Das Gefühl, lieber allein zu sein als einsam unter Menschen

Marlene Gölz’ erster Roman „Himmelfahrt“ ist eine Studie über das Leben auf dem Lande

Von Johann HolznerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Johann Holzner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das erste Motto, das Marlene Gölz ihrem Debütroman vorangestellt hat, stammt aus dem Essay A Room of One’s Own von Virginia Woolf: „[…] which was truth and which was illusion?“ Caro, die Hauptfigur dieses Romans, kommt auf der Suche nach der Wahrheit indes lange Zeit nicht wirklich voran. Das liegt zum einen am Hauptschauplatz des Geschehens; es ist dies ein nicht näher bezeichnetes Dorf in Oberösterreich, Caros Heimatdorf, das sie nach etlichen Jahren wieder einmal aufsucht. Ein Dorf, in dem vor allem eines angesagt ist: Schweigen. Das liegt jedoch auch an Caro selbst. Denn den Versuch, sich mit der Gegend wieder einigermaßen zu versöhnen, startet sie mit wenig Elan, eher halbherzig.

Den Anlass zu dieser Rückkehr, die sich ausweitet zu einer Rückschau, bietet ein Begräbnis. Melanie, die einmal Caros beste Freundin war, hat einen Autounfall nicht überlebt. Aber, wie ist es zu diesem Unglück überhaupt gekommen? Was hat Melanie in der Zeit davor erlebt oder auch gar nicht mehr länger mitansehen wollen? Was hat sie Caro wissen lassen, was hat sie vor ihr verheimlicht? Vieles geht der Protagonistin in diesem Sommer auf dem Lande durch den Kopf, nicht wenig verbleibt ganz im Dunkeln.

Denn die Erzählerin hält sich sehr zurück. Auch mit Urteilen. So nistet sich vieles als Andeutung ein, als Ahnung. Auch in den Gesprächen, die Caro führt: Das sind die interessantesten Szenen des Romans, die abstecken, was die Menschen zudecken, wenn sie miteinander reden oder etwas vor sich hin summen: „Hungry Eyes“ zum Beispiel. Ein Lied, dass die verstorbene Melanie oft gesungen hat. Viel Glück mit den Männern war ihr nicht beschieden, eine gute Nachrede später auch nicht. „Alles veränderte sich hier, manches schleichend, manches plötzlich. Auf dem Land meinte Veränderung meist nichts Gutes.“ Die Erzählerin ist da mit Caro einer Meinung. Wie Luftballons, die kaum losgelassen schon in den Himmel auffahren, so sind die Illusionen, die Melanie, Caro und ihre Jugendfreunde früher einmal gehegt haben, allesamt zerplatzt.

Sie bilden eine Generation, die das Ärgste schon überstanden zu haben scheint; Familie, Beruf et cetera, alles wirkt wenigstens auf den ersten Blick einigermaßen abgesichert. Und vertrocknet. Früher einmal haben sie doch noch Jack Kerouac gelesen. „An alles hatten sie geglaubt. An die Liebe und an die Rettung der Welt.“ Inzwischen sind sie ernüchtert. Wut, Traurigkeit, schlimmer noch: Gleichgültigkeit macht sich breit. In Caros Gesprächen mit ihrer Mutter, mit ihren beiden Kindern, mit ihrem Mann, der sich längst schon eine Freundin zugelegt hat, und schließlich auch mit ihrem Jugendfreund, mit dem Caro mittlerweile ebenfalls nicht mehr so recht klarkommt, äußert sich eine Leere, die nicht einmal nach einem aufklärungsbedürftigen Todesfall die Angehörigen inkommodiert. „Die waren pragmatisch hier, was den Tod anging. Was die Liebe anging, auch.“

Vieles bleibt unausgeführt, ambivalent. Der Roman begnügt sich damit, Anzeichen aneinanderzureihen; und so bleibt auch offen, ob das Leben auf dem Lande, ursprünglich geplant als Ferienaufenthalt, als Gastspiel bis Mariä Himmelfahrt, für die Heldin der Geschichte vielleicht sogar zu einer Dauerlösung zu werden droht. Was aus ihrer Perspektive nämlich früher einmal kaum zu ertragen war und im Grunde noch immer nicht wegzustecken ist, wird heute gleichwohl geschluckt: auch wenn es da nach wie vor „dieses Gefühl“ gibt, „nicht dazuzugehören und lieber allein zu sein als einsam unter Menschen.“ Die Empfindung der Enttäuschung, um die sich die ganze Geschichte dreht, wird hier so kühl vermittelt wie nur möglich. Was durchaus geeignet scheint, den „lonesome traveller“ unter den Leserinnen und Lesern dieses Romans aufzurütteln. Ein Alarmsignal. Und ein vielversprechendes Debüt.

Titelbild

Marlene Gölz: Himmelfahrt. Roman.
Septime Verlag, Wien 2025.
192 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783991200697

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch