Nicht nur romaneskes Remake

In „Das Flüstern des Lebens“ schreibt Katharina Fuchs unterhaltsame und packende Variationen zu „Jenseits von Afrika“

Von Anne Amend-SöchtingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Amend-Söchting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit 2019 macht die Juristin Katharina Fuchs mit im Jahresrhythmus erscheinenden Romanen auf sich aufmerksam. Fast alle tragen sie „Leben“ im Titel. In ihren Texten – so verdeutlicht die Autorin auf ihrer Website – erzählt sie Geschichten aus ihrer eigenen Familie, fiktionalisiert unter anderem die Schicksale ihrer Großmütter und greift damit tragisch akzentuierte Themen der Kriegs- und Nachkriegszeit auf. Auch Das Flüstern des Lebens sei ein „biografischer Roman“, der auf einer „wahren Geschichte“ beruhe. „Eine Notlandung führe zur Liebe des Lebens“.

Hinter dem, was sich leicht verkitscht anhört, verbirgt sich eine spannende Handlung, in der die Diskussion drängender aktueller Fragen nicht ausgespart wird.

Im Juni 2019 kehrt Isabelle, eine erfolgreiche Münchner Architektin, gerade von einer Geschäftsreise zurück, als sie vom Unfalltod ihrer Tante Corinna, Zwillingsschwester ihrer Mutter Doris, erfährt. Corinna lebte manchmal in München in ihrer luxuriösen Villa, deren Marktwert auf mehrere Millionen Euro geschätzt wird, befand sich aber meistens auf ihrer Kaffeeplantage in Tansania. Dort verunglückte sie.

Isabelle und Doris erfahren, dass die 68-jährige Corinna eine 14-jährige Tochter, Hannah, hat. Wenige Tage nach dem Tod ihrer Mutter verlässt sie Tansania. In München wird sie ein Gymnasium besuchen und bei Doris wohnen, die seit der Trennung von ihrem Mann allein in Corinnas Villa lebt.

Mit Vollendung des 21. Lebensjahres soll Hannah das Vermögen ihrer Mutter überlassen werden, zuvor verwaltet es eine Treuhandgesellschaft. Die Kaffeeplantage, die Mawingu-Farm, hat Corinna ihrer Nichte Isabelle vermacht. Ziemlich aus dem Konzept gebracht, reist diese nach Tansania, um sich vor Ort mit ihrem neuen Besitz vertraut zu machen. Sie findet die Plantage verwaist vor. Die Kaffeekirschen sind überreif. Mit Hilfe des Verwalters Zahir kontaktiert sie die Plantagenarbeiter:innen, so dass die Ernte noch pünktlich vonstatten gehen kann. Gleichzeitig macht sich Isabelle mit den Grundlagen des Kaffeeanbaus vertraut. An Corinnas Computer recherchiert sie zu Hannah, von der niemand in Deutschland etwas wusste. Dass das Mädchen per Leihmutterschaft zur Welt gekommen ist, bringt nebenher auch Isabelles Bruder Moritz in Erfahrung. Auf dieser Grundlage ficht er das Testament der Tante an, verärgert darüber, dass er mit nur 20000 Euro in bar abgespeist worden ist.

Auf der Mawingu-Farm lernt Isabelle den weitgereisten Piloten Frank Barnes kennen, der regelmäßig das von Corinna gegründete Krankenhaus mit seinem Kleinflugzeug beliefert. Bereits am ersten Abend landen sie gemeinsam im Bett. Zwei Tage später ist Frank wieder unterwegs und lässt lange nichts von sich hören.

Kurz nach Weihnachten kehrt er zurück und erst im Februar 2020 fliegt Isabelle nach München, wo sie sich vorrangig um die liegengebliebenen Projekte im Architekturbüro kümmert und an der inzwischen von Moritz in die Wege geleiteten Gerichtsverhandlung zu Corinnas Erbe teilnimmt. Der Richter attestiert die Gültigkeit des Testaments. Nachdem Isabelle ihrer Partnerin im Architekturbüro eine Generalvollmacht erteilt hat, bucht sie einen der coronabedingt letztmöglichen Flüge zum Kilimandscharo International Airport. Dort landet sie am 23. März 2020, die Dauer ihres Aufenthalts ist unbestimmt.

Katharina Fuchs lässt Isabelle ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Abschnitte, die mit den Namen Doris, Hannah oder Moritz überschrieben sind, ergänzen die homodiegetische Stimme um eine heterodiegetische, mitunter im Modus der benannten Figur wahrnehmend, jedoch nicht konsequent fokussierend.

Lässt man einen allgemein gehaltenen extradiegetischen Prolog und einen ersten Abschnitt, datiert auf Herbst 1987 – Isabelle, Moritz und ihre Eltern fliegen zum ersten Mal zur Mawingu-Farm – beiseite, dann erstreckt sich die erzählte Zeit auf ca. neun Monate, von Juni 2019 bis März 2020. Neun Monate, in denen Isabelle mit einem neuen Lebensentwurf schwanger geht, zu Beginn, ohne es zu wissen. Die Metaphorik könnte nicht deutlicher sein.

Im räumlich und zeitlich klar strukturierten Roman sind die beteiligten Personen zwar gut porträtiert, dennoch zeigt sich bei Isabelle, Moritz und Doris streckenweise ein gerüttelt Maß an Stereotypie. So erfüllt die arbeitsame Architektin das Klischee der überforderten, kurz vor dem Burnout stehenden, beruflich erfolgreichen und rundum termingeplagten Frau, die grundsätzlich mit dem, was sie sich nach der Erziehungszeit beruflich aufgebaut hat, zufrieden ist, sich aber insgeheim nach Abwechslung sehnt. Lange schon ist in Isabelles Ehe Flaute, weil ihr Musiker-Mann Christoph seine Violine mehr liebt als sie. Ihr Sohn Alexander ist wohlgeraten. Er studiert, steht auf eigenen Füßen und kümmert sich in Deutschland vorbildlich um seine jüngere Tante Hannah. Aus heiterem Himmel tut das Erbe etwas für Isabelle. Coaching und aufwändige Change-Management-Maßnahmen sind nun nicht mehr vonnöten, kann sie sich doch mit Fachbüchern in die Kunst des Kaffeeanbaus einlesen und steht ihr mit Zahir ein lokaler Experte zur Seite. Wie schön, dass sie außerdem ihren Denys Finch Hatton trifft, den vulnerablen Abenteurer, praktischerweise geschieden. Bei seinem zweiten Aufenthalt auf der Mawingu-Farm blüht Isabelle so richtig auf, nicht zuletzt deshalb, weil ihr Flüge über die Serengeti, mit Frank in seiner Cessna 172, höchste Momente der Glückseligkeit bescheren.

In Tansania wäre ihre Work-Life-Balance perfekt, wenn es nicht ihren Nichtsnutz-Bruder Moritz gäbe, Angestellter bei einer Rückversicherungsfirma, nach Großem strebend, dabei aber ein klassischer Vertreter des derben Diktums, dass jemand mit den großen Hunden Gassi gehen möchte, aber das Bein nicht heben kann. Er ist das schwarze Schaf der Familie, der Antagonist schlechthin, weil er seiner neugewonnenen Cousine Hannah das Erbe ihrer Mutter neidet. Nur in einer marginalen Szene des Romans mildert sich seine Böswichtigkeit, als er nach dem Besuch bei seinem Anwalt, passenderweise in der Vorweihnachtszeit, in sich geht und fragt, ob es nicht vielleicht doch an der Zeit sei, über das hinauszuschauen, was ihm rechtlich zustehe und das in den Blick zu nehmen, was moralisch integer sei. Doch Ebenezer Scrooge, der hier grüßt, ändert sich nicht. Saulus bleibt Saulus.

Nach dem Tod ihrer Schwester durchlebt Moritz‘ und Isabelles Mutter Doris eine Sinnkrise. Sie erkennt, dass sie, die eher darbende Doris, ein Leben lang im Schatten der charismatischen Corinna gestanden hat und ihr people pleasing einen krassen Gegensatz zur Produktivität ihrer Schwester bildet. Doris erleidet einen Schlaganfall, erholt sich davon und lernt in der Reha einen Mann kennen. Es bleibt bei der vorsichtigen Annäherung, so dass es nur bedingt zu einer Revitalisierung durch Kurschatten kommt. Nichtsdestoweniger gelingt es Doris, sich auf sich selbst zu besinnen und dabei ihrer Nichte Hannah Stabilität zu verleihen.

Als ominöse transzendente Präsenz bewahrt Corinna ihre Macht. Eine Aura der Rätselhaftigkeit umgibt die Umstände ihres Todes, die Zahir, der beim Unfall zugegen war und Verletzungen davontrug, nur bedingt aufklären kann. Sicher ist, dass Corinna am Steuer saß, auf dem Beifahrersitz ihre neue, nunmehr vierte Lebensgefährtin.

Als Corinnas Kinderwunsch übermächtig wurde, schloss sie einen Vertrag über Leihmutterschaft mit Amidah, einer Arbeiterin auf ihrer Kaffeeplantage. Für 3000 Euro, gebunden noch an die Auflage, nicht mit dem Kind in Kontakt zu treten, wurde dieser ein befruchtetes Ei von Corinna implantiert.

Nach Corinnas Tod beginnt das Idealbild der erfolgreichen, ständig zwischen den Kontinenten jettenden, Geschäftsfrau zu bröckeln: merkwürdige „Schattierungen zwischen lobenswert und schändlich“ alternierten in ihrem Charakter, wie Isabelle ihrer Mutter gegenüber pointiert. Ein Spiel mit „Inszenierungen, Identitäten und Selbstbildern“ habe Corinna getrieben, sie sei eingesponnen gewesen in einem Lügengeflecht, ihr Verhalten gegenüber ihren Angestellten und Arbeiter:innen auf der Farm sei immer von einer „gewissen Überheblichkeit“ durchsetzt gewesen, bilanziert Frank Barnes. Was bleibt, ist Corinnas Passion für guten Kaffee und ihre Mission, diesen in die Welt zu tragen: in Deutschland sind es die Filialen von „Corinna’s Coffeeshop“, in Afrika ist es zum einen die Produktion, zum anderen in Corinnas Farmhaus eine ganze Phalanx von Kaffeevollautomaten, mit denen sie dem perfekten Kaffee und dem besten Espresso auf der Spur war.

