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Was weiß Science-Fiction über die Zukunft unserer Arbeit?

Peter Seyferth und Falko Blumenthal zeigen mit ihrem Sammelband zu „Science Fiction und Labour Fiction“ nahe und ferne Szenarien auf

Von Nina HahneRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nina Hahne

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine ungewöhnliche Konstellation

Dass es bei diesem Band um mehr als einen rein wissenschaftlichen Zugang zum Thema geht, wird bereits deutlich, wenn man das Buch aufschlägt: Die Förderung durch Mittel der politischen Bildung der IG Metall München und der OPEN Library Politikwissenschaft für die Open-Access-Publikation verrät sein konkretes Anliegen, die Gestaltbarkeit unserer Arbeitswirklichkeit in den Blick zu rücken. „Wir müssen in der Science Fiction heimisch werden“, so fassen es die Herausgeber in ihrer Einleitung zusammen und begreifen sowohl das Genre selbst als auch ihr Buch als „eine Inspirationsquelle für fantasievolle Kritik im Handgemenge und für Kreativität auf dem Weg zur solidarischen Gegenmacht“ im Arbeitskampf.

Diese ungewöhnliche Konstellation spiegelt sich auch in den beruflichen Hintergründen des Herausgeberduos wider: Falko Blumenthal ist Politikwissenschaftler und politischer Sekretär in der IG Metall München. Peter Seyferth ist Dozent für Politische Theorie und Politische Ideengeschichte an der Hochschule Fresenius und spezialisiert auf die Erforschung anarchistischer Utopien. Ihr gemeinsamer Sammelband dokumentiert die Ergebnisse zweier Workshops in den Jahren 2021 und 2023 zu „Science Fiction & Science Labour“, die in der Volkssternwarte München abgehalten wurden. Aufgeteilt ist er in die drei Sektionen Zukunftsorientierte Analyse der SF, Klassenkampf in der SF und Andere Systeme in der SF.

Gleich zu Anfang erläutern die Herausgeber, warum gerade das Genre Science-Fiction besonders lohnend ist, um die Darstellung von Arbeit und Arbeitskämpfen darin zu untersuchen. Durch die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen, die mit der Einführung digitaler Technologien einhergehen, erscheine die Gegenwart selbst bereits als Science-Fiction. Wenn es noch ein Genre gebe, das mit diesen Entwicklungen Schritt halten und ihnen vielleicht sogar einen Schritt voraus sein könne, dann sei es die „wissenschaftliche Fantastik“, die bestehende Entwicklungen weiterdenke und ihre möglichen Auswirkungen narrativ durchspiele. Wenn es dabei insbesondere um die Darstellung zukünftigen Arbeitens geht, dann sollte man dieses Subgenre nach Meinung der Hausgeber als „labour fiction“ bezeichnen, um seinen Gehalt und seine narrativen Strategien intermedial vergleichbar und für die Gewerkschaftsarbeit nutzbar zu machen. Ein konkretes Beispiel für Labour-Fiction bietet dann auch die Kurzgeschichte Hand, Herz und Hose von Theresa Hannig, die den wissenschaftlichen Beiträgen des Bandes vorangestellt ist.

Darüber hinaus begreifen die Herausgeber Science-Fiction vor allem als ein politisches Genre, da die Legitimation von Macht in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts in besonderem Maße durch die (narrative) Kontrolle der Zukunft, eine „Herrschaft der Prognose“ geprägt sei. Aus diesem Kontext ergebe sich eine Verpflichtung demokratischer Akteure – von der Politikwissenschaft, über Bildungseinrichtungen bis zu den Beschäftigten selbst – die Science-Fiction in ihr politisches Denken und in ihre Bildungsarbeit zu integrieren.

Nahe und ferne Szenarien

Der Band berücksichtigt Science-Fiction in der Literatur, in Filmen und Serien, und in Videospielen. Neben der Untersuchung einzelner Werke gibt es Beiträge, die das theoretische Potenzial von Science-Fiction ergründen oder besonders vielversprechende methodische Zugänge zum Genre aufzeigen. Im Folgenden werden drei – aus Sicht der Verfasserin besonders interessante – der insgesamt zwölf Beiträge genauer vorgestellt.

