Die verschlungenen Wege des Unbewussten
Geheime Botschaften, verbotene Fantasien, das ewige Spiel von Gut und Böse – Michael Barben wagt in „Unterbewusstes aus Bildern der Renaissance“ den Versuch, mit psychoanalytischem Werkzeug in den Gemälden der Renaissance zu graben
Von Silvio Barta
Eine Dissertation als Lesebuch? Warum nicht – der Verlag macht immerhin deutlich, dass hier mehr als ein akademisches Pflichtprogramm geboten werden soll. Doch trägt das Experiment? Oder besser gefragt: Liefert es Erkenntnis oder Erschöpfung? Wer sich die Antwort nicht verderben lassen möchte, sollte jetzt vielleicht nicht weiterlesen, denn die Bilanz fällt ernüchternd aus. Lernt man tatsächlich etwas Neues? Nein. Ist es spannend erzählt? Eher nicht. Bereitet es Freude, den Gedankengängen zu folgen? Nur mit großem Durchhaltevermögen.
Am Ende bleiben interessante Versatzstücke, die sich jedoch nicht zu einer überzeugenden Gesamtschau fügen.
Old School in doppelter Hinsicht
Michael Barben, Psychoanalytiker und Historiker, verbindet in Unbewusstes aus Bildern der Renaissance zwei Felder, die gleichermaßen vertraut wie verstaubt wirken. Renaissancebilder sind längst kulturelle Alltagsware – man findet sie sowohl in Museumsshops als auch in Netflix-Dokus. Und doch entfalten sie, gerade durch ihre allegorischen und symbolischen Ebenen, nach wie vor eine besondere Faszination. In einer Epoche, in der malerische Zufälle kaum vorgesehen waren, gilt: Jedes Detail ist gewollt ins Bild gesetzt. Daraus ergibt sich ein nahezu unbegrenzter Raum für Interpretation.
Auch Freuds Dreifaltigkeit von Ich, Es und Über-Ich ist mittlerweile Gemeingut. Wer sich mit Achtsamkeit beschäftigt, kennt die Spannung zwischen Bewusstem und Unbewusstem ohnehin. Über weite Strecken wirkt Barbens Buch daher weniger wie eine wissenschaftliche Analyse, sondern eher wie ein Akt der Selbstexploration. Lacan sorgt zwar für ein wenig intellektuelles Glitzern, wirklich neue Perspektiven entstehen daraus aber nicht.
Die Grundidee – das Unbewusste im Sichtbaren der Kunst aufzuspüren – hat durchaus Charme. Doch wer sich davon Leselust oder frische Einsichten erhofft, wird enttäuscht.
Struktur als Stolperfall
Das Buch ist in drei große Abschnitte gegliedert. Kapitel 1: Psychoanalyse kompakt. Hilfreich als Auffrischung, doch der Schreibstil wirkt, als habe Barben alle Konventionen des wissenschaftlichen Schreibens (oder allgemein der um Verständnis strebenden Prosa) kurzerhand über Bord geworfen. Keine Absätze, keine Zwischenüberschriften, kaum Struktur – die Leser:innen müssen sich durch Textflächen kämpfen, die jede Orientierung verweigern.
Da die Psychoanalyse komplex und vielschichtig ist und ihre Bezüge zum wissenschaftlichen Diskurs nur unzureichend entwickelt sind, wäre ein klarer methodischer Rahmen für die Lektüre besonders hilfreich.
Kapitel 2 behandelt die Renaissance und knüpft in seiner Darstellung direkt an die Unzugänglichkeit von Kapitel 1 an. Barben kündigt den Abschnitt „Ideengeschichte“ beispielhaft im Schnellzugtempo an: „Die folgenden Darlegungen und Überlegungen sollen einen kurzen Überblick wichtiger Ideen seit der griechischen Antike bis in die Moderne mit Freuds Psychoanalyse geben.“ Das klingt verheißungsvoll, wenn auch übermütig – nur folgt darauf ein einziger zwölfseitiger, ununterbrochener Absatz. Eine Tabelle hätte vermutlich mehr Klarheit gestiftet.
Der zweite Hauptteil bildet den eigentlichen Kern des Buches, Barben analysiert vier Gemälde Doch auch hier dominieren dichte Passagen, die mehr tagebuchhaft wirken als analytisch. Michael Barben selbst schreibt in der Einführung: „Solche Passagen einmal erkannt, können als Leseempfehlung auch abgekürzt werden. Wer sich den Weg der faszinierenden bis mühsamen Assoziationsketten sparen möchte, kann die destillierten Erkenntnisse im Fazit lesen.“
Ein kluger Rat – nur schade, dass ein wirklich pointiertes Fazit kaum zu finden ist.
Der letzte Teil widmet sich einer Methodenreflexion. Es existieren zahlreiche wissenschaftliche Verfahren, die sich mit Bilddeutung (etwa Kanofskys ikonographische Analyse) oder mit textlichen Inhalten (zum Beispiel die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring) beschäftigen. Sie sollen dort, wo Deutung ins Subjektive oder gar Spekulative abgleitet, ein empirisches Vorgehen ermöglichen – und zugleich Gütekriterien wie Objektivität, Reliabilität und Validität sichern. Ob die Psychoanalyse überhaupt beansprucht, belastbare Empirie zu erzeugen, sei dahingestellt. Umso mehr weckt dies jedoch die Erwartung an eine präzise Methodenreflexion.
Was Auswahl und Abgrenzung betrifft, bleiben die Leser:innen jedoch im Dunkeln. Für die Wissenschaft ist es entscheidend zu verstehen, nicht nur was betrachtet wird, sondern auch, was bewusst ausgeschlossen wird und weshalb. Warum vier Bilder, und nicht drei oder vierundvierzig? Warum genau diese vier? Warum der Fokus auf Freud und Lacan, nicht auf Adler, Jung oder eine zeitgenössische Stimme wie Hannah Zeavin? Oder Verena Kast mit ihren Märcheninterpretationen? Fragen über Fragen. Das Ungewisse und Ambivalente könnte durchaus fruchtbar sein – hier jedoch wirkt es nicht als produktive Spannung, sondern als Willkür. Freud selbst hat Ambivalenz in Totem und Tabu (1913) klar definiert: „Wir haben den Ausdruck Ambivalenz für den Umstand eingeführt, daß gegensätzliche Regungen, Liebe und Haß, an demselben Objekt nebeneinander bestehen können.“ Ambivalenz bedeutet also nicht Beliebigkeit, sondern ein präzises Spannungsverhältnis. Genau hier hätte Michael Barbens Buch ansetzen können.
Aber auch in den abschließenden Kapiteln verliert sich der rote Faden rasch in Redundanzen und einer nicht enden wollenden Textwüste.
Dichte ohne Destillat
Unbewusstes aus Bildern der Renaissance ist durchaus ein ehrgeiziges Projekt: Psychoanalyse trifft Kunstgeschichte, Theorie trifft Bild. Doch das Ergebnis bleibt schwerfällig. Wo Klarheit, Verdichtung und Zuspitzung nötig wären, verliert sich der Text in Assoziationsketten und formalen Brüchen.
Am Ende steht kein Aha-Erlebnis, sondern eher die leise Frustration, dass viel Material vorhanden war – und wenig daraus destilliert wurde.
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