Für alle Jidadas

NoViolet Bulawayos „Glory“ ist ein abwechslungsreicher Roman über postkoloniale Wirklichkeit

Von Polina PonomarevaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Polina Ponomareva

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Neuentdeckung der Fabel 

Haben Sie schon einmal Animal Farm von George Orwell gelesen? Inspiriert von der Wendung der Russischen Revolution in eine vom Terror geprägte stalinistische Ära der Sowjetunion, verarbeitet Orwell in der Fabel die wichtigsten Themen seiner Zeit: den Kollaps der Ideale einer sozialistischen Revolution durch eine totalitäre politische Ordnung. Die Enttäuschung durch die Ideologien und eine neuerworbene Freiheit, die zugleich wieder verloren scheint, sind charakteristisch für den gesamteuropäischen Kontinent im 20. Jahrhundert. Gefühle, die leider auch heute nicht in allen Ländern vergessen sind. Besonders in den ehemaligen Kolonien. Mit ihrem zweiten Roman Glory greift NoViolet Bulawayo Orwells satirischen Ansatz und seine brillante Ironie auf eine moderne Weise auf. Darin hat sich die Autorin mit einer fabelhaften Darstellung der afrikanischen Diktatur in postkolonialen Verhältnissen der Entstehung der Diktaturen und dem Schicksal ihrer Heimat Simbabwe gewidmet.

Ähnlich wie bei Orwell’s Animal Farm wird in Glory eine Welt von anthropomorphisierten Tieren präsentiert, welche die Rolle der Menschen übernehmen. Im Gegensatz zu Animal Farm jedoch wird in diesem Roman komplett auf menschliche Charaktere verzichtet. Die Regierung des fiktiven afrikanischen Landes Jidada wird zunächst nur in sozialen Medien oder im privaten Raum kritisiert, bis es schließlich zu einem Aufstand der jahrzehntelang unterdrückten Tiere kommt. Bulawayo wirft nicht nur einen kritischen Blick auf die Geschichte ihrer Heimat Simbabwe, sondern beleuchtet auch globale Probleme wie Machtmissbrauch, eingeschränkte Meinungsfreiheit und die Rolle sozialer Medien im politischen Diskurs.

Der Missbrauch von Macht und das Leben in einer Diktatur stehen ganz allgemein im Zentrum von Bulawayos literarischen Äußerungen. Bereits kurz nach ihrem Studium schrieb sie Kurzgeschichten, die sich mit postkolonialen Machtverhältnissen in Afrika beschäftigen. In ihrem Debütroman We need New Names (2013) verarbeitet Bulawayo autobiografische Erfahrungen der Migration aus Simbabwe in die USA und thematisiert Fragen von Gerechtigkeit, Diskriminierung sowie eine Kindheit voller Sorgen und Unsicherheit. Für die prägnante Darstellung dieser Themen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Caine Prize for African Writing (2011), den National Book Award (2013) und den Hemingway Foundation PEN Award (2014).

Wenn der Befreier zum Besatzer wird

Der Roman beginnt  am Unabhängigkeitstag Jidadas mit einer Kundgebung. Die Demonstrierenden fordern den Rücktritt des alten Diktators (später sowohl als „Vater der Nation“ als auch als „altes Pferd“ bezeichnet) und die Befreiungvon Jidada. Doch dieses Mal soll nicht ein kolonialer Besatzer gestürzt werden, sondern der Befreier selbst. „Die Verteidiger der Nation“ (wie sich die Polizei in Jidada nennt) versuchen den Protest niederzuschlagen. Doch der Widerstand lebt weiter…

Die Darstellung dieser Repressionen verweist nicht nur auf postkoloniale Realität in Afrika, sondern auch auf autoritäre Strukturen weltweit: Frustration, Propaganda, Ohnmacht und Resignation sind universelle Erfahrungen. Damit wird Glory zu einem universellen Roman über das Verhältnis von Herrschendem und Beherrschten:

„Aber ich gehe nirgendwohin! Denn ich war vor fast vierzig Jahren Jidadas Oberhaupt, und ich war’s vor dreißig und vor zwanzig und vor zehn Jahren! Ich war gestern eurer Anführer, ich bin heute eurer Anführer, und wann werde ich es noch immer sein?“ forderte der Vater der Nation alle auf, indem er ein Ohr dem Platz zuwandte.

„Morgen und in alle Ewigkeit!!!“ Tosend bejubelte der ganze Platz die unendliche Regentschaft des Alten Pferdes.

Und Bulawayos Roman birgt auch Hoffnung. Hoffnung wird zu einem zentralen Thema im Text, die die Tiere von Jidada nicht aufgeben, weil sie einen Weg zu ihrer Befreiung zeigt. Glory zeigt den Übergang von Kolonie zur Diktatur bis hin zu einer Scheindemokratie mit gefälschten Wahlen. Die Frage der Unabhängigkeit, politisch und wirtschaftlich, ist zentral für ehemalige Kolonien. Kann ein befreites Land in den falschen Händen sein? „Der Vater der Nation“ stützt seine Legitimität auf den Befreiungskampf, eine politische Strategie, die allen bekannt ist. Die Abgrenzung von westlicher Wirtschaft, politischer Ordnung und Kultur wird dabei zum nationalen Mantra von Jidada. Protest wird als Verrat an der Revolution gewertet.

