Ein guter Ort für Albträume

Mit „Der Trailer“ eröffnet Linus Geschke seine neue dreiteilige Thriller-Reihe rund um das „Camp Donkerbloem“ in den Ardennen

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unweit der Kleinstadt Malmedy im nordöstlichen Teil der belgischen Ardennen siedelt der 1970 geborene Thrillerautor und Journalist Linus Geschke seinen Roman Der Trailer an. Hier liegt inmitten von Wäldern und Sümpfen der fiktive Campingplatz „Donkerbloem“, von dem im Jahre 2011 eine deutsche Studentin spurlos verschwand. Gut anderthalb Jahrzehnte später stößt die Hamburger Kriminalhauptkommissarin Frieda Stahnke, nachdem sie wegen interner Untersuchungen zu einem von ihr bearbeiteten und im Zusammenhang mit einem Immobilienskandal stehenden Mordfall suspendiert wurde, auf die Geschichte um jene verschwundene Lisa Martin und nimmt sich ihrer an.

Von einem Podcaster als Expertin für ungelöste Verbrechen eingeladen, beginnt die Polizistin sich dafür zu interessieren, was damals während eines Sommerwochenendes auf dem Campingplatz geschah. Dabei stößt sie nicht nur auf weitere Verbrechen, sondern auch auf eine Gesellschaft, die sich in regelmäßigen Abständen in „Donkerbloem“ zu Partys traf, die über Nacht zu tabulosen Orgien ausarteten. Sollte Lisa Martin unbewusst zum Opfer eines jener Treffen geworden sein, auf denen die Teilnehmenden im gegenseitigen Einverständnis alle Arten von Gewaltphantasien ausleben durften? Aber wer hat dafür gesorgt, dass die junge Frau anschließend verschwand, ohne auch nur die geringsten Spuren zu hinterlassen?

Der in Köln lebende Wout Meertens war dabei in jener Nacht, als die ahnungslose Lisa ihrem Mörder begegnete. Und er hat den maskierten Mann gesehen, den alle nur den „Fremden“ nannten und der wohl eine rote Linie überschritten hat, die bis dahin von sämtlichen Partygästen akzeptiert wurde. Damit zählt Wout zu jenen Menschen, für die sich nicht nur Frieda Stahnke zu interessieren beginnt, sondern ganz offensichtlich auch jener geheimnisvolle Unbekannte, der seitdem schon einige andere Zeugen der Geschehnisse von 2011 zum Schweigen gebracht hat.

Allein Meertens, der inzwischen mit seinem türkischen Freund Tayfun die Bar Golden Diamond am Rande von Kölns Amüsiermeile, dem Friesenviertel, betreibt, hat selbst eine kriminelle Vergangenheit und hält sich auch in der Gegenwart nur selten an Recht und Gesetz. Das scheint ihm eine Zusammenarbeit mit der Polizei in Gestalt von Frieda Stahnke von vornherein zu verbieten. Doch als er durch den True-Crime-Podcast, an dem Frieda mitgewirkt hat, an jene Nacht im Juni 2011 erinnert wird und sich darüber ganz unerwartet nicht nur sein schlechtes Gewissen meldet, sondern er auch langsam die Gefahr ahnt, in der er selbst als Augenzeuge schwebt, beginnt er ebenfalls, sich für die Identität jenes Fremden zu interessieren, der offensichtlich gerade dabei ist, alle Spuren, die zu ihm führen könnten, zu beseitigen.

Idyllisch und gepflegt kommt Camp Donkerbloem auf den ersten Blick daher. Die klare Waldluft, die Sonnenreflexe auf der Oberfläche des an den Platz angrenzenden Sees mit seinem feinen Sandstrand, die mit Blumenbeeten, kleinen Springbrunnen und schönen alten Bäumen punktende Anlage mit modernen Wohnwagen, zwischen denen ausreichend Platz für genügend Privatsphäre ist – sowohl Lisa Martin, die 2011 der pure Zufall hier für ein Wochenende landen lässt, als auch die Polizistin Frieda Stahnke vierzehn Jahre später auf der Suche nach dem Grund für das Verschwinden der jungen Frau empfinden das Unheimliche rund um diesen Ort erst, als es für die eine bereits zu spät ist und für die andere lebensgefährlich zu werden beginnt.

Linus Geschke hat die Abgeschiedenheit seines Hauptschauplatzes zwischen weiten dunklen Wäldern und ausgedehnten Mooren, jene „zerklüftete, ja fast schon archaische Landschaft, die sich hinter der deutsch-belgischen Grenze bis nach Luxemburg erstreckt“, für seine Leserinnen und Leser sprachlich eindrucksvoll erstehen lassen. Lange bevor es eintritt, ahnt man bereits das Unheil. Und die Angst machende, „kalt und empathielos“ wirkende Figur des Campingplatzverwalters Vince Jacobs – für Frieda „einer jener Typen, die auch in einem hart geführten Verhör nicht zu knacken waren“ – trägt ein Übriges zu der über diesem Ort lastenden bedrohlichen Atmosphäre bei.

Doch sowohl Frieda als auch dem von einer nicht klar definierbaren Schuld umgetriebenen Barbesitzer Wout ist klar: Was einst in Donkerbloem geschehen ist, lässt sich auch nur in Donkerbloem herausfinden. Nur hier können Wunden geheilt, quälende Erinnerungen besänftigt und gegenwärtige Ängste beseitigt werden. Und so führen Friedas Weg von Hamburg aus und der in Köln beginnende von Wout letztlich aufeinander zu und treffen sich da, wo alles begann. Dass auch der Fremde mit der Absicht, letzte Zeugen jener vierzehn Jahre zurückliegenden Nacht zu beseitigen, sich auf den Weg in die Ardennen gemacht hat, sorgt schließlich für einen blutigen Showdown und offenbart ein Geheimnis, mit dem niemand gerechnet hat.

Linus Geschke hat seinen Roman Der Trailer als ersten Teil einer Trilogie konzipiert, deren nachfolgende beide Bände von seinem Verlag bereits mit Erscheinungsterminen (Januar und Juli 2026) versehen wurden. Man darf also gespannt sein, wie der Autor die Geschichte um den unheimlichen Trailerpark in den Ardennen weiterspinnen und welche Rollen er den eingeführten Figuren bei deren nächstem Zusammentreffen zuteilen wird. Eines jedenfalls verrät ein dem Text angehängter sechsseitiger Teaser bereits jetzt über Band 2: Es wird darin nicht weniger blutig zugehen, auch wenn mit Tayfun als neuem Verwalter des Zeltplatzes und Wout als seinem finanzkräftigen Hintermann jetzt ein neues Kapitel in der Geschichte von „Camp Donkerbloem“ begonnen hat.

Titelbild

Linus Geschke: Der Trailer. Thriller.
Piper Verlag, München 2025.
411 Seiten , 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783492068611

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