Hin und Her zwischen Geschichten

Ricarda Messners erinnert in „Wo der Name wohnt“ feinfühlig an ihre Großeltern und konfrontiert gleichzeitig die Leser*innen mit den Fakten der Judenvernichtung in Lettland

Von Lena Sophie VoßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lena Sophie Voß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ricarda Messners Romandebut Wo der Name wohnt spielt in Berlin, wo die Erzählerin des Textes direkt neben ihrer inzwischen verstorbenen Großmutter wohnt. Nachdem sie deren Wohnung aufgelöst hat, beginnt eine Suche nach den Erinnerungen ihrer Vorfahren. Mosaikartig trägt die Erzählerin die Erinnerungen ihrer Familienmitglieder zusammen. Das Lesen scheint ein Versuch zu sein, den mal unmethodischen, mal strukturierten Gedankenprozessen der Erzählerin zu folgen, die den vielfältigen Möglichkeiten von Erinnerung auf die Spur geht. Anhand von Gegenständen, Dokumenten und Gesprächen nähert sie sich den Großeltern immer wieder an. Auf dieser Suche in den Erinnerungen der beiden stößt die Erzählerin auf einen Text ihres Urgroßvaters sowie Zeugenberichte über Vorgänge der Judenvernichtung in Lettland, von der ein Teil ihrer Vorfahren betroffen waren. Das Hin und Her zwischen familiärer Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse und die Einordnung historischer Geschehnisse machen den Text besonders wirkungsvoll. Er berührt nicht nur durch die Erzählung einer individuellen Geschichte, sondern vermittelt vor allem einen wichtigen Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Die Erzählung beginnt damit, dass die Protagonistin Gegenstände aus der Wohnung der Großmutter heraussucht und zu einer Art Ausstellung zusammenstellt. Die Erzählerin benennt diesen Prozess selbst „Vergangenheitsinventur”, die sie im Laufe des Textes auf der Suche nach Gegenständen und durch das Lesen in den Archiven der Großmutter vornimmt.

Alles, was ich finden konnte, legte ich auf den Boden. Jetzt ist da diese Ausstellung in der Ecke. Sie gefällt mir gut. Vielleicht lasse ich sie eine Weile liegen.

Die Orte, Dokumente und Objekte werden zu materiellen Interaktionspartnern im Erinnerungsprozess. So wird nicht nur über sie erzählt, sondern durch sie. Anhand der Gegenstände erlebt die Erzählerin Situationen mit ihrer Großmutter wieder, spürt ihre Präsenz und entdeckt Gemeinsamkeiten zwischen ihnen.

Ich will ihr sagen, schau, dieses Vor und Zurück ist in mir geblieben, irgendwo, aber nicht in den Beinen, es versteckt sich zwischen den Geschichten, die mich hin- und herziehen.

Die enge Bindung zwischen Großmutter und Enkelin wird in ihren seltsamen Eigenheiten, aber vor allem auf eine sanfte Weise erzählt. Die Erzählerin schafft eine Nähe zum Leben der Großmutter, die beim Lesen vorstellbar wird. Die Frage, wodurch und wie nah man Personen sein kann, die verstorben sind, führt durch das gesamte Buch.

Je länger ich hierbleibe, desto mehr sorge ich mich, was die Nähe mit der Erinnerung macht, mit den Erinnerungen von nebenan, dass die fehlende Entfernung eine stille Falle ist, und in dieser Falle liegt der Glaube, solange ich hier wohne, nicht vergesse zu können und dass mir die Bilder bleiben […]

In kleineren Einschüben wird die erlebbare Erinnerung wiederholt hinterfragt. Damit werden dissonante Erzählungen vom Text nicht ausgehalten, sondern die Deutung der Protagonistin liefern eine mögliche Antwort. Die Zuverlässigkeit der erzählten Erinnerungen steht zur Frage, wenn die Mutter deutlich dazu auffordert, dass die Protagonistin ihr „keine Bilder über die Augen lesen“ soll. Die Erzählerin bemerkt oftmals Unterschiede zwischen den erzählten Erinnerungen der Großmutter und der Mutter. Sie begegnet dieser aber nicht mit Frust, sondern akzeptiert diese Vagheit als Eigenschaft im Prozess des Erinnerns. Damit weist der Text hinaus auf die Relevanz familiärer Erinnerung und deren schnelle Vergänglichkeit und bietet den Leser*innen die Möglichkeit die eigene Familiengeschichte zu reflektieren und das komplizierte Verhältnis zum Bewahren eines Menschenlebens anzunehmen.

Im Gegensatz dazu stehen Zeugenberichte, die den Hergang und die Ursache des Todes von Verwandten in kurzen Sätzen bezeugen können.

Ber Meister, Galina Raicin, Max Tukacier. Ich sage mir immer wieder ihre Namen auf, die Namen der Augen, die Worte für diese Taten gefunden haben, empfinde ein seltsames Gefühl der Dankbarkeit für diese genauen Bilder, verzweifele an diesen genauen Bildern.

Deutlich dokumentiert die Erzählerin durch weitere Zahlen die Auswirkungen der Judenverfolgung und -vernichtung in Lettland. Die Erzählerin trägt somit, wie Marianne Hirsch in ihrer Theorie Postmemory beschreibt, nicht nur die individuellen Erinnerungen der Familienmitglieder, sondern auch das kollektive und kulturelle Trauma in sich. Deutlich wird dies daran, dass die Protagonistin Verganges nicht nur erinnert, sondern es bildlich vorstellbar machen kann. Trotzdem befindet sie sich in einem steten Wechsel zwischen Annäherung und Entfernung.

Ich wollte den Nachnamen wieder tragen, sehnte mich nach ihm wie nach Großmutters Gesicht, das ich nicht mehr sehen würde.

Jedes Kapitel wird mit einem bürokratischen Satz abgeschlossen, der die Namensumänderung ablehnt. Die bürokratische Härte steht der zarten Erinnerung an die Großeltern: ihr Leid, ihre Flucht, ihre Zuneigung zur Protagonistin entgegen. Die Verbindung wird so durch die harsche Ablehnung der gewünschten Namensänderung ins Unsichtbare verbannt.

Ricarda Messner schafft es in ihrem Debütroman Wo der Name wohnt durch ihre feinfühlige Schreibweise die Erinnerungen an ihre Großeltern nicht nur zu erzählen, sondern vorstellbar zu machen und konfrontiert gleichzeitig die Leser*inner mit den Fakten der Judenvernichtung in Lettland. Hin und Her zwischen Geschichte und Erinnerung, die ineinander verwoben sind.

Titelbild

Ricarda Messner: Wo der Name wohnt. Roman | Über das, was von einer Familie bleibt.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
170 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432327

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