Und das schönste war, Genossen, dass wir taten, was zu tun war, ohne dass sich einer eingemischt hat. Nicht die Briten. Nicht die USA. Nicht unsere Nachbarn. Nicht mal die UN. Ganz so, wie es sich gehört – ich meine, welche Nation wurde jemals ohne Blutvergießen geboren?

Politische Multiperspektivität im Rahmen der literarischen Form

Glory kann auf viele Arten gelesen werden. Eine davon: Das Buch ist eine satirische Darstellung des Sturzes von Robert Mugabe, der jahrelang Simbabwes Herrscher war. Der Putsch fand im Jahr 2017 statt und der darauffolgende Aufstieg des Vizepräsidenten Emmerson Mnangagwa wird im Roman durch die Figur des Pferdes Tuvy (das nach der Herrschaft des „alten Pferdes“ an die Macht kommt) verarbeitet. Bemerkenswert ist, dass Bulawayo zwei gleiche Tiere für die Bezeichnung zweier verschiedener Herrscher einführt. Dieser Wechsel von einem Pferd zum anderen scheint eine Ironie über die Unmöglichkeit jeglicher Veränderung in einer Diktatur zu sein: An den Platz eines Diktators tritt ein anderer – egal ob es sich um fiktive Pferde oder reale politische Persönlichkeiten handelt. Tuvys einzige Sorge scheint es zu sein, wie man noch mehr Kredite aufnehmen kann, bevor Jidada von der ganzen Welt sanktioniert und isoliert wird. In seiner Regierungszeit leidet das Land an Schulden, Arbeitslosigkeit und Korruption.

Der Roman fordert Leserinnen und Leser dazu auf, sich selbstständig mit dem Text auseinanderzusetzen, zum Beispiel durch die Verwendung fremdsprachiger Begriffe oder politischer Anspielungen. Das mag zunächst abschrecken, doch empfiehlt es sich, sich ganz und geduldig dem Text hinzugeben. Wörter wie „tholukuthi“ entfalten ihre Bedeutung im Laufe der Geschichte, drücken Erstaunen oder Ironie aus und scheinen Teil eines literarischen Experiments zu sein, das Lesende in die Welt von Jidada hineinzieht.

Und es bleibt in jeder Hinsicht abwechslungsreich: Bulawayo lässt zahlreiche Bewohner von Jidada sprechen, ohne die einzelnen Figuren vorher einzuführen, mischt Erzählformen und Perspektiven.. Die Bevölkerungsstimmen erscheinen in Form von Social-Media-Kommentaren oder Internetbeiträgen. Verschiedene politische Lager kommen mit seitenlangen Meinungsäußerungen zu Wort. Digitale Räume schaffen die Wege der scheinbaren Meinungsfreiheit in einer Diktatur. Obwohl im Text immer wieder Beiträge und Kommentare von unzufriedenen Tieren zu lesen sind, bleibt die Frage offen, inwieweit diese Tiere in Jidada wohnen und eine Art Opposition darstellen, oder es sich um eine Illusion der Meinungsfreiheit konstruiert durch die Regierung handelt. Auch stilistisch überrascht der Roman immer wieder. Eine Seite, die nur aus „I can’t breathe“ besteht, zwingt zum Innehalten. An der Stelle geht Bulawayo offensichtlich über die Grenzen ihres Heimatlandes und damit auch dem fiktiven Jidada hinweg. Ob es sich um einen Bezug zum Fall von George Floyd handelt, kann nur spekuliert werden. Mit Sicherheit aber zeigt die Autorin ihre interkulturelle Perspektive auf ungerechte Ereignisse nicht nur in Afrika, sondern auch in ihrer zweiten Heimat, den USA.

Hoffnung auf Befreiung

Auch zum Ende bleibt der Roman von Bulawayo inhaltlich sowie stilistisch stark:

Wenn die, die Bescheid wissen, sagen, die Kolonialmächte hätten Afrika zwar die Unabhängigkeit, nicht aber die Freiheit gegeben, tholukuthi meinen sie damit, die Kolonialmächte hätten Afrika zwar die Unabhängigkeit, nicht aber die Freiheit gegeben.

Das Zitat lässt sich nicht beim ersten Lesen verstehen und wird in seiner Besonderheit erst später aufblühen. Eine/r mag denken, es sei ein Tippfehler im Druck oder im Manuskript, andere/r, dass er oder sie nicht aufmerksam gelesen habe. Erst später stellen Lesende fest, dass die Kolonialmächte Afrika zwar die Unabhängigkeit, nicht aber die Freiheit gegeben hätten. Und diese Aussage lässt Bulawayo nicht nur durch eine Wiederholung, die in den letzten Passagen des Buches einen Verstärkungseffekt erzeugt, sondern im ganzen Text auftauchen. Das ist ein Problem, worüber zu wenig gesprochen wird, das aber unbedingt diskutiert werden soll. Und zu dieser Diskussion lädt die Autorin alle Lesenden ihres Buches ein.

Ob sich die Tiere von Jidada am Ende befreien und aus den Diktator-Revolution-Zirkel ausbrechen können, bleibt offen. Doch Bulawayo deutet ein ermutigendes Ende an – nicht nur für Jidada, sondern für ganz Afrika.

 

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2025 entstanden sind und gesammelt in der Oktoberausgabe 2025 erscheinen.

Titelbild

NoViolet Bulawayo: Glory. Roman.
Aus dem Englischen von Jan Schönherr.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2023.
460 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783518431047

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch