Pandämonium ‚Führerbunker‘
Felix Bohr entdeckt in „Vor dem Untergang“ die Ruinen der „Wolfsschanze“ als gewichtigen Täter- und Tatort des Dritten Reiches
Von Heribert Hoven
Nachdem Hitlers letzte Stunden und damit der Untergang seines „tausendjährigen Reiches“ ausführlich dokumentiert, besprochen und sogar bespielt worden sind, kommen nun also die vorletzten Stunden „vor dem Untergang“ in einer Monographie zur Sprache. Diese ziehen sich allerdings erheblich in die Länge und sind darüber hinaus von dem Autor präzise verortet, nämlich in Hitlers „Führerhauptquartier Wolfsschanze“ in der Nähe des ostpreußischen Ortes Rastenburg, heute Ketrzyn. Hier verbrachte der Diktator mit seiner umfangreichen Entourage „über achthundert Tage“ seiner Herrschaft, nämlich vom Sommer 1941 bis zu seinem endgültigen Abzug im Herbst 1944, nur unterbrochen von sporadischen Aufenthalten anderenorts.
Es ist Bohrs zentrales Anliegen, die sogenannte „Wolfsschanze“ vom alleinigen und bekannten Fokus auf den 20. Juli 1944 (das missglückte Attentat des Obersten Stauffenberg) zu befreien und die gewaltige Ruinenstadt zu einem zentralen „Täterort“ zu machen, wo die „Fäden des 3. Reiches zusammenliefen.“ Tatsächlich wurde das „Führerhauptquartier“ im Görlitzer Wald schon kurz nach Kriegsbeginn im September 1939 geplant und dann sofort beim Überfall auf die Sowjetunion zwei Jahre später in Betrieb genommen. Hier wurde, folgt man dem Autor, die Eroberung von Lebensraum im Osten geplant und vorangetrieben und der Holocaust befohlen. Beteiligt an diesen Jahrhundertverbrechen waren nicht allein der Diktator – der allerdings eine Schlüsselrolle spielte – sondern alle „Größen“ des Regimes. Mehrere Karten verdeutlichen im Buch die Lage und die ausgedehnten Unterkünfte dieser Mordzentrale.
Die Entwicklung von der siegreichen Anfangsphase des 2. Weltkrieges bis zur Wende und zum Ende ist von den Historikern wie kaum ein zweites Ereignis erforscht und beschrieben worden. In der heutigen Zeit, in der wieder zunehmend Persönlichkeiten als Agitatoren der Geschichte wahrgenommen werden, ist es kein Zufall, wenn sich das Interesse auch erneut auf die Person Hitlers konzentriert. Und wenn man überdies festzustellen glaubt, dass und wie ein Ort die Eigenschaften und Handlungen einer Person zu prägen scheint, dann stößt dies sicher auf die Aufmerksamkeit des Publikums.
Das Buch setzt ein mit einem „Prolog“. Dieser erfüllt bereits weitgehend das, was man von einer gut recherchierten Reportage, zum Beispiel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, wo der Autor beruflich beheimatet ist, verlangen könnte: Ein persönlicher Zugang („Mücken surren an meinem Ohr vorbei.“), nahe an den Menschen und Orten des Geschehens, griffig formuliert, reich bebildert und mit Engagement für ein sinnvolles Anliegen. Dabei will und kann es Bohr jedoch nicht belassen. Er muss die Zeit und besonders den Raum „vor dem Untergang“ mit prallem Leben füllen. So gelangt er im folglich erweiterten Rahmen seiner Darstellung immerhin zu derart geschichtsträchtigen Themen wie „Ankunft, Aufbau, Weihnachten, Geburtstag, Morgens, Mittags, Abends, Teestunde, Flurfunk“ und dergleichen. Hierzu werden nicht nur die Einschätzungen und Analysen anerkannter Historiker, wie Götz Aly, Eckart Conze, Ulrich Herbert, Helmut Heiber, Ian Kershaw oder Peter Longerich herangezogen, um nur einige zu nennen. Denn vor allem die Erinnerungen von Zeitzeugen sollen Leben ins Bild bringen, haben es aber durchaus in sich. Besonders ausführlich kommen notorisch fragwürdige Memorabilien zu Wort, vom Wachposten bis zum General(feldmarschall), Minister (Speer und seine lückenhaften „Erinnerungen“, Goebbels und sein Lügen-Tagebuch) sowie diverse Bedienstete, vom Adjutanten, Kammerdiener, Arzt bis zur Sekretärin. Ihre Ausführungen sind in der Regel Schutzbehauptungen, häufig treuherzig und immer völlig widersprüchlich. Insgesamt bestätigen sie so die Rolle des Diktators als ideale Projektionsfläche für schier uferlose Heilserwartungen. Die dem Gefreiten Hitler oft auch von militärischen Spitzenakteuren unterstellten „Kenntnisse über Kriegstechnik und operative Möglichkeiten“ (Manstein) überdecken dabei lediglich die eigene Beschränktheit und das persönliche Versagen. Die meterdicken Betonmauern und diverse Sperrbezirke bewirkten, so will es der Autor sehen, eine Abschottung, die den erratischen Entscheidungsträger immer weiter von der Realität entfernte und letztlich zum „Untergang“ beitrug. Dass ihm hierbei so viele folgten, dieser Umstand verrät bis heute die Spielregeln jeder Diktatur. Fakten werden geleugnet, Intrigantentum, Dummheit und Narrentum hingegen gefördert. Autosuggestion wird auf die Spitze getrieben. Entgegen aller Verharmlosung kann die Autokratie, das lehrt die Geschichte, durchaus und fast immer mörderisch werden.
Leider bleibt Bohr, bedingt durch seine Quellen, oft sehr menschelnd und im Anekdotischen. So hat man beinahe den Eindruck, als sei der nette Herr Hitler durch die Mückenplage in den masurischen Seen in seine wahnsinnigen und berserkerhaften Aktionen getrieben worden. Denn: „Die schwülheißen Sommertage (…) setzten ihm zu.“ Einen Soldaten, dem es nicht gelang, den „Führer“ vor einem Mückenangriff zu schützen, ließ dieser, so berichtet es Bohr, an die Ostfront versetzen. Entlassen wurde auch ein Koch, der dem vegetarischen Diktator mitunter Schweinefett ins Essen schmuggelte.
Diese bunte und durchaus unterhaltsame Mischung aus historischer Analyse, Schulbuchweisheiten und Stimmen einer monströsen Alltäglichkeit führt nebenbei zu einer etwas eigenartigen Zitierweise. So werden Äußerungen bisweilen direkt belegt, wie es korrekt ist, oder aber es wird am Ende eines Abschnitts pauschal auf mehrere Quellen verwiesen.
Als Fazit ist festzuhalten: Heute, das hat Bohr vor Ort ermittelt, „lässt sich die historische Anlage des Führerhauptquartiers nur mithilfe einer Karte ermitteln.“ Weil man sich hier in der Nachkriegszeit verständlicherweise zunächst von allem Deutschen distanzieren wollte, wurden die Bunkerruinen, die manchen Besucher an ein Mausoleum erinnerten, dem Verfall überlassen beziehungsweise jüngst als „Touristenattraktion“ mit Gasthof und Campingplatz beworben. Wenn sich die Bundesrepublik also einmal mit dem Nachbarn Polen einigen könnte, so wäre es denkbar, nicht nur in Berlin ein Zentrum für Flucht und Vertreibung zu betreiben, sondern, dafür plädiert der Autor im „Epilog“, auch eine gemeinsame und angemessene Gedenkstätte an dem Ort zu pflegen, wo all dies ganz wesentlich seinen Ausgangspunkt gefunden hat.
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