In Sektion Eins plädieren Markus May (Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der LMU München) und Jan Oliver Schwarz (Professor für Strategic Foresight & Trend Analysis am Bayerischen Foresight-Institut der Technischen Hochschule Ingolstadt) in ihrem Beitrag FOREXSCIFI – Foresight auf der Basis von Science Fiction für die gezielte Nutzung des literarischen Genres als Innovationspool. Da Science-Fiction-Literatur technische, soziale und politische Szenarien entwerfe, die vermittels der Populärkultur oftmals die Realität beeinflussten, könne man diese mit geeigneten algorithmischen Verfahren auswerten und potenzielle Innovationen einer breiteren Öffentlichkeit oder geeigneten Organisationen näherbringen. Die Verfasser stellen ihr interdisziplinäres Digital-Humanities-Projekt vor, das mit Hilfe des distant reading auf der Basis algorithmisch erfassbarer Merkmale von Science-Fiction größere Textkorpora erschließen und auf das darin enthaltene Innovative hin abklopfen will. Ebenfalls miteingeschlossen werden soll eine Risikoabschätzung dieser Innovationen auf der Basis ihrer gesamtgesellschaftlichen Folgen, die in den untersuchten Texten in einem komplexen narrativen Gesamtzusammenhang ausgehandelt werden.

Wie die Verschränkung von automatisiertem „Abernten“ von innovativen Ideen und die Auswertung ihrer Risiken genau vonstattengehen soll, wird allerdings nicht weiter erläutert. Damit wirft das spannende Projekt aus literaturwissenschaftlicher Sicht zumindest auch ethische Fragen auf. Zwar betonen die Verfasser, dass ihre Ergebnisse Gewerkschaften und sozialen Organisationen zugutekommen können, um diese innovationstechnisch zu informieren und auf Augenhöhe mit privatwirtschaftlichen Unternehmen im Technikbereich zu stellen – doch wird der Adressatenkreis des Projekts nicht eindeutig auf solche Organisationen eingeschränkt. Betont wird zudem, dass Science-Fiction-Literatur durch Komplexität gekennzeichnet sei. Trotzdem fehlt eine Erklärung, wie das Projekt dieser Komplexität mit Hilfe automatisierter Textanalyse gerecht werden oder eine detaillierte hermeneutische Einzeltextanalyse integrieren will, die auch intertextuelle Aspekte und indirekte Ausdrucksformen wie Ironie oder gezielte Auslassungen berücksichtigen kann. Da Kontexteinbettung jedoch als Ziel des Projektes explizit benannt wird, bleibt anzunehmen, dass Texte hier nicht als bloße Pools technischer Innovation präsentiert werden und potenzielle negative Folgen ebenfalls Berücksichtigung finden.

In Sektion Zwei untersucht Maurice Schuhmann (promovierter Politikwissenschaftler und Philosoph) die Darstellung von Arbeitskampf und Gewerkschaft(en) in Bernhard Kellermanns Science-Fiction-Roman Der Tunnel (1913). Dieser international außerordentlich erfolgreiche Roman, der 1933 mit Gustav Gründgens in der Hauptrolle verfilmt wurde, schildert die Umsetzung eines utopischen transatlantischen Tunnelbauprojekts zwischen Europa und den USA.  Kellermann konzentriert sich dabei nach Schumann auf die Darstellung des Kontrastes zwischen dem unbedingten Willen des Ingenieurs Mac Allan, sein Projekt mit allen Mitteln zu realisieren, und einer Reihe katastrophaler Ereignisse, die die Fertigstellung verzögern, unter anderem persönliche und ökonomische Tragödien, aber auch zwei größere Streiks. Diese gingen von den Arbeiter:innen selbst aus, liefen jedoch unberechenbar wie Naturkatastrophen ab, nicht wie rational geplante Instrumente eines zielgerichteten Arbeitskampfes. Im Vergleich mit thematisch ähnlichen Werken wie Émile Zolas Germinal (1885) und Ayn Rands Atlas wirft die Welt ab (1957) zeigt Schuhmann Widersprüche in dem Werk des kommunistischen Autors Kellermann auf: Während Der Tunnel einerseits eindringlich den Kampf zwischen Arbeit und Kapital auf einer übergeordneten, massenpsychologischen Ebene abbilde, erscheine der Streik andererseits lediglich als ein Hemmnis des technischen Fortschritts, nicht als humanitärer Aufruf für bessere Arbeitsbedingungen oder als Ausdruck eines konkreten Anliegens. Schuhmann hält dazu fest: „[D]ie gewerkschaftsfeindlichen Positionen stehen konträr zur politischen Haltung des Autors.“ Auch in der DDR sei der Roman vor allem als technische Utopie rezipiert worden. Erklärbar könnte dieser Umstand damit sein, dass es sich bei dem Werk primär um einen Unterhaltungsroman handelte, der auf möglichst große Breitenwirksamkeit zugeschnitten war.

Anderen Systemen in der Science-Fiction gehen Maja Hoffmann (Doktorandin an der Wirtschaftsuniversität Wien) und Herausgeber Peter Seyferth in ihrem Beitrag zu Postwork San Francisco 2157 in Sektion Drei nach. Untersuchungsgegenstand ist Chris Carlssons 2024 veröffentlichter Roman After the Deluge (Nach der Sintflut). Carlsson, Geschichtsprofessor und Aktivist, habe den Begriff „Nowtopia“ geprägt, eine Verbindung der Wörter „now“ und „utopia“. Es gehe ihm dabei um „die Selbstbefreiung der Arbeiter:innenklasse durch eine Vielzahl selbstbestimmter Lebens- und Arbeitsweisen außerhalb der Lohnarbeit“. Ziel sei eine klassenlose Gesellschaft ohne Lohnarbeit. In Carlssons Roman werde eine entsprechende Utopie, die auf ökologischen Prinzipien basiere, im San Francisco des Jahres 2157 verortet. Dieser gehe es vor allem um eine Aufhebung der Entfremdung zwischen Menschen und ihrer Umwelt beziehungsweise ihren Produkten. Die Autor:innen beschreiben das Wirtschaftsmodell des Romans als eine „anarchistisch-kommunistische Geschenkökonomie“, eine dezentrale, geldlose Gesellschaft, die über das gemeinschaftliche Teilen von Ressourcen sowie (individuelle und kommunale) Selbstversorgung funktioniere. Carlsson entwerfe eine Welt, in der Arbeit vollständig freiwillig sei, man jedoch sicher sein könne, stets Freiwillige sowohl für einfache als auch für anspruchsvolle Arbeit zu finden. Einzelne Individuen seien nicht an bestimmte Tätigkeiten gebunden, sondern könnten diese nach Belieben wechseln. Das individuelle Arbeitsvolumen sei in Carlssons Roman sehr viel niedriger als in unserer realen Gegenwart.

Fazit

Peter Seyferth und Falko Blumenthal haben einen informativen Band vorgelegt, dessen Lektüre sich für alle lohnt, die über die Zukunft der Arbeit nachdenken möchten oder sich für die Darstellung alternativer Arbeitsmodelle in der Science-Fiction interessieren. Dabei ist festzuhalten, dass einige Beiträge eher locker im thematischen Einflussbereich des Bandes kreisen, während andere auch dem Anliegen der Herausgeber entsprechen, insbesondere der Darstellung von Arbeitskämpfen in der Science-Fiction nachzugehen.

Die Lektüre von Science Fiction und Labour Fiction provoziert den Eindruck, dass Science-Fiction sich offenbar häufig mit einer vereinfachten Darstellung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und historischer Zusammenhänge begnügt, wenn es um die Darstellung der Zukunft der Arbeit geht (wie etwa im Fall der Abschaffung der Lohnarbeit in Star Trek). In den im Band behandelten Beispielen werden grundlegende Probleme wie Armut oder Lohnarbeit oft einfach als ‚gelöst‘ und daher nicht mehr relevant beschrieben, ohne zu erklären, wie sie gelöst werden konnten. Manche Werke verstricken sich auch in logische Widersprüche, um ein bestimmtes utopisches Narrativ ungebrochen verfolgen zu können. Gerade aus diesen Inkongruenzen ergibt sich jedoch ein Möglichkeitsraum, in dem die Rezipient:innen weiter- und neudenken können, wenn es um die Zukunft ihrer Arbeit geht. Eine fertige Handlungsanweisung werden sie in der Science-Fiction nicht finden.

Titelbild

Peter Seyferth / Falko Blumenthal (Hg.): Science Fiction und Labour Fiction. Zukunftsvorstellungen von Arbeit und Arbeitskämpfen.
Transcript Verlag, Bielefeld 2025.
313 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-13: 9783837670677

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