Irgendwo dazugehören
Johan Harstads Roman „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ führt in Fantasiewelten – und verführt dahin
Von Werner Jung
Wie alle großen Romane der Weltliteratur lässt sich auch Johan Harstads Geschichte entweder mit einem einzigen Satz beschreiben – oder aber trotz vieler Worte gar nicht, denn Harstads Roman zählt ja immerhin 1148 Seiten. Also, es handelt sich (wieder einmal) um einen ‚Coming-of-Age‘-Roman, diesmal auf Norwegisch. Oder, mindestens angedeutet, handelt es sich um die Machart dieses Textes – um Genrebezeichnungen auf den Punkt zu bringen: einen Adoleszenzroman, einen Krimi, einen Thriller, eine Politgeschichte und eine Wissenschaftsgeschichte zugleich, einen historischen wie einen Zeitroman aus der Gegenwart, eine Abenteuergeschichte mit Karl-May-Adaptionen, einen philosophischen wie einen zeitkritischen Roman. Und was noch? Einen Roman eben über Gott und die Welt, und was sie zusammenhält und – vor allem – was sie, die Welt und den Planeten, in den Abgrund bzw. die totale Vernichtung stürzen könnte. Also schließlich auch noch so etwas wie eine Dystopie. Nur dass diese hier nicht so modisch daherkommt wie sonst üblich auf dem internationalen Büchermarkt, einschließlich der Jugendbücher.
Also noch einmal: Harstads Roman erzählt – und übt sich dabei in endlosen Mäandern – von der Kindheits- und Jugendgeschichte dreier Freunde, Ingmar, Jonatan und Peter (der allerdings überaus blass bleibt), und ihrer gemeinsamen Freundin Ebba. Allesamt Kinder der Vorstadt, aus Pori, aus höchst unterschiedlichen Elternhäusern, Akademiker ebenso wie ein Friseur darunter, die das tun – etwa im Zeitraum zwischen 1988 und 1998 –, was auf den Straßen und in den Gärten, Kellern und Wohnungen zu erleben ist. Dann passiert etwas Außergewöhnliches: Im Keller eines verlassenen Hauses, in das Jonatan ohne die anderen eingedrungen ist, findet er einen seltsamen Gegenstand – einen Pflasterstein oder etwas in dieser Art –, fasst ihn an und kommt völlig verändert zu den anderen zurück. Ein Erlebnis proustschen Ausmaßes: ein Schlüsselerlebnis, das irgendetwas mit radioaktiver Strahlung zu tun hat und worauf Harstads Roman immer wieder zurückkommt. Die Madeleine Prousts jetzt in Gestalt eines (verseuchten) Gegenstands, unter dem – wie der Titel verlauten lässt in Erinnerung an einen Slogan der 68er-Bewegungen – der Strand liegt: nämlich die Entdeckung anderer möglicher Welten als der vorgefundenen prosaischen Wirklichkeit. Jonatan glaubt, als er zu den anderen zurückgekehrt ist, sein ganzes Leben einschließlich seines Todes im Jahr 2062 erlebt zu haben, was ihn schließlich für eine Weile in die Psychiatrie bringt. Dieser Stein, von dem sich herausstellt, dass er bereits schon einmal, im Jahre 1964, auf der einsamen Insel Tristan da Cunha unter den Mitgliedern einer Wetterstation sein Unwesen getrieben und für politische Scharmützel gesorgt hat, in die schließlich noch Tschernobyl und der Zusammenbruch des ‚real existierenden Sozialismus‘ hineinspielen. Also die ganz große Bühne – dazu Andeutungen, Verschwörungen, Konspirationen aller Art.
Harstads Roman beginnt und endet in der aktuellen Gegenwart: Längst haben Ingmar und Ebba, die in ihrer Jugend die Freundin von Jonatan gewesen ist, zusammengefunden, eine Familie gegründet, hat Jonatan Karriere gemacht, und es bleibt Peter, der lange Zeit revolutionären Bewegungen wie den Zapatisten in Mexiko nahegestanden hat, vorbehalten, in einer Rede, einem Manifest, groß ausgreifend, die fatale Dialektik der Kernenergie (und des vermeintlichen Fortschritts schlechthin) zu beschwören:
„Wir sind das Produkt von über 220 Jahren Ignoranz, Gier und Schuld. Wir sind die Sklaven der Maschinen, die wir einst bauten, die uns alles gaben und jetzt alles nehmen, nachdem sie uns eingebläut haben, wir könnten nicht mehr ohne sie leben, weil es sonst unmöglich wäre, so viel und so schnell zu konsumieren. Wir sind die Kinder der Konzerne, die uns von den naturbelassenen Lebensmitteln entwöhnt und an ihre Produkte gewöhnt haben, wir sind die Kinder, die wieder in die Höhle geführt und gebeten wurden, uns auf die Fernsehbilder zu konzentrieren statt auf die Welt da draußen, angelockt von ihren hypnotischen Flöten. […] Der Komet, der 1908 über Tunguska explodierte, hat den Beginn der modernen Welt markiert, und die Bombe, die heute an genau derselben Stelle hochgegangen ist, markiert den Beginn einer weiteren neuen Welt. Mit ihrer Ladung an radioaktiven Isotopen ist die Natur jetzt imstande, sich in den nächsten 100 Jahren oder darüber hinaus gegen die menschliche Ausbeutung zu wehren.“
Dieser Roman ist nicht zuletzt ein großes Lesevergnügen, das einen – lässt man sich einmal darauf ein – in andere (Fantasie-)Welten führt und dahin verführt.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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