Alle Wege führen ins Land der Liebe – oder eben doch nicht
Stefan Tomasek zeigt die postmodern schwer verständliche Zerrissenheit zwischen Pflichterfüllung und Selbstverwirklichung anhand von „Untersuchungen zur Kreuzzugslyrik des zwölften Jahrhunderts“ auf
Von Jörg Füllgrabe
Merkwürdig ist bisweilen, wie zumindest phänotypisch Ähnliches immer wieder an Aktualität zu gewinnen scheint. So wird das Dilemma zwischen (All-)Gemeinwohl und Selbst gerade aktuell vornehmlich hinsichtlich der vielzitierten Work-Life-Balance diskutiert (von der Kriegstüchtigkeit soll an dieser Stelle, obwohl das Thema dem mittelalterlichen literarischen Topos wohl sogar näherstünde, nicht die Rede sein). Dabei wird diese vornehmlich unter dem Gegensatz von Egoismus und Pflichterfüllung wahrgenommen. Es ist allerdings kaum davon auszugehen, dass sich hieraus, abgesehen von der Thematisierung in einigen Coming-of-Age-Romanen, eine eigene literarische Gattung entwickeln wird. Dies war indes im Mittelalter ganz anders, und diese Entwicklung ist das Thema der vorliegenden Publikation.
Minne, lȃ mich vri behandelt eben diese innere Konfliktsituation respektive ihre literarische Darstellung und Bewältigung. Dabei gibt es einen Faktor, der dem Buch eine besondere Note verleiht: Es handelt sich um die durch einen Verlag betreute Veröffentlichung der Dissertationsarbeit von Stefan Tomasek, die bereits 2010 „maschinenschriftlich publiziert“ wurde und somit erst 15 Jahre nach ihrer Entstehung – aktualisiert und um ein Kapitel erweitert – einem größeren Publikum zugänglich gemacht wird. Das allein wirkt, da gewissermaßen aus der Zeit gefallen, bereits so anders, dass es neugierig macht auf das, was die mittelalterlichen Schöpfer dieser Texte intendierten und was Tomasek zum ewigen „fight for love and glory“ zu sagen haben mag.
Dass Kreuzzugslyrik ‚irgendwie‘ mit dem Phänomen der Kreuzzüge zu tun haben muss, ist klar. Vielleicht weniger bekannt ist der Umstand, dass es sich nicht um martialische Erfolgsdichtung zum Lobpreis blutrünstiger Schlachtenhelden handelt, sondern dass hier eher innere Konflikte verhandelt werden. Die Bezugnahme auf das titelgebende historische Thema ist vorhanden, es geht jedoch um den bereits aus der eigentlichen Minnedichtung bekannten und dort zentralen Aspekt des Abschieds von der verehrten und geliebten (Minne-)Herrin, der aus verschiedenen Gründen genommen werden muss. Können diese allgemein gehalten und dabei auch privater Natur sein, verdichtet sich das in der Kreuzzugslyrik auf einen, den wesentlichsten Anlass: die Teilnahme des liebenden Dichter-Sängers an einem Kreuzzug.
Wo der Minnesang der – gleichgültig ob fiktiv-imaginierend oder real-absolut empfundenen – ausschließlichen Verehrung verpflichtet ist, also einer monopolaren Ausrichtung folgt, wird die Kreuzzugslyrik bipolar, der leidend agierende und dichtende Mensch wird in das Spannungsfeld zwischen irdischer und himmlischer Liebe gestellt. Denn so wie bereits die weltliche Liebe – im literarischen Idealfall zumindest – Absolutheit einfordert, gilt das erst recht für die Liebe zu Gott, die in einer religiös strukturierten Gesellschaftsordnung sogar notwendigerweise über die erstere gestellt werden muss. So stehen in der Kreuzzugslyrik zwei Pflichten in Konkurrenz miteinander; dort der im Minnesang absolut gesetzte Minnedienst der verehrten Dame gegenüber, hier die nicht allein aus der klerikalen Perspektive mindestens ebenso verbindliche Verpflichtung des geleisteten Kreuzzugsgelübdes zu diesem Dienst an Gott. Eigentlich sind die Rahmen so gesetzt, dass das religiöse Motiv obsiegen sollte, und dennoch tun sich Brüche auf. Diese werden von Tomasek nach sprachlichen und formalen Kriterien ausgewertet.
Die Untersuchung beginnt im Rahmen der Einleitung mit einem Blick auf die Forschungsgeschichte. Dabei wird überraschend deutlich gemacht, dass die anhand der theoretischen Kriterien wie etwa des ‚Pflichtendualismus‘ naheliegende Definition der beiden literarischen Gattungen keineswegs so unumstritten ist, wie es der reine theoretische Metablick nahelegt. Tomasek greift hierbei auch die Frage auf, ob die Kreuzzugsdichtung eine eigenständige Gattung ist und sich tatsächlich fundamental von der Minnelyrik abhebt. Weiterhin werden Textgrundlage, Begriffsbestimmung und Überlieferungssituation thematisiert.
Die weiterführenden Betrachtungen erfolgen unter den Überschriften „Referenzstrukturen“ und „Argumentationsstrukturen“, denen ein mit „Abschiedsmotiv“ betitelter Abschnitt folgt. Dieser bezieht sich explizit auf das Kernelement der Kreuzzugsdichtung, den durch das Antreten des Kreuzzugs notwendigen Abschied von der Geliebten. Mit dieser Klimax wäre – oder war es in der ursprünglichen Arbeit – sowohl Höhe- als auch Endpunkt der Untersuchung verbunden gewesen, aber der Text wurde ja für die Veröffentlichung ergänzt und erweitert. Diese Erweiterung findet sich als fünftes Kapitel unter dem Titel „Schlussbetrachtungen und spätere Texte“ und ist die vielleicht auffälligste Schwachstelle des Buches. Nicht weil die Erweiterungen der einbezogenen Texte etwa misslungen wären, sondern weil eine solch umfassende Ergänzung notwendigerweise den organischen Fluss der Argumentationen und Schlussfolgerungen in Turbulenzen bringt.
Wie unter der Betitelung „Referenzstrukturen“ nicht anders zu erwarten, hebt das Großkapitel mit methodischen (Vor-)Überlegungen an, in denen teilweise die bereits in der Einleitung formulierten Aspekte aufgegriffen, hier aber vertiefend dargestellt werden. So werden Referenzobjekte, aber auch Referenzstrukturen angeführt, sodass damit etwa begründet werden kann, die Untersuchung über den allgemein als Kreuzzugslyrik definierten Textbestand hinaus zu erweitern, was der differenzierten oder vielleicht besser differenzierenden Herangehensweise des Verfassers an dieses literarische Phänomen entspricht und somit hilft, neue Blickwinkel aufzuzeigen.
Dabei bezieht der Verfasser sich – zwar nicht ausschließlich, aber doch ganz prominent anhand der Texte Friedrichs von Hausen – auf die sogenannte Rheinische Kreuzzugslyrik des ausgehenden 12. Jahrhunderts, also gewissermaßen die Phase auch der zunächst und lediglich temporär erfolgreichen ‚Hochzeit‘ der europäisch-christlichen Kriegszüge ins Heilige Land. Entsprechend werden die vier Kategorien ‚Person(en)‘, ‚Ort(e), ‚Ereignis(se)‘ sowie ‚Zeit(en)‘ als Parameter vorgestellt und als Werkzeuge der Untersuchung der herangezogenen Texte verwendet. In diesem Zusammenhang ist es ein kleiner Schönheitsfehler, dass drei dieser Kategorien lateinisch übertitelt sind, während „Ereignisse“ genau so ausgewiesen sind. Wichtig hingegen ist, dass der Verfasser überzeugend die in den Texten vertretenen Unterschiede in den zugrunde gelegten Parametern aufzeigt, die gleichwohl im Kern die Verbindlichkeit einer grundlegenden Gemeinsamkeit transportieren. Und es wird auch die Fiktionalität dieser Dichtungsgattung deutlich gemacht, denn obgleich der thematische Rahmen klar vorgegeben ist und es dabei doch naheläge, Dichtung und Wahrheit zusammenzubringen, taucht keine der prominenten historischen Persönlichkeiten aus der Zeit der Kreuzzüge in den jeweiligen Dichtungen auf. Die konkreten Ausgangssituationen der jeweiligen Texte sind demnach trotz der grundsätzlichen Berücksichtigung historischer Erfahrung rein fiktional.
Dem geschuldet befasst sich der zweite Themenblock mit „Argumentationsstrukturen“ innerhalb der entsprechenden Dichtungen, wobei Tomasek auch wieder auf die Forschungsgeschichte zurückgreift und in diesem Zusammenhang Untersuchungen bereits auch aus dem 19. Jahrhundert miteinbezieht. Wesentlich ist hier zunächst der Blick auf die überlieferten Quellen zur Kreuzzugswerbung, die gerade für sowohl die historische als auch topographische Konstellation der Rheinischen Kreuzzugslyrik einen validen Referenzblock bieten sollten.
Obgleich der Verfasser die Frage nach der Absolutheit der Forderung zur Teilnahme an einem Kreuzzug nicht vollends klären kann, vermutet er in der realen historischen Situation zumindest eine Nominalität der Teilnahmepflicht, die er jedoch in den Dichtungen selbst nur bedingt widergespiegelt sieht. Für die Frage der (Selbst-)Überwindung wäre dann die potenzielle Freiwilligkeit einer Kreuzzugsteilnahme ein dramaturgisch noch wirksamerer Topos, denn wer sich in der geschilderten dilemmatischen Situation gegen die Minneherrin entscheidet, bringt ein noch wesentlich größeres Opfer für den – vermeintlichen – Dienst an Gott. Diametral gegenübergestellt wird hier abschließend der Aspekt des Kreuzzugsdispens, der die Auflösung der bereits eingegangen Verpflichtung zum klerikalen Waffendienst thematisiert – und damit den Primat der weltlichen Liebe erfüllt. Alle Argumentationsgänge sind auch in diesem Kapitel wie bereits zuvor durch aussagekräftige Quellentexte belegt beziehungsweise unterfüttert.
Dass dem Abschiedsmotiv als zumindest einem der wichtigsten Topoi der Kreuzzugslyrik ein eigenes Kapitel eingeräumt wird, macht die Zentralität dieses Aspekts deutlich, gleichwohl ist dieser Abschnitt mit knapp 40 Seiten nicht gerade umfangreich ausgefallen. Das Abschiedsmotiv ist zweifellos tragendes Motivationselement der Kreuzzugsdichtung, weil die Trennung Anlass zur literarischen Reflektion bietet; das Elementare daran enthebt aber zumindest das Motiv selbst, vielleicht sogar die gesamte Gattung aus ihrer Exklusivität – zumindest dann, wenn es lediglich grundsätzlich betrachtet wird. Mit engem Fokus auf den Anlass betrachtet sieht dies anders aus.
Der durch klerikal bedingte Motivation erfolgte Abschied wäre demnach, so auch Tomasek, das wesentliche Element, das die Kreuzzugslyrik vom Minnesang zu unterscheiden hilft. Mit Blick auf die historische Situation der sogenannten Königskreuzzüge diskutiert der Verfasser ansatzweise zumindest die Rolle von Frauen, die im ‚wirklichen Leben‘ ebenfalls an solchen bewaffneten Heiliglandfahrten teilnahmen, was jedoch für die ‚literarische Wirklichkeit‘ dieser Gattung bedeutungslos war, in der das Motiv der Trennung tragend ist. So finden sich zahlreiche Textbelege, anhand derer nicht nur Argumentationsstrukturen kenntlich gemacht werden können, sondern die nicht zuletzt auch einen direkten Einblick in diese literarische Gattung ermöglichen.
Das fünfte Kapitel „Schlussbetrachtungen und spätere Texte“ ist eine Aktualisierung und Erweiterung der eineinhalb Jahrzehnte zuvor abgeschlossenen Arbeit. Es ist wohl immer problematisch, derlei anzustreben, noch dazu in dieser Dimension: Das Kapitel ist mit etwas über 150 Seiten das umfangreichste nach den „Referenzsstrukturen“. Und in gewisser Hinsicht ist auch der ‚Hybridcharakter‘ erkennbar. So greifen die ersten drei Untereinheiten bereits auf schon Gesagtes zurück, was einem Resümee durchaus zupass käme, dann aber nicht unbedingt am Anfang des Großabschnitts stehen sollte. Neben der intensiven (Re-)Thematisierung der Rheinischen Kreuzzugslyrik werden in einem Ausblick auf „spätere Kreuzzugslyrik und Sangspruch“ auch kreuzzugsrelevante Texte Walthers, Wolframs sowie Reinmars in den Blick genommen und diesen auch ein konzentriertes Fazit hintangestellt.
Mit der Zeitmaschine geht es dann ins 13. Jahrhundert, für das Texte mit Bezug auf den Kreuzzugsgedanken, aber auch späte Minnelyrik untersucht werden. Diesem umfassenden Unterabschnitt ist der „Sonderfall: Neidhart“ zugeordnet, der die Publikation beschließt. In diesem Zusammenhang ist es sicherlich zutreffend zu konstatieren, dass „sich Neidharts Kreuzzugslyrik nicht nur, aber in besonderem Maße auch durch die ‚Desillusionierung des Kreuzzugsgedankens‘ von den ‚Rheinischen‘ Kreuzzugsliedern“ abgrenzt – das aber als abschließende(!) Aussage für diese Untersuchungen zur Kreuzzugslyrik des zwölften Jahrhunderts zu treffen, ist nicht wirklich glücklich. Zielführender wäre ein Anschluss, der die Ergebnisse zur Rheinischen Kreuzzugsdichtung paraphrasiert, und gegen deren zumindest impliziten Optimismus den Zweifel des späteren Jahrhunderts zu stellen. Womöglich wäre dann für den Autor auch die passende Gelegenheit gegeben gewesen, explizit deutlich zu machen, ob er die Kreuzzugsdichtung als eigenständig auffasst oder sie ‚nur‘ als Subgattung des Minnesangs ansieht.
Gleichwohl ist das Werk ein wertvoller Beitrag zum Thema. Wie bereits angesprochen, werden zum einen die theoretischen Rahmen in angemessener Weise dargestellt und diskutiert, diese aber auch hinsichtlich der ausgewählten literarischen Texte in Anwendung gebracht. Da die Beispieltexte zwar abgesetzt, aber eben doch in den Fließtext eingebunden sind, ist ein Register der besprochenen Rheinischen Kreuzzugslieder unabdingbar – und wird auch geliefert. Außerdem wird noch ein Text-, Quellen- und Forschungsliteraturverzeichnis geboten, zu dem auch ein Nachweis der herangezogenen und grundlegenden Lexika gehört und dem ein Abkürzungsverzeichnis vorangestellt ist. Eine, abgesehen vom doch üppigen Preis, erfreuliche Publikation, die den Blick auf eine vielleicht ein wenig in Vergessenheit geratene literarische Gattung und Epoche zu lenken vermag.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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