Ihre Kindheit habe sie damit verbracht, den Charakter ihrer Mutter Corinna zu ergründen, sagt Hannah, die komplexeste Figur des Romans. Die Problematik eines Kindes aus Leihmutterschaft erweitert sich in ihr mit der Präsenz zweier Kulturen, wobei eine dritte nicht ausgeschlossen ist. Der Samenspender könnte ein Arzt aus den Niederlanden sein.

Die Bindung zu Amidah mit ihrer „warmen und hellen Stimme“ bietet Hannah emotionale Sicherheit. Mit der leiblichen Mutter, die trotz der Auflage im Vertrag schnell mit ihr in Kontakt getreten ist, assoziiert sie Geborgenheit, mit der biologisch-genetischen Mutter hingegen Strenge, später jedoch eine Familie, die sie – außer Moritz – mit offenen Armen empfängt. Immer wird Hannah die Balance zwischen den Kulturen halten müssen. Die Schwierigkeiten, im für sie neuen Land ihre Identität zu finden, klingen im Roman an. Nicht ihr Äußeres, doch ihre „Art zu sprechen“ ist Quelle eines benevolenten Rassismus, genährt von den dafür typischen Fragen wie „Woher kommst du genau?“ oder „Wie lange lebst du schon hier?“.

„Meine Tante hatte eine Farm in Tansania“ – so beginnt Ein Flüstern des Lebens. „Ich hatte eine Farm in Afrika“ – so beginnt das Lieblingsbuch der Tante. Die kolonialen Strukturen, prägend für Blixens Jenseits von Afrika, perpetuieren sich mit Corinnas Farm in Ein Flüstern des Lebens als postkoloniale. Als weiße Wohltäterin habe sich Corinna inszeniert, so der Tenor bei Frank Barnes. Das Gute, was sie tat, beruhte nicht auf partizipativen und kooperativen Eine-Welt-Prinzipien, es war nicht inkludierend, sondern deutlich exkludierend.

Bei aller Stereotypie avanciert Isabelle zur Trägerin einer sehr deutlichen Botschaft: Es gilt, den Kaffeeanbau zu dekolonisieren, Formen fairen und klimaschützenden Anbaus zu entwickeln und für eine adäquate Bildung der Menschen zu sorgen.

In einem angenehmen narrativen Fluss mit wortreichem und schnörkellosem Stil konstruiert Katharina Fuchs einerseits Variationen zu Jenseits von Afrika, geht aber mit den Themen, die sie aufgreift, weit über die Farm- und Liebesgeschichte hinaus.

Ohne Haarspalterei betreiben zu wollen, sei darauf hingewiesen, dass dem Roman in seiner zweiten Hälfte ein besseres Korrekturlesen gutgetan hätte. Tippfehler sind absolut zu verzeihen, aber wenn Hannas leibliche Mutter mehrfach „Amidiah“ anstatt „Amidah“ genannt wird, fragt man sich, ob zwei gültige Varianten des Namens koexistieren. Für Lacher kann die automatische Silbentrennung sorgen, dann zum Beispiel, wenn eine Erb-lasserin zur Er-blasserin mutiert.

Mit Humor sollte auch die Szene in der Villa Waldeck nach Corinnas Beerdigung gelesen werden. Sie gerät zur Parodie auf die High Society oder einige, die sich für ihre Mitglieder halten. Mehr als alle anderen fällt Corinnas kapriziöse Ex-Freundin Marina auf. Im eleganten Valentino-Kleid postet sie Bilder aus der Villa auf ihrem Instagram-Account, ein absolutes Tabu bei gutem Benehmen.

In nahezu offizielle Allüren kleidet sich der Text, wenn die Juristin Katharina Fuchs durchscheint – bei allem, was das Thema Leihmutterschaft betrifft und in der Gerichtsszene, als Corinnas Anwalt Dr. Mettmann abstreitet, vom Leihmuttervertrag gewusst zu haben. Isabelle ringt mit sich, bevor sie die Wahrheit ans Licht bringt, obwohl diese das Testament hätte torpedieren können.

Katharina Fuchs schreibt qualitativ hochwertige Unterhaltungsliteratur, in die sie Themen aus aktuellen gesellschaftlich-politischen Diskursen einbindet, aber nicht vertiefend behandelt. Wie schön, dass immer auch ein Hund dabei ist, in diesem Fall die Labradorin Frida, und dass Menschen, die Hunde nicht mögen, meistens als zwielichtige Gestalten apostrophiert werden.

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Katharina Fuchs: Das Flüstern des Lebens.
Roman.
Droemersche Verlagsanstalt, München 2025.
480 Seiten, 12,99 EUR.
ISBN-13: 9783426308974

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