen sich zu einem diskontinuierlichen, gleichzeitig schlüssigen Roman zusammen. Seine Gattung sprengt er bereits im ersten Kapitel, weil sich die Erzählung über die sieben Jahre, die Lew und Felix im Königreich Rumänien verbringen, Lew in den Diensten der Königin Marie von Edinburgh, wie ein Märchen liest.

Mit dem Thema und dem Bezugssystem Psychoanalyse liegt dem Text eine dialogische Struktur zugrunde. Die Analytikerin ritualisiert die Eckpunkte der Stunde, indem sie am Anfang nach dem Befinden ihres Analysanden fragt und am Ende auf die Zeit hinweist. Ab und an unterbricht sie mit knappen Interventionen Elis Ausschweifungen in der Redekur. Es ist ihr ein großes Anliegen, dass er sich auf einen Diskurs über Gegenstände aus dem rumänisch-bulgarischen Kontext, offensichtlich aus der Familie des Vaters, einlässt – ein Nähkästchen, eine Holzente und ein Stapel alter Zeitungen in rumänischer Sprache. Eli widersteht und bricht verbal aus. Vage bleibt, warum er eine psychoanalytische Begleitung gewählt hat – transgenerational weitergegebene Themen, das Rätsel um seinen Vater und eine Schaffenskrise liegen nah.

Die Dekonstruktion psychoanalytischer Verfahren beginnt spätestens ab dem Moment, als Eli an seinem Geburtstag einen entflogenen Sittich zur Dottoressa mitbringt. Beim nächsten Termin erscheint ein Mann namens Paolo in der Praxis, später serviert die Analytikerin ihrem Klienten einen Drink und Schokoladenkuchen, bevor sich schließlich alle in Elis Villa versammeln.

Der fiktionale therapeutische Dialog ist eingebettet in ein diachrones Bezugssystem mit prononciert politisch-geschichtlichen Akzenten. 1922 verlässt Lew mit seinen Kindern Odessa. 1961, die Berliner Mauer wird gebaut, treffen sich Felix und Francesca. 1989, die Mauer fällt, kommt Elis und Jennys Tochter Vera zur Welt. Diese ist zur Zeit der Analyse ihres Vaters 35 Jahre alt, mit anderen Worten: der Roman ist im Jahre 2024 angesiedelt und seine Handlung wirft Schlaglichter auf ca. 100 Jahre europäischer Geschichte.

Gegenläufig zur chronologischen Ordnung durch die Zeitläufte verhalten sich die in ihnen transportierten Ideologien, die Intertexte und alles, was die Psychoanalyse und ihre Dekonstruktion betrifft. In der formalen Ordnung tobt das Chaos.

Eli ist mit einem faschistisch geprägten Großvater aufgewachsen, dessen Bunker unter der Villa zur Asservatenkammer chauvinistischer Kultgegenstände degeneriert. Seiner Tochter gelang es, „aus dem goldenen Käfig des Familienanwesens“ auszubrechen. Sie verkehrte in kommunistischen Kreisen und spätestens ihre Reise nach Rumänien gerät zum Signum der Divergenz zwischen den Blöcken Sozialismus und Faschismus. Später laviert Eli irgendwo dazwischen: er überlege sich, Jewgenij Samjatins Roman Wir, die angeblich erste moderne Dystopie, neu zu verfilmen. Er denkt sich den Film als Oxymoron einer „optimistischen Tragödie“. Dies aussprechend, fällt sein Blick auf das Graffiti eines Zitats des Nationalisten Massimo d’Azeglio: „Fatta l’Italia, bisogna fare gli italiani“.

Ordo und Chaos treffen sich in Geschichten, die nie auserzählt sein werden. Mit dem, was Poladjan ihren Charakteren in den Mund legt, kommentiert sie ihren eigenen Roman. „Vielleicht müssen Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, wir müssen sie nur weiterleben und weitertragen“, so Veras Meinung zu Elis preisgekröntem Kurzfilm. Eli hingegen behauptet, dass er alle geplanten Episoden gleichzeitig gesehen habe. „Ich wollte alles auf einmal sagen, blieb aber stumm, denn meine Gedanken überlagerten sich wie ein Film, dessen Einzelbilder alle gleichzeitig auf die Leinwand projiziert werden“. Mit der Unendlichkeit der Geschichte kontrastiert die Pflicht zur Kürzung, bis nur noch das Wesentliche übrig ist. 24 Drehbuchfassungen habe er für seinen Film entworfen, es sei „furchtbar kompliziert, genau das Richtige stehen zu lassen“.

Vor den wirkmächtigen Folien geschichtlicher Ereignisse einerseits und Kunst andererseits ist ein Roman entstanden, in dem eine heterodiegetische Stimme wahrzunehmen ist, die sich jeglichen Kommentars enthält, die neutral, einer Kamera gleich, dem fiktiven Regisseur folgt. Mit den für sie typischen surrealen Einsprengseln erzählt Poladjan am Ende eine alternative Version der Geschichte von Elis Vater: die Tante stürzt sich nicht ins Meer, sondern sie überlebt die Cholera, an der Großvater und Vater sterben.

Unterschiedliche Hypothesen zu dem, wie es gewesen sein könnte – kondensiert in den Begriffen predictive brain und Multiversionalität – implizieren laut dem Kognitionswissenschaftler und Germanisten Fritz Breithaupt die Meilensteine vielschichtiger Narrationen. Indem Poladjan Eli eine zweite Fassung seiner Geschichte simulieren lässt (die dann, würde man den Faden weiterspinnen, gar nicht seine wäre, sein vermuteter Vater wäre vor seiner Zeugung gestorben), gerinnt das Attribut predictive zu einer Art Zukunft in der Vergangenheit. Das Element des Prädiktiven umfasst das Retrospektive in einer Multiversionalität, die so lange Spannung garantiert, bis eine Version die Oberhand gewinnt. In Goldstrand indessen besteht die Spannung fort, denn es bleibt beim Uneindeutigen, bei einem Ende als Aufbruch und Signum permanenter Dynamik und existenzieller Queste. Als Eli im eisigen Wasser zu ertrinken droht, stößt er sich vom sandigen Grund ab und beginnt zu schwimmen. Die Bewegung zählt, das Ziel ist ungewiss: vielleicht dringt er vor zur Quelle seines Glaubens, so wie sein Nachname nahelegt – mag sein, dass er wie der erste bekannte Elias prophetisch unterwegs sein wird; mag sein, dass er sich weiterhin mit seinem jüngeren Selbst abarbeitet, unschwer in Paolo als Elis Doppelgänger zu identifizieren.

Wie Elia Fontana sprechen alle anderen Namen: Lew mit seinen Kindern Felix und Vera – Lew, der als „Herz“ oder „Löwe“ liebende Vater, Felix und Vera, deren Namen eher als Imperative des Unterwegsseins zu Formen des Glücks oder koexistierenden, miteinander konkurrierenden Facetten der Wahrheit zu begreifen sind. Elis Tochter wird nicht umsonst nach ihrer Großtante benannt. Der Dottoressa Malatesta wäre – wörtlich und wenig schmeichelhaft – ein „übler Verstand“ zu attestieren. Nicht besser macht es die Nähe des Namens Malatesta zu Dantes Inferno: Giovanni Malatesta ermordete seine Ehefrau Francesca. Ausgerechnet ihr Stiefbruder Paolo half ihm dabei.

Elis römische Großeltern sind Omero – Homer – und Giulia. Zu letzterer passt es, Omero als Anagramm von Romeo zu deuten.

Poladjan gefällt sich im indefiniten, im gleichermaßen seriösen und ludischen Jonglieren mit den Namen ihrer Figuren. Mehr als die erwähnten ist der Name Jenny, hergeleitet aus dem walisischen „Jennifer“, aussagekräftig. Er meint „weißer Meerschaum“ und „strahlende Schönheit“. Wen wundert es da noch, dass Jenny als „Schaumgeborene mit aufgeweichten Fingerkuppen den Fluten“ entsteigt. Sie war nur in der Badewanne – Botticellis Venus ist zur „Botticello-Venus“ geworden.

Eine grundsätzlich lexikalisch einfache Sprache mit meist parataktischen Satzgefügen, ab und an durchsetzt mit Akkumulationen oder Parallelismen, verleiht dem Text mit all seinen Evokationen, Allusionen und Zitaten sowie polyvalenten Symbolen eine solide Gestalt. Poladjans Symbole lassen sich kontextualisieren und rufen vielerlei Intertexte auf – ein Beispiel ist die Bar „Coniglio Bianco“, in der sowohl Lewis Carrolls „White Rabbit“ aus Alice in Wonderland als auch Italo Calvinos giftiges weißes Kaninchen aus Marcovaldo aufscheint –, punkten aber besonders mit Ergebnisoffenheit.

Über allen anderen Symbolen schwebt der titelgebende Goldstrand. Es ist ein real existierender Strand am Schwarzen Meer, dessen Gebäude irgendwo zwischen sozialistischem Erholungsheim und faschistischer KDF-Anlage zu verorten sind. Goldstrand insinuiert jedoch in erster Linie die Feier der Fantasie in allen Künsten, allen voran im Film, geografisch konkret in Cinecittà. Sogar ein Wortspiel mit dem medizinischen Begriff „Goldstandard“ lässt sich nicht ausschließen. Es ist nur ein kleiner Schritt vom Goldstrand zum Goldstandard Literatur, zur ästhetischen Dimensionierung der Existenz in unendlichen analytischen Diskursen.

„Ich öffne jeden Morgen die Augen und frage die Gegenwart des neuen Tages, was sie mir zu erzählen hat. Doch die Gegenwart antwortet mir nicht. Ich wende mich also von der Gegenwart ab und widme mich der Vergangenheit“. Dieses Dilemma schildert Eli seiner Analytikerin. Doch mit der Perspektive des epischen Präteritums, mit der Inspiration aus Vergangenem, offenbaren sich fiktionale Welten mit ihren multiversionalen Narrationen, so wie in Goldstrand. In einem intellektuell durchkomponierten, ob seines Bezugssystems mitunter arabesken, kontrastierend damit im besten Sinne sprachlich leichten Roman wirken Realismus und Surrealismus synergetisch in dem, was mit Hyperrealismus etikettiert werden könnte. Im Abseits dekorativen Blendwerks eröffnet sich den Leser:innen ein infiniter und faszinierender, manchmal enigmatischer semiotischer Möglichkeitsraum, in dem nicht zuletzt viele Aspekte italienischer Kultur gefeiert werden.

Titelbild

Katerina Poladjan: Goldstrand. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2025.
160 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783103971767

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