Erinnerungen an Jochen Vogt (1943–2025)

Von Hannes KraussRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hannes Krauss

Im August, wenige Monate nach seinem 82. Geburtstag, ist Jochen Vogt nach schwerer Krankheit verstorben. Wir hatten uns 1973 an der gerade gegründeten Gesamthochschule Essen kennengelernt und in den folgenden Jahrzehnten vieles zusammen initiiert und realisiert. Jochen Vogt war ein zuverlässiger Freund und außergewöhnlicher Hochschullehrer. Hierarchisches Gehabe war ihm fremd, Inhalte waren ihm wichtiger als Rangordnungen. Er war nahbar, auch für Studierende, aber nie kumpelhaft. Besonders intensiv kümmerte er sich um jene ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund (also fast alle an einer neuen Hochschule mitten im Ruhrgebiet). Er war ein engagierter Lehrer und dabei keinesfalls anspruchslos. Mitarbeiter*innen und Studierenden gegenüber verstand er sich in der Rolle des Anregers und Ermöglichers. Und er schrieb Bücher, die zur Grundlage des literaturwissenschaftlichen Studiums wurden. Seine Einführung in die Erzählanalyse oder seine Einladung zur Literaturwissenschaft sind bis heute Standardwerke. Jochen Vogt beherrschte etwas, das in der Wissenschaft selten ist: er konnte allgemein verständlich und elegant schreiben, ohne dass die Komplexität des Themas verloren ging. Kurzweiligkeit und Präzision zeichneten auch seine Vorlesungen aus. Zugleich war er immer offen für Neues – bei Themen und Lehrmethoden. Mehrtägige Blockseminare auf einer westfälischen Burg oder in der Eifel wurden zum festen Bestandteil seiner Lehre (wobei er sich nicht scheute, auch selbst in der Küche zu stehen). Und lange vor dem Digitalisierungs-Boom entwickelte er ein Hypertext-Begleitprogramm zur „Einladung“. Als das in der etablierten Germanistik noch verpönt war, befasste er sich mit Theorien zum Kriminalroman. Daraus entstanden ebenfalls Standardwerke, die heute als Klassiker gelten. Der Bogen seiner literaturwissenschaftlichen Arbeiten reicht von Hans Henny Jahnn über Bertolt Brecht, Thomas Mann, Heinrich Böll, Anna Seghers, Paul Celan und Peter Weiss bis zu Robert Gernhardt – und zum Krimi. Auch die künftige Berufspraxis der Studierenden hatte er im Blick. Unter seiner Federführung ist ein „Werklexikon für den Deutschunterricht“ entstanden, und – ein Aushängeschild der Essener Fakultät für Geisteswissenschaften – der Masterstudiengang „Literatur- und Medienpraxis“.

Jochen Vogt hat Ideen, die heute unter der Chiffre 1968 archiviert werden, in universitäre Praxis umgesetzt – ohne Pathos, aber mit messbaren Erfolgen. Die Liste seiner Schüler*innen, die später selbst Hochschullehrer*innen wurden, ist lang. Auch in der Auslandsgermanistik engagierte er sich – beim Aufbau der portugiesischen Germanistik (nach dem Ende der Diktatur), in einem gemeinsamen Studienprogramm mit dem University College Dublin (schon vor dem ERASMUS-Start) oder als Gastprofessor an renommierten amerikanischen Universitäten. Wichtig war ihm dabei stets, dass solche Kontakte als Bereicherung und Horizonterweiterung auch der eigenen Hochschule und ihren Studierenden zugutekamen. Fach und Beruf hat er immer ernster genommen als sich selbst.

Nach seiner Emeritierung 2008 zog er in den Hunsrück, blieb aber der Universität und Stadt Essen verbunden – durch die Betreuung von Doktorarbeiten, durch eine monatliche Krimikolumne in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und durch regelmäßige Mitarbeit in der Essener Redaktion Gegenwartskulturen von literaturkritik.de. Allzu viele Beiträge gibt es nicht von ihm, aber alle sind es wert, noch einmal gelesen zu werden. Seine fundierten Krimi-Kritiken liefern kleine Kollegs über die Geschichte des Genres gleich mit. Noch ausführlicher bieten dies seine Essays „(Fast)Alles über Krimis … in 10 einfachen Sätzen“ (literaturkritik.de 08/2016) und „Über Wandlungen und Niedergang der Detektivfigur“ (literaturkritik.de 3/2017). Nachhaltig empfohlen zur Wiederlektüre sei schließlich der Essay „‚Die Ermittlung‘ von Peter Weiss im Kontext oder: Frankfurt am Main 1963/1965“ (literaturkritik.de 4/2017). Ein konziser Text über Themen, die den Deutschunterricht (und den Alltag) der am Ende des Zweiten Weltkriegs geborenen Generation prägten. Und zugleich eine Kulturgeschichte der frühen Bundesrepublik im Kürzest-Format.

Jochen Vogts Beiträge in literaturkritik.de illustrieren exemplarisch sein Verständnis von Literaturwissenschaft und seine stilistischen Qualitäten. Die hat er trotz wachsender gesundheitlicher Beeinträchtigung bis wenige Monate vor seinem Tod gepflegt. Nachzulesen auch in seinen unter dem Titel Das muss der Reimreinbringer sein gesammelten „Rückblenden“ (vgl. den Hinweis in literaturkritik.de 12/2024).

Nicht nur Freunden und Kollegen fehlt er – als Mensch, als Autor und als Wissenschaftler.

Beiträge von Jochen Vogt in literaturkritik.de:

Das erstaunliche Meisterwerk eines jungen schwedischen Kriminalautors.
Christopher Carlsson erzählt in „Was ans Licht kommt“ auf außergewöhnliche Weise von den Mordermittlungen eines Polizisten zwischen Verpflichtung und Besessenheit
Von Jochen Vogt
Ausgabe 01-2023

Mafia und Mythos.
Bestsellerverdächtig: „City on Fire“ von Don Winslow
Von Jochen Vogt
Ausgabe 08-2022

Ein großer Roman, in dem auch ein Verbrechen geschieht.
Tana French und ihr Meisterwerk „Der Sucher“
Von Jochen Vogt
Ausgabe 01-2022

Unterhaltsam, aber mit intertextuellem und kulturhistorischem Tiefgang.
„Silverview“: Der Nachlassroman von John le Carré
Von Jochen Vogt
Ausgabe 11-2021

Die Spy Story als Familiendrama und politischer Roman.
John le Carré erzählt Geschichten aus seinem Leben
Von Jochen Vogt
Ausgabe 08-2017

„Die Ermittlung“ von Peter Weiss im Kontext oder: Frankfurt am Main 1963/65.
Eine Rückblende
Von Jochen Vogt
Ausgabe 04-2017

Denkmaschine, Kleinbürger, Traumapatient – und nun?
Über Wandlungen und Niedergang der Detektivfigur
Von Jochen Vogt
Ausgabe 03-2017

(Fast) Alles über Krimis ….
… in 10 einfachen Sätzen
Von Jochen Vogt
Ausgabe 08-2016